Auf diesen neuen Roman haben viele gewartet. Genau vier Jahre ist es her. Damals hatte ein schmales Buch von gerade einmal 125 Seiten die Literaturwelt in helle Aufregung versetzt. In der altmodischen Form der Novelle verhandelte «Frühling der Barbaren» das heisse Thema Investmentbanking. Es war in halsbrecherischen Sätzen geschrieben, mit schwindelerregendem Sog, hochgradig unterhaltsam und ebenso böse. Auf einem Schlag hatte die Schweiz nicht nur eine neue literarische Stimme, sondern auch einen neuen Exponenten. Der damals 36-jährige Autor Jonas Lüscher entpuppte sich als scharf denkender sozialkritischer Philosoph, er arbeitete an der ETH an seiner Dissertation und ging der aufregenden Idee nach, die Literatur beschreibe die Welt besser als Computermodelle.

Lüschers Novelle wurde bisher mehr als 50 000 Mal verkauft, ist in 15 Sprachen übersetzt, feierte im Theater Erfolge. Der in Bern aufgewachsene und seit 2001 in München lebende Autor war damit für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert. Er war als Redner gefragt, er publizierte Essays, und hin und wieder las er an Literaturfestivals Passagen aus dem Roman, an dem er arbeitete.

Nun ist der Roman da. «Kraft» lautet der Titel. Und «Kraft» ist zunächst einmal Richard Kraft, ein Professor für Rhetorik aus der deutschen Universitätsstadt Tübingen. Kraft ist der Einladung eines Freundes aus Studienzeiten nach Kalifornien gefolgt. Ein dortiger Unternehmer hat eine Preisfrage ausgeschrieben. Wer in einer 18-minütigen Rede die beste Antwort vorträgt, dem winkt das Preisgeld von einer Million Dollar. Die Million kann der Uniprofessor gut brauchen, will er sich doch mit dem Geld von seiner Frau und seinen zwei Töchtern freikaufen. «Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause», hatte sie ihn beordert. Es ist seine dritte Beziehung, die in Trümmern liegt.

Ja, um Krafts privaten Traum von einem bürgerlichen Leben ist es alles andere als gut bestellt. Das sind nicht die besten Voraussetzungen, um die Preisfrage zu gewinnen. Denn bei ihr geht es um das philosophisch-theologische Problem der Theodizee: die alte Frage, warum Gott, wo er doch allmächtig und gütig ist, das Übel in der Welt zulässt. Dem kalifornischen Unternehmer liegt allerdings kaum etwas am Wettstreit von Geist und argumentativer Schärfe. Er denkt praxisorientiert, pragmatisch, zukunftsgerichtet. Er will sich den Optimismus der kalifornischen Tech-Community untermauern lassen. Jene ultramarktliberale Ideologie, deren Kathedralen sich um die renommierte Stanford University scharen – die Firmensitze von Facebook, Google, Apple und all die weiteren «Geburtsstätten der digitalen Lebensformen», die Kraft im Roman sieht und die auch sein Schöpfer Jonas Lüscher gesehen hat, als er 2013 ein neunmonatiges Stipendium des Nationalfonds an der Stanford University im Silicon Valley verbrachte.

Ronald Reagan zugejubelt
Lüscher zeigt uns seinen Protagonisten, wie er im ehemaligen Kleinmädchenzimmer im Haus seines Freundes sitzt. Von einem Foto an der Wand blickt US-Verteidigungsminister Rumsfeld auf ihn herab – jener Rumsfeld, der unter Präsident George W. Bush in Abu Ghraib im Dienst des grossen Ganzen Foltermethoden gutgeheissen hatte und den Einmarsch von US-Streitkräften in Afghanistan und im Irak zu verantworten hat. Inmitten von so viel Bigotterie sucht der deutsche Rhetorikprofessor nach einem «europäischen Ton», doch statt des Schreibflusses flutet ihn bloss seine Erinnerung.

So rollt Lüscher das bisherige Leben von Kraft auf und verleiht damit seiner Figur entwicklungsgeschichtliche Komplexität und dem Roman weltumspannenden Gehalt. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen Geltungsdrang hatte Kraft selbst im Studium die Ideen umarmt, deren konsequente Weiterführung ihm in Kalifornien vor Augen tritt. Auf der Suche nach einem «sicheren Mittel der Distinktion» hatte er sich dem Thatcherismus zugewandt, «einer weltanschaulichen Strömung, von der er sicher sein konnte, dass sie ihn in der Studentenschaft genügend isolierte, um damit auf geheimnisvolle Weise als der vielversprechendste unter den Vielversprechenden zu gelten». Mit seinem Studienfreund jubelte er in den 1980er-Jahren Ronald Reagan zu, schon bald jedoch stellten sich bei ihm Zweifel ein. Seine Noch-Frau nennt es «Altersmilde». Doch die Zweifel sind vor allem dem Verlust seines «Alleinstellungsmerkmals» geschuldet, in einer Zeit, in der wirtschaftsliberales Denken weit in die Mitte der Gesellschaft reichte. Krafts Studienfreund dagegen, ungarischer Dissident und auf einem Auge erblindet, zog nach Kalifornien. Und Lüscher wäre nicht Lüscher, wenn die Erblindung nicht auch metaphorisch zu lesen wäre.

Lüschers Texte sind Literatur, die entschieden auf mehreren Ebenen spielt. Die vordergründig unterhaltsame Geschichte speist sich aus dem reichhaltigen Humus der über zehnjährigen intensiven Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Fragen seitens des Autors. In diesen Roman lässt er zudem Wissen aus seiner Dissertation einfliessen, die er 2014 zugunsten des literarischen Schreibens abgebrochen hat. Zentrales Thema ist der Siegeszug des Marktliberalismus, dem Lüscher die Entwicklung des Liberalismus in der Bundesrepublik Deutschland an die Seite stellt. In den Biografien seiner Nebenfiguren spiegelt er Lebenswelten, wie sie der Zusammenbruch des Ostblocks hinterlassen hat oder auch ein sich änderndes Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Bei so viel Weltgehalt ist der vorliegende Roman anspruchsvoller als Lüschers Novelle – auch weil hiesige Leser mit der deutschen Zeitgeschichte, die beträchtlichen Raum im Roman einnimmt, nicht so vertraut sein mögen. Aber er ist auch nahrhafter und reicher. Berauschend sind wiederum Lüschers ironisch gezeichneten Figuren, seine atemberaubend verschachtelten Sätze und der plastische Gebrauch der Sprache. Er sei alles andere als ein begnadeter Tänzer, sagt der Autor, vergleicht aber seinen Umgang mit seinen Figuren mit dem Paartanz und dessen Wechselspiel von Distanz und Nähe. Ein treffendes Bild. Mit scharfen Engführungen stösst er seine Figuren weg, holt sie in ihren allzu menschlichen Schwächen wieder heran, nur um sie unvermutet wie auf einer Puppenspielerbühne agieren zu lassen, auf die er seinen Erzähler gemeinsam mit dem Leser herabblicken lässt.

Drei Möglichkeiten bleiben
Was also wird «unser Kraft» mit der Preisfrage tun? «Wenn Gott sich abgemeldet hat, muss eben der Mensch seinen Platz auf der Anklagebank einnehmen», sagt Lüscher. Das Problem der Theodizee lässt sich heute in Form der Oikodizee oder der Technodizee stellen – als Frage nach der Allmacht des Geldes oder der Technik. Für Kraft, die Figur, die von der Welt mindestens so erschöpft ist wie der europäische Kontinent oder genauer Deutschland, bleiben drei Möglichkeiten: Er kann sich dem Marktopportunismus verschreiben und seine Denkkraft an den Kapitalismus verkaufen, er kann sich Gott empfehlen und eine Sintflut herbeiträumen, er kann sich die Mittel der Tech Community zu eigen machen. Drei Szenerien mit ihrer je eigenen Ausprägung des Übels «for the Greater Common Good». Bei aller Bösartigkeit ist dabei sicher: Dieses Buch wird für Furore sorgen.

J. Lüscher: «Kraft», C.H. Beck, 237 S. Lesungen: 17. 2. Schiffbau, Zürich; 21. 2. Literaturhaus Basel.

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