Jodlerfest, Musikantenstadl, Landfrauen-Chuchi, Sechseläuten. Dort, wo es währschaft, lüpfig und traditionell zu und her geht, wird die Volkskultur in textiler Form gelebt. Diesem Anspruch werden die Eidgenossen vollauf gerecht. Rund 700 Trachten existieren in der Schweiz – in allen Schattierungen und Kolorierungen, je nach Kanton und Bezirk. Und nicht nur geografisch werden klare Grenzlinien in der Kleiderordnung gezogen. Entsprechend dem Anlass und Gebrauch wird eine Festtags-, Wärchtigs- oder Trauertracht getragen.

Tracht ist nicht gleich Tracht. Wenn Beatrice Egli in einem Dirndl über den Bildschirm huscht oder Roman Kilchsperger im «Donnschtig-Jass» in einem Sennenhemd trällert, hat das mit helvetischem Brauchtum nicht zwangsläufig etwas zu tun. Dass die englische Designerin Vivienne Westwood sagt: «In einem Dirndl ist jede Frau schön», verhallt zwischen Entlebuch und Emmental ungehört. Die in Hunderten von Jahren gewachsenen Traditionen der ländlichen Bekleidung beugen sich nicht jedem modischen Hype. Als sich in den 1920er-Jahren die ersten Frauen erfrechten, ihre Haare kürzer zu tragen, fegte ein Sturm der Entrüstung durchs Land. «Von Bubiköpfen» war die Rede – wer eine Tracht anständig tragen wollte, musste sich notfalls Zöpfe aus Kunsthaar fertigen lassen. Dies geht aus einer hitzigen Debatte aus der Zeitschrift «Schweizertracht» aus dem Jahre 1928 hervor.

Helvetische Hartnäckigkeit
Die Beanstandungen hörten nicht bei der Haarlänge auf. Das Verwenden von Schminke war mit dem Tragen einer Tracht ebenso wenig zu vereinbaren wie das Rauchen (zumindest für Frauen). Anlässlich des Eidgenössischen Trachtenfestes 1939, das im Rahmen der Landesausstellung in Zürich stattfand, hob der sittsame Redakteur der «Schweizertracht», Ernst Laur, den Mahnfinger: «Gefärbte Lippen und gemalte Augenbrauen wollen wir nicht sehen.»

Heute hat sich die Tonalität gemässigt. Die Diskussionen über den korrekten Umgang mit Trachten werden aber weiter mit viel helvetischer Hartnäckigkeit geführt. Johannes Schmid-Kunz, Geschäftsleiter der Schweizer Trachtenvereinigung, spricht von «Enterprise Dirndl». Er meint damit kein Ufo, sondern beliebig zusammengestellte Accessoires, die mit den traditionellen Trachten nicht viel zu tun haben: «Was man am Fernsehen sieht, sind oft Fantasieprodukte», sagt Schmid-Kunz. Die 1926 gegründete Schweizer Trachtenvereinigung setzt mit ihren Kantonalvereinigungen diesem Wildwuchs entgegen – mit Weisungen, die den Träger(inne)n von Trachten eine Gedankenstütze liefern sollen. Von einem Zwang will Schmid-Kunz aber nichts wissen: «Wir sprechen von Richtlinien, nicht von einem Reglement.»

Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac schauen die Gralshüter des textilen Landesvermächtnisses besser nicht genau hin. Wenn 300 000 Menschen dem Retrotrend huldigen, ist der eine oder andere helvetische Sittenverstoss nicht zu vermeiden. Betrüblicherweise macht sich sogar das OK dieses Vergehens schuldig. Die Ehrendamen tragen keine echte Tracht, sondern eine Zusammenstellung verschiedener Elemente aus unterschiedlichen Trachten: «Wir mussten diesen Kompromiss eingehen, damit sich niemand benachteiligt fühlt», sagt Rolf Gasser, Geschäftsleiter des Eidgenössischen Schwinger-Verbands.

Grundsätzlich spielt die textile Tradition im Schwingen aber eine wichtige Rolle. Zur Rangverkündigung müssen die chächen Mannen stets in der Tracht antreten. So empfing Schwingerkönig Matthias Sempach vor drei Jahren in Burgdorf den Siegermuni und das Eichenlaub im «Berner Mutz». Und selbst im Werberegulativ spielt das ehrwürdige Gewand eine wichtige Rolle. Posieren die Schwinger für Werbeaufnahmen mit dem Kranz, müssen sie die Tracht tragen. Die Ausnahme bilden die Turnerschwinger. Ihr offizielle Aufmachung ist das Turnertenue: Weisse Hose, weisses Shirt – wie in Wimbledon.

Kunstwerk für 20 000 Franken
Eine Tracht ist nicht «bloss» ein Kleidungsstück, sondern ein liebevoll zusammengestelltes Kunstwerk, das sich preislich im Bereich eines Mittelklassewagens bewegt. Die Appenzeller Festtagstracht mit ihren üppigen Schmuckbehängen kostet rund 20 000 Franken. Yvonne Kaufmann, Schneiderin aus dem Kanton Thurgau, beziffert den Aufwand zur Fertigung auf «60 bis 70 Stunden». Das Aufwendige seien die vielen Stickereien, die sich nur in minuziöser Handarbeit anfertigen lassen.

Eine Marktlücke macht Kaufmann bei diesem traditionellen Gewerbe noch nicht aus. Zu sehr beschränke sich die Aufmachung auf die ländlichen Gebiete. Johannes Schmid-Kunz bezeichnet Form und Farbe einer Tracht auch als «Spiegel des Zustands der Landbevölkerung in der jeweiligen Zeit». Unabhängig davon könnte auf Yvonne Kaufmann schon bald ein erhöhter Arbeitsaufwand zukommen. Denn im Trachtenkalender stehen grosse Ereignisse bevor: 2017 findet im Rahmen des Unspunnenfests das traditionelle «Trachten- und Alphirtenfest» statt. Und für 2023 ist das nächste Eidgenössische Trachtenfest geplant – mit dem vorgesehenen Austragungsort Zürich. Spätestens dann werden die edlen Gewänder der Landbevölkerung die grösste Schweizer Stadt erobern und der urbanen Bevölkerung in Erinnerung rufen, was schon Gottfried Keller wusste: Kleider machen Leute.

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