Ausnahmezustand bei «The Voice of Germany». «Wir machen diese Show, weil wir Leute wie dich hören wollen», sagte ein begeisterter Samu, Leadsänger von Sunrise Avenue. «Du bist die coolste Socke, die hier je auf der Bühne stand», meinte Andreas Bourani, und Yvonne Catterfeld brachte es auf den Punkt: «Du bist ein Vulkan». Der Auftritt des Berner Oberländer Sängers und Gitarristen Marc Amacher bei den «Blind Auditions» riss Jury und Publikum mit seiner leidenschaftlichen Performance und seiner heiseren, intensiven Stimme von den Stühlen.

Er würde lieber Gitarre spielen und singen, als hier mit den Juroren zu reden, meinte Amacher in stark Mundart gefärbtem Hochdeutsch. Prompt durfte er nochmals ran. Das gab es noch nie bei «The Voice of Germany». Der «gmögige» 32-jährige Musiker mit Hut, Sonnenbrille und Bauch ist zum Liebling der Jury und zum Top-Favoriten der Pro 7-Castingsendung avanciert. Und die Fernsehzuschauer rieben Augen und Ohren. Wie konnte es sein, dass eine solche Figur, eine solche Stimme nicht längst den Durchbruch geschafft hat?

Schlechter Verlierer
In der kleinen, feinen Schweizer Blues-Gemeinde ist Marc Amacher aber kein Unbekannter. Mit seinem Duo-Partner Dominik Liechti (Schlagzeug, Perkussion) gibt er unter dem Namen Chubby Buddy jährlich bis zu 130 Konzerte. Dazu ist er in diesem Jahr – schon zum zweiten Mal – für das Finale der «Swiss Blues Challenge» in Basel nominiert worden, einer Art Schweizer Meisterschaften des Schweizer Blues, die von der «Swiss Blues Society» organisiert wird.

Hier zeigte er sein anderes Gesicht, seine aufbrausend-cholerische Seite. Amacher und Liechti blieben im Wochenendstau vor Basel stecken, kamen zu spät und konnten kaum einen Soundcheck durchführen. Seinem Frust liess der Sänger freien Lauf, markierte auf der Bühne den «Bad guy» und beschimpfte Techniker und Veranstalter. Sein herausragendes Gesangstalent liess er zwar durchblicken, aber den Auftritt hatte er völlig verbockt. Die Jury hatte kein Erbarmen und setzte ihn auf den letzten Platz. Nach dem Verdikt der Jury rastete Amacher völlig aus, tobte, schrie und liess seine Wut an der Jury und dem Sieger Pascal Geiser aus. Er fühlte sich nicht ernst genommen, nicht akzeptiert, als Kanonenfutter. Marc Amacher mag sich nicht verstellen. Er ist ein Original, ein ungeschliffener Diamant und ein schlechter Verlierer.

Was ist sein Geheimnis?
«Mit den Terminen habe ich es nicht so», gibt er zu. Auch zur Radiosendung «SRF 3 punkt CH» diese Woche kam er mit halbstündiger Verspätung im Studio an, und auch bei «The Voice of Germany» hat man offenbar schon diesbezügliche Erfahrungen gemacht und auf die Unpässlichkeiten des Favoriten: Gleich drei Leute sollen den Auftrag haben, den Casting-Favoriten zur rechten Zeit zum richtigen Ort zu bringen.

Marc Amacher lebt und liebt den Blues wie kein Zweiter. «Der Blues ist nicht nur meine Herzensangelegenheit, er ist auch Therapie», sagt er, «ich brauche ihn, um zu überleben. Er hat eine heilsame Kraft. Ohne meine Gitarre und meine Musik wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. So kann ich Dinge ausdrücken, die ich nie in Worte fassen kann.» Das tönt dramatisch und existenziell. Ist es auch. Ich singe nicht schön, ich drücke die rohe Gewalt des Lebens aus», sagt er. Irgendetwas ist da, irgendetwas war da. Doch Amacher mag nicht darüber reden und schweigt. Es ist seine Geschichte, sein Leben, sein Geheimnis.

Marc Amacher ist spontan, hochemotional, ungekünstelt, roh, unberechenbar, unverfälscht, echt und authentisch. Er lebt im Moment und ist kaum zu bändigen. Was ihm gegen den Strich geht, macht er nicht. Kompromisslos. Ein Naturereignis. Dass er in diese durchgestylte, hochstrukturierte Hochglanzwelt des Casting-Fernsehens nicht passt, ist ihm völlig bewusst. Er ist ein Fremdkörper. Und gerade das macht den Reiz und Charme von Marc Amacher aus den Schweizer Bergen aus. Er könnte es in Deutschland weit bringen, wenn er sich nicht – wie in Basel – wieder selbst ein Bein stellt.

Sein Musiker-Kumpel Dominik Liechti hat ihn bei «Voice of Germany» angemeldet. Amacher wollte zunächst nichts damit zu tun haben. «Ein Künstler gehört auf die Bühne, nicht vor die Kamera», sagt er. In langen Gesprächen liess er sich aber doch umstimmen. «Ich mache es für meine Familie», sagt der gelernte Strassenbauer, der zu 60 Prozent als «Mann für alles» in einem Restaurant arbeitet. Er macht es für seine grosse Liebe Sabrina sowie seine Tochter Oona (6) und Sohn Lennox (3).

Ausverkaufte Konzerte
Bisher hat er das Mitmachen nicht bereut und war sogar positiv überrascht. «Ich hatte Vorurteile, die ich heute revidieren muss. Es geht vielmehr um Musik, als ich erwartet hatte», sagt er, «ich kann profitieren und viel lernen». So hat Amacher noch nie Texte auswendig gelernt, hat einfach drauflos gespielt und gesungen. Spontan und aus dem Bauch heraus. «Jetzt erhalte ich jene musikalischen Grundlagen, die mir bisher fehlen», sagt er und will die Zeit einfach geniessen. «Ich nehme es, wie es kommt, und habe keine Erwartungen», sagt er und ist überrascht, was der eine Auftritt bei den «Blind Auditions» ausgelöst hat. «Meine Konzerte sind plötzlich ausverkauft und viele Leute müssen sogar abgewiesen werden.»

«The Voice Of Germany»: Am Donnerstag auf Pro 7 und Sonntag auf Sat.1 um 20.15 Uhr. – ChubbyBuddy Live: 4. Nov.: GrizzlybärSaloon, Forst/Längenbühl. 5. Nov.: Vully Blues Festival. 6. Nov.: 9 Uhr Musik-Flohmarkt, Brunegg. 10. Nov.: Les Amis, Bern. 13. Nov.: Badi Lounge Frutigen. 17. Nov ROX, Spiez.

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