Naserümpfen ist oft die erste Reaktion auf die Architektur der 70er-Jahre. Schwärmen mag von den Betonburgen oder den gar zu üppig ausdekorierten Bauten niemand so recht. Und wer dazu noch an die Heizkosten denkt, spricht eher von abreissen als von sanieren.

Doch gemach! Die «dekorierten Schuppen», die postmodernen Zitatensammler-Bauten oder die Puzzles aus vorfabrizierten Elementen werden ihr Revival, ihre Rehabilitation erleben. Wenn jetzt die Schlaghosen wieder auf den Laufstegen und bald auf der Strasse zu sehen sind – modische Ikonen der 70er-Jahre –, dann wird bald auch die scheinbar popelige Architektur jener Zeit wieder entdeckt. Übrigens: Die ersten Bauten aus der Epoche stehen schon unter Denkmalschutz – nicht nur als Zeitzeugen, sondern als originelle Schöpfungen.

Warum aber haben die 70er einen schlechten Ruf? Weil es ein Jahrzehnt der Widersprüche war? Und weil es gesellschaftlich wie politisch, architektonisch wie weltanschaulich so schwer fassbar ist? Stichworte dazu: Die Nachkriegs-Boomjahre endeten 1973 abrupt mit dem Ölschock und einer weltweiten Weltwirtschaftskrise. Der Vietnamkrieg und die Protestbewegungen dagegen, die sexuelle Revolution und neue Lebensmuster im Nachklapp von 1968 verunsicherten und beflügelten die Menschen. Hippies und Kleinbürger, Fremdarbeiter und Aussteiger lebten nebeneinander.

Noch hiess die Losung Fortschritt, doch mit den Warnungen des Clube of Rome und der Ölkrise erwachte das Umweltbewusstsein. «Jute statt Plastik», wurde 1978 ausgerufen, und die Schweizer Gartenausstellung Grün 80 mit dem Wahrzeichen des Beton-Sauriers und ungewohnten grünen Anliegen lockte drei Millionen Besucher an.

Wie aber wurde bei uns gebaut? Der Basler Fotograf Christian Flierl ist den Bauten aus den 70er- und 80er-Jahren in der Nordwestschweiz nachgereist. Angeregt durch ein Wohnhaus in Muttenz, das ihm rätselhaft erschien. So entstand ein Buch, das unter Architekten bereits als Geheimtipp herumgeboten wird – gerade weil über diese zwiespältige Epoche so wenig Fassbares vorliegt. Die Texte mit der architektonischen Diskussion sind leider wenig erhellend. Lesenswert dagegen ist Roger Ehrets Liebeserklärung an die aus heutiger Sicht fast unvorstellbare Unbeschwertheit der Zeit.

Experimentierfreude mit Material und Form zeichnet die Architektur aus. Vorgefertigte Teile, Sichtbeton und Kunststoff sowie ein frecher Mix von Stilelementen ergaben Bauten von heterogener Erscheinung. Zu «modern», zu fremd, zu gross, zu verspielt oder zu brutal empfanden sie die Menschen.

Die Architektur geriet vor allem wegen der menschenfeindlichen städtebaulichen Konzepte in die Kritik. Das Wohnen, also die Bewohner, wurden in die Grüngürtel ausgelagert – in Grosssiedlungen wie in die Telli in Aarau, das Liebrüti (!) in Kaiseraugst.

Die Stadtzentren wurden für die Dienstleister, für grosse Bank- und Bürogebäude freigeräumt wie für die Bankgesellschaft am Aeschenplatz oder die Post beim Bahnhof in Basel. Die Altstädte wurden mit Neubauten ergänzt, deren Einpassung für Kontroversen sorgte wie am Basler Rheinufer. Die Zentren wurden mit Strassen durchschnitten und mit Einkaufszentren wie dem Neumarkt in Brugg aufgepeppt. Betonbunker hiess letzterer im Volksmund. Über die «Betonburgen» der Zeit ist man noch heute uneins. Steht beispielsweise die Kanti Olten zu Recht unter Denkmalschutz, oder gehört sie abgerissen?

Orange war die Farbe der 70er-Jahre und schwappte mit der Pop-Art nicht nur in die Mode, sondern auch in die Baukunst. Die leuchtenden orangen, roten oder gar braunen Rollladen und Fassadenverkleidungen wurden bei Sanierungen meist «bereinigt». Der «Fressbalken», die Autobahnraststätte in Pratteln, leuchtet heute gelb statt braun-orange. Ob diese «Korrektur» in ein paar Jahren wieder rückgängig gemacht, der Geist der 70er-Jahre auch hier auferstehen wird?

Christian Flierl: «Völlig losgelöst». Park books. 152 S., Fr. 44.–.

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