Es gibt Synchronisationen, die berühmter wurden als das Original. Wer kennt nicht «Ich seh’ dir in die Augen, Kleines» aus dem Film «Casablanca»? Auch Bruce Willis’ «Schweinebacke» erlangte mehr Kultstatus als das plumpe «Motherfucker» im Original von «Die hard» (oder eben «Stirb langsam»).

Und doch. Wer Kino liebt, betont gerne, Filme im Original zu bevorzugen – mit Untertiteln als Übersetzungshilfe. Die Atmosphäre ist eine andere, wenn Schauspieler mit ihrer eigenen Stimme sprechen. 70 Prozent der Kunden verlangten nach Filmen im Original, sagt Franziska Sterk, die mehrere Kinos in Baden AG betreibt. Doch damit ist Baden mittlerweile eine Ausnahme.

Die Mehrheit der Kinobesucher will nichts mehr von Untertiteln wissen, das zeigen Zahlen des Branchenverbands Pro Cinema. Zwischen 2003 und 2013 ging der Anteil der Originalversionen an den Eintritten schweizweit von 55 auf 45 Prozent zurück. Extrem sind die Veränderungen in den grossen Städten der Deutschschweiz. In Zürich fiel der Anteil von 87 auf 55 Prozent, in Basel von 86 auf 64 Prozent, und in Bern halbierte er sich von 87 auf 45 Prozent. Wenig Veränderung zeigt die lateinische Schweiz. In der Romandie und dem Tessin war die Lust auf fremdsprachige Filme schon früher geringer. Auf dem Land hat der Anteil der Originalversionen dafür sogar leicht zugenommen.

Was ist der Grund für den Wandel? Vor allem Jugendliche scheinen auf Englisch keine Lust mehr zu haben. Ein Extrembeispiel nennt Willy Heinzelmann, Chef der Kinogruppe Kitag. Als der Actionfilm «The Fast and the Furious» im Jahr 2001 ins Kino kam, habe dieser noch 90 Prozent des Umsatzes auf Englisch eingespielt. 2013 lief das jüngste Sequel des zur Serie mutierten Stoffs. «95 Prozent des Publikums sahen sich nun eine Synchronfassung an», konstatiert Heinzelmann. Als Cineast sei er von dieser Entwicklung zwar betrübt. «Wir können uns ihr aber nicht entziehen.»

Vorerst keine Bewegung gibt es bei Arthouse-Filmen, unabhängigen Produktionen fernab von Hollywood. Leo Baumgartner, Chef des Schweizer Ablegers von Warner Bros., macht einen Trend entlang der Qualitätsachse aus. Simple Unterhaltung laufe eher auf Deutsch, anspruchsvolles Kino im Original. Zwischendurch überrascht das Publikum: Das Weltraumopus «Gravity» mit George Clooney lockte selbst bei Multiplex-Betreiberin Kitag mehr Kunden in die Originalversion als in die synchronisierte.

Nicht immer hat die Wahl des Publikums allein mit Geschmack zu tun. Kinobetreiberin Sterk verweist etwa auf Hörbehinderte, die auf Untertitel angewiesen seien. Umgekehrt sieht Baumgartner im Migrationshintergrund vieler junger Kunden eine Erklärung. «Für einen Teil des Publikums ist Deutsch eine Fremdsprache», sagt er. Bei einem englischen Film mit deutschen Untertiteln sind wir schon bei der dritten Sprache angelangt. «Solche Kunden schätzen den Vorzug einer Synchronfassung.»

Auch der Wandel der Kinobranche spielt mit. Der Anteil der Originalversionen hat vor allem dort stark abgenommen, wo die Kinoketten Pathé und Kitag Multiplex-Kinos betreiben. Bei acht oder zehn Sälen im gleichen Haus stehen die zwei Sprachversionen oft in direkter Konkurrenz. Was sich besser verkauft, wird gebucht oder wandert in einen grösseren Saal. Und die Zahlen geben den Kinobetreibern recht. Obwohl der Anteil der synchronisierten Vorstellungen stark zugenommen hat, sind sie im Schnitt besser ausgelastet.

Die Umstellung von Film auf digitale Projektion hat diesen Effekt offenbar verstärkt. Seit Filme auf Festplatte ausgeliefert werden, ist es eine kleine Sache, zwischen Sprachversionen zu wechseln. Wenn es denn noch beide gibt. «Gewisse Filme bekommen wir heute von den Verleihern nur noch auf Deutsch», sagt Sterk. «Paranormal Activity» von Universal etwa. Oder «Blended» von Warner Brothers. Auch Kitag-Chef Heinzelmann sagt, oft bestimme der Verleiher, welche Version für ein Kino verfügbar sei.

Warner-Brothers-Chef Baumgartner bestätigt, dass nicht mehr alle Filme im Original angeboten werden. Wenn nicht klar sei, ob ein Film ein gewisses Minimum an Umsatz erziele, lohne es sich schlicht nicht, die rund 10 000 Franken für die Herstellung der Untertitel aufzuwenden. Diese würden ausschliesslich für die Schweiz gemacht. Mainstream-Filme würden in Deutschland und Österreich nur in der Synchronfassung besucht, sagt Baumgartner.

Welchen Einfluss die Synchronisierung haben kann, zeigt das Beispiel «Casablanca». Was mit dem tiefen Blick in die Augen auf Deutsch wie eine Liebesbekundung klingt, war im Original eher so was wie ein Trinkspruch, den Schauspieler Humphrey Bogart zuvor schon in anderen Filmen gebraucht hatte. «Here’s looking at you, Kid», sagt Rick zu Ilsa, ein Glas in der Hand. Prost, meine Liebe.

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