Was nun? Mit Claudio Abbado verlor die Musikwelt am Montag eine Jahrhundertgestalt. Eine Ära geht zu Ende – das Loch ist so gross wie damals am 16. Juli 1989, als Herbert von Karajan in Anif bei Salzburg starb. Selbst Kaliber wie Georg Solti und Abbado konnten damals das Vakuum nicht füllen. Was damals für Salzburg und Berlin galt, trifft nun für Luzern zu. Obwohl schon lange ein Thema: Man weiss nicht, wie es mit Abbados weltweit bewundertem Festspielorchester weitergehen soll. Abbado ist unersetzlich, was aber nicht heisst, dass es nicht nach wie vor aussergewöhnliche Dirigenten gibt: junge wie alte.

Das Lucerne Festival Orchestra (LFO), dieses aussergewöhnlichste Orchester der Welt, beruhte ganz auf dem Wesen Abbados. Hier sassen an den Schaltstellen, wenn auch nicht seine Freunde, so doch seine engsten Mitmusiker. Mit dem Mahler Chamber Orchestra, dem Stamm des LFO, verstand sich Abbado seit vielen Jahren blind, weil er diesen famosen Musikern das Gefühl gab, nicht er, sondern sie selbst würden über Glück oder Unglück der Aufführung entscheiden. Das neue LFO müsste auf einen anderen Stamm aufbauen, denn Musiker A erträgt vielleicht Dirigent B gar nicht.

Dieser Dirigent B muss nicht bloss ein grosser Dirigent sein, sondern eben auch eine Überfigur – einer, der nicht irgendwo Abo-Konzerte dirigiert und überall sonst anzutreffen ist: Er muss den Konzerten in Luzern eine Exklusivität verleihen. Diese Person ist ab 2019 vielleicht tatsächlich frei, tritt dann doch der Brite Simon Rattle (*1955) vom Amt des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker zurück. Er verlässt dort den wahren Dirigententhron. Rattle schaffte es in Berlin bereits 2002 mit dem Antritt des Amtes, eine geheimnisvolle Aura um sich zu legen. Er war trotz Kritik unantastbar.

Ist Rattle also der beste Dirigent der Welt? Zählt man den Glamour-Faktor und seine Repertoire-Breite dazu, durchaus.

Will man aber die Ehrenplätze füllen, muss man sich zwischen Riccardo Chailly (*1953), Riccardo Muti (*1941), Antonio Pappano (*1959) und Christian Thielemann (*1959) entscheiden. Diese vier Dirigenten dirigieren sowohl Opernorchester als auch weltberühmte Sinfonieorchester. Repertoire-Lücken kann man beim einen wie beim anderen erkennen – bei Chailly, der mit dem Gewandhausorchester in Leipzig Grossartiges erschafft und bald auf dem Opernthron in Mailand sitzt, am wenigsten. Antonio Pappano verfügt aber über genauso grosse Kompetenz in den zwei Bereichen. Er zeigt als Opernchef in London, als Sinfonieorchesterleiter in Rom und immer wieder auch auf CD, wie famos er arbeitet. Christian Thielemann, Orchesterchef in Dresden und Bayreuth-Regent, aufs Deutsche zu reduzieren, ist ebenso falsch wie Riccardo Muti bloss auf Verdi: Muti zeigte als Chefdirigent der Scala eine Bandbreite, die von Gluck bis Poulenc reichte.

Selbst wenn man das Lebenswerk hinzuzählt, würden es Lorin Maazel (*1930), Pierre Boulez (*1925) und Nikolaus Harnoncourt (*1929) kaum aufs Podest schaffen. Sicher ist, dass sie heute zu alt dafür sind – Mariss Jansons (*1943), Seiji Ozawa (*1935) und James Levine (*1943) leider zu geschwächt.

Es gibt noch Jüngere, die tatsächlich auf den Thron wollen, allen voran Gustavo Dudamel (*1981) und Andris Nelsons (*1978). Der Weg dieser zwei Dirigenten führt allerdings nicht nach Luzern, sondern viel eher nach Berlin: Sie wollen dort Nachfolger von Simon Rattle werden. Aber wenn nun auch die Berliner denken, dass nach Karajan, Abbado und Rattle erneut eine Überfigur vor ihnen stehen müsste, wählen sie dann nicht eher Alleskönner Daniel Barenboim (*1942) oder Thielemann?

Die Diskussion, in der wir den russischen Stardirigenten Valery Gergiev (*1953) oder die gelassenen Bernard Haitink (*1929) und Franz Welser-Möst (*1960) noch nicht erwähnt haben, zeigt, wie viele grosse Dirigenten zurzeit um den Thron buhlen. Chefdirigent in Berlin könnten einige von ihnen werden, zu einer Figur wie Abbado, die Luzern und das Lucerne Festival Orchestra brauchen, taugt nur Simon Rattle.

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