Überstrahlt werden ihre leuchtenden Wangen nur von ihren blauen Augen. Wenn Liliane Amuat ins Bild tritt, macht es wumm! Die 27-jährige Zürcherin ist ein Wirbelwind, der alles fort- und mitreisst, und spielt mit einer Intensität, die uns von der ersten Sekunde an vereinnahmt. Theaterzuschauer in Wien und Basel haben diese Erfahrung bereits gemacht, nun kommt auch das Kino- und Fernsehvolk in den Genuss.

Amuat wird am 22. Januar im Rahmen der Solothurner Filmtage für ihren Auftritt in der TV-Komödie «Lotto» mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis 2017 als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. «Der Preis freut mich sehr», erzählt uns die Schauspielerin in einem Café unweit des Theaters Basel, wo sie am selben Abend einen Auftritt in Anton Tschechows «Drei Schwestern» hat.

Sie sei gerade mitten in den Proben für das Stück gewesen, als ihr die frohe Botschaft per Telefon mitgeteilt wurde. «Ich begriff nicht sofort, wer am Apparat war, und dachte, es ginge um eine Rechnung, die an meine alte Wiener Adresse gesendet worden war», erinnert sich Amuat und lacht.

In der Komödie «Lotto» (Regie und Buch: Micha Lewinsky) spielt sie eine Frau, die ihrem sterbenskranken Vater (Peter Freiburghaus) vorschwindelt, er habe im Lotto gewonnen. Eine Notlüge, die einen irrwitzigen Rattenschwanz nach sich zieht. Das Besondere: Amuats Figur sitzt im Rollstuhl. Sie sei kein Opfer, sagt die Darstellerin, sondern «eine starke Frau, die sagt, was sie denkt, und weiss, was sie will.»

Schlüsselerlebnis mit 12 Jahren
Das trifft auch auf Liliane Amuat zu. Mit 18 Jahren brach sie nach Wien auf, nach drei Jahren am Max-Reinhardt-Seminar erhielt sie bereits ein festes Engagement am Burgtheater, im Sommer 2015 folgte sie Andreas Beck von der Donau an den Rhein. Seither spielt sie im Ensemble des Theaters Basel und hat neben «Lotto» schon zwei weitere Filme gedreht: «Der Frosch» läuft ebenfalls an den Solothurner Filmtagen, «Skizzen von Lou» startet am 2. Februar in den Kinos.

«Ich arbeite viel», nickt Amuat. «Aber Projekte wie ‹Drei Schwestern› und ‹Lotto› geben dir auch viel Energie zurück.» Mit 12 Jahren stand sie erstmals vor der Linse ihrer älteren Schwester, die Fotografin ist. Ein Schlüsselerlebnis: «Meine Schwester hat mich für ihre Diplomarbeit jeden Tag fotografiert. Das fand ich damals nicht immer angenehm – manchmal möchte man ja lieber nicht gesehen werden, und die Kamera sieht alles. Heute kann ich offen in diese Situationen hineingehen.»

Das merkt man. Liliane Amuat wirkt auf der Leinwand authentisch und ungeheuer charismatisch. Wichtig bei einem Dreh, sagt die 27-Jährige, sei dass sich Schauspieler und Regisseur vertrauen. Denn: «Das Spielen ist ein sehr sensibler, intimer Vorgang. Man zeigt so viel von sich. Wenn Vertrauen da ist, kann ich fliegen.» Die Zusammenarbeit mit «Lotto»-Regisseur Micha Lewinsky, der Amuat viel Raum zum Improvisieren liess, beschreibt sie als tolles Erlebnis.

«Ich habe mich sehr über diese Rolle gefreut», erzählt die Darstellerin, die es mag, Situationen zu spielen, die ihr fremd sind. Vor Drehbeginn begleitete sie eine Frau, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, und konnte ihr Fragen stellen. «Wir fuhren zusammen durch die Stadt, und ich erlebte, wie die Leute auf einen reagieren. Etwas davon ist im Film zu sehen.»

Nun freut sich Amuat auf die Reaktionen des Publikums an den Solothurner Filmtagen. Dort ist «Lotto» für den Publikumspreis nominiert, genau wie ihr anderer Film «Der Frosch», den sie ein Jahr zuvor gedreht hatte.

Kurios: Urs Jucker, der in «Lotto» ihren Bruder spielt, spielt auch in «Der Frosch» neben Amuat die männliche Hauptrolle – als ihr Liebhaber. «Ich finde, wir passen besser als Geschwister», lacht die Darstellerin. «Wir kennen uns jetzt so gut, dass wir uns wie richtige Geschwister anstacheln, wenn der eine im Spiel nicht mehr weiter weiss. Und wir können uns alles sagen.»

Film und Theater – Liliane Amuat möchte auch in Zukunft beides machen. «Ich könnte weder auf das eine noch auf das andere verzichten», sagt die viel beschäftigte Schauspielerin, die gerade ihre ersten vier freien Tage seit langem genoss. Sie betont: «Ich brauche beides.» Nun, wenn ein Wirbelwind mal Fahrt aufgenommen hat, ist er eben kaum mehr zu bremsen.

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