Sie waren mit Ihrer Frau auf einem einmonatigen Segeltrip . Was war das Motiv?
Stefan Gubser: Ich habe eine bewusste, längere Auszeit genommen. Vor fünfzehn Jahren habe ich das auch schon gemacht. Ich finde es wichtig, dass man sich Zeit nimmt und fragt: Was mache ich, und was will ich? Welche Pläne habe ich noch? Das kann man nur, wenn man aus diesem Rad des Alltags aussteigt. Meine Frau hat deshalb ihre Stelle als Geschäftsführerin einer grossen Medienagentur gekündigt. Der «Tatort» hat auch eine grössere Pause gemacht. So hat sich die Möglichkeit ergeben.

Zu welchen Schlüssen sind Sie gekommen?
Ich habe in den letzten Jahren extrem viel gearbeitet. Ich hatte neben meiner Tätigkeit als Schauspieler noch eine Produktionsfirma. Ich fühlte, dass ich Abstand brauche, um mich neu zu motivieren, und habe meine Anteile verkauft.

Was heisst das für den «Tatort»?
Mit dem «Tatort» hatte das nichts zu tun. Das ist mein Baby, mein Lieblingskind. Ich freue mich riesig, dass wir im Herbst gleich zwei neue Schweizer «Tatorte» drehen. Ich kann mir zwar ein Leben ohne Flückiger vorstellen, aber ich hoffe, dass ich ihn noch lange spielen kann.

Der neue «Tatort – Verfolgt» thematisiert das Schweizer Bankgeheimnis und zeigt die Ohnmacht von Justiz und Polizei gegenüber Finanzkriminalität. Wie stehen Sie persönlich dazu?
Das Bankgeheimnis wird immer mehr aufgegeben, obwohl es eigentlich ein hohes Gut ist und auch bleiben sollte. Es sollte aber nicht dazu missbraucht werden, Steuern zu hinterziehen. Allerdings ist es auch fragwürdig, wenn ein Staat wie Deutschland hohe Summen bietet, um Bankdaten zu kaufen. Damit begibt er sich auch in die Illegalität. Ein Staat sollte andere Wege gehen, um Steuerhinterzieher aufzuspüren.

Verstehen Sie den Ärger über die Ohnmacht der Justiz gegenüber diesen Machenschaften?
Klar, das wird im aktuellen «Tatort» schön deutlich. Die eigentlichen Drahtzieher werden kaum gefasst. Damit ist der neue «Tatort» sehr nahe an der Realität. «Verfolgt» ist in meiner persönlichen Hitparade des Schweizer «Tatorts» ganz weit vorn.

Bisher konzentrierte sich der Schweizer «Tatort» auf allgemeine gesellschaftliche Themen. Jetzt geht es erstmals um ein aktuelles Schweizer Politthema. Ist das das neue Gesicht des Schweizer «Tatorts»?
Es ist der Wunsch des Schweizer Fernsehens, politisch relevante und brisante Themen zu bringen. Ich begrüsse das. Auch der nächste «Tatort» ist auf dieser Linie und spielt im Asylwesen. Drehstart ist am 10. September.

Dazu wird der Schweizer «Tatort» schweizerischer.
Genau. Das Bankgeheimnis ist explizit ein Schweizer Thema, das aber auch die umliegenden Länder betrifft. Das Asylthema wird europaweit diskutiert, ist aber mit den aktuellen Abstimmungen in der Schweiz besonders virulent.

Was halten Sie von Regisseur Tobias Ineichen?
Er inszeniert sehr gut und hat ein Flair dafür, der Geschichte einen Fluss zu geben. Der Krimi ist schnell geschnitten und harmoniert perfekt mit der Musik. Ich arbeite sehr gern mit ihm.

Nach «Skalpell» und «Geburtstagskind» ist «Verfolgt» der dritte Tatort von Ineichen. Weshalb greift man immer wieder auf ihn zurück, obwohl die Folgen stark kritisiert wurden?
Es stimmt eben nicht, dass wir immer nur verrissen wurden. In den deutschen Feuilletons der «Zeit» und der sonntäglichen «F.A.S.Z.» und auch bei «Spiegel Online» haben wir gute Kritiken erhalten. Die Wahrnehmung ist negativ, weil die Mechanismen des Internets den schlechten Kritiken mehr Gewicht geben. Ich will nichts schönreden. Wir hatten Anfangsschwierigkeiten. Aber man darf auch nicht vergessen, dass der deutsche «Tatort» einen Vorsprung von 40 Jahren hat. Der Schweizer «Tatort» musste sich erst finden. Jetzt sind wir auf sehr gutem Weg aufzuholen, aufzuschliessen und uns richtig zu positionieren. Gerade deshalb ist es so wichtig, in diesem Prozess auf einen Regisseur wie Ineichen zählen zu können. Er spürt die Figuren, und wir können den «Tatort» zusammen weiterentwickeln und ständig verbessern. Es braucht auch eine Vertrauensbasis, um das Beste aus sich herauszuholen.

Doch der Schweizer «Tatort» steht in Deutschland punkto Zuschauerzahlen an letzter Stelle.
Auch das stimmt nur bedingt. Wir haben schon 8,1 Millionen Zuschauer erreicht. Dazu muss man ebenfalls den Ausstrahlungstermin beachten und das Konkurrenzprogramm. Der letzte Schweizer «Tatort» wurde am Ostermontag ausgestrahlt. Da erreicht man einfach weniger Zuschauer. Und am kommenden Sonntag treten wir zum Beispiel gegen das EM-Qualifikationsspiel von Weltmeister Deutschland an. Da wird es wieder schwierig, sehr gute Quoten zu erzielen. Es stimmt, dass wir es in Deutschland schwerer haben, aber wir machen den «Tatort» ja auch für die Schweiz. Und hier erreichen wir stets Topquoten.

«Verfolgt» ist Ihr zehnter «Tatort» als Kommissar Flückiger. Wie ist Ihre Bilanz zum kleinen Jubiläum?
Es freut mich, dass das Feedback auch aus Deutschland immer besser wird. Das bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Meine Lust am «Tatort» ist ungebrochen.

«Weltwoche» und «Tages-Anzeiger» haben Ihre Auswechslung als Kommissar gefordert. Ist das intern ein Thema?
Nein, nicht dass ich wüsste.

Bemängelt wird auch immer wieder das mangelnde Profil des Ermittler-Duos. Wie stehen Sie dazu?
Die Macherinnen und Macher des Fernsehprogramms für die Deutschschweiz SRF wollten, dass der jeweilige Fall und nicht die Privatsphäre der Ermittler im Vordergrund steht. Man hatte darum das Privatleben der beiden Kommissare bewusst ausgeblendet. Das hat sich inzwischen insofern geändert, als dass nun auch Privates thematisiert wird. Liz Ritschard ist lesbisch, Flückiger lebt auf einem Segelboot und hadert mit seinem Leben.

Das ist zaghaft. Im letzten «Tatort» wurde immerhin Privates angedeutet, doch in «Verfolgt» ist das Private wieder verschwunden. Parallelgeschichten, wie im deutschen «Tatort», gibt es nicht.
Also, wir Schauspieler begrüssen es natürlich immer, wenn wir gutes Material erhalten. Im kommenden «Tatort – Schutzlos» zum Beispiel gerät Flückiger in eine Lebenskrise, die er dann aber auch wieder überwindet.

Aha, diese Midlife-Crisis hat sich immerhin angekündigt.
Genau. In «Verfolgt» deutet sich diese Krise an, indem er in der Ermittlung gereizt, ungeduldig und aggressiv agiert und sogar ausrastet. Man spürt, Flückiger ist mit sich und seinem Leben unzufrieden. Im «Tatort – Schutzlos» bricht diese Krise aus und wird vertieft.

Wer ist dieser Flückiger eigentlich?
Es fällt mir schwer, die Figur zu erklären. Sie ist nicht identisch mit mir, hat aber doch viel von mir. Flückiger hat sich im Laufe der Jahre und der Folgen entwickelt. Früher war er ein Lebemann und Single aus Überzeugung, heute ist er nur noch Einzelgänger. Die Arbeit ist sein Leben, und die Freizeit nur Überbrückung zur Arbeit. Doch er merkt heute, dass er in seinem Leben falsche Entscheidungen getroffen hat. Dass er in eine Beziehung nie so viel investiert hat, damit sie auch wirklich hält.

Wie interpretieren Sie die Beziehung zwischen Flückiger und Ritschard?
Sie mögen sich und haben ein gegenseitiges Vertrauen entwickelt. Beide sind etwas spröd und tragen ihr Herz nicht auf der Zunge. Doch sie hat ihm anvertraut, dass sie lesbisch ist. Auch die Figur von Ritschard kann sich entwickeln. Sie muss ja nicht so bleiben.

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