Die Schweizer Popszene war jahrelang links geprägt, und bürgerlich galt als uncool. Vor allem die prägenden Berner Figuren wie Polo Hofer, die Musiker von Züri West, Büne Huber von Patent Ochsner sowie Endo Anaconda von Stiller Has liessen in der Vergangenheit keine Zweifel daran, dass ihr Herz links schlägt. «Ich war Chefideologe der links-alternativen Hippie-Partei Härdlütli, die 1971 sogar einen Sitz im Berner Stadtrat gewann», sagt Hofer.

Pop- und Rockmusiker repräsentierten die Gegenkultur, durften rebellisch, aufmüpfig sein und im Widerspruch zum politischen Establishment stehen. Irgendwie erwartete man das sogar von ihnen. Die Härdlütli posierten etwa splitternackt auf dem Wahlplakat. Pop und Rock waren links, Volksmusik und Schlager rechts. Die Musikwelt war aufgeteilt. Alles in Ordnung, alles paletti.

Den politischen Bann brachen Chris von Rohr und Gölä. Sie waren die ersten Musiker, die sich eindeutig rechts auf der politischen Skala positionierten. Doch als sich von Rohr vor drei Jahren als Sympathisant von Christoph Blocher outete, musste er von seinen Kollegen heftige Prügel einstecken. Die SVP jubelte, und Roger Köppel streifte sich ein Krokus-T-Shirt über. Mit Linken und Sozialschmarotzern will auch Gölä nichts zu tun haben. «Ich habe die Nase voll vom Sozialstaat Schweiz, wo man zu Hause sitzen und auf Kosten der anderen leben kann», sagte Gölä der «Schweiz am Sonntag» vor einem Jahr. Rock rockt rechts.

Unter SVP-Verdacht steht neuerdings auch DJ Bobo. Sein langjähriger Freund und Geschäftsführer seiner Firma Yes Music, Oliver Imfeld, kandidiert auf der SVP-Liste des Kantons Luzern. Wählt Bobo deshalb SVP? Bobo begrüsst die Kandidatur seines Freundes und findet es «lobenswert und unterstützungswürdig, wenn sich jemand für sein Land engagiert». Zu politischen Themen gibt er keinen Kommentar.

Kein Zufall ist es auch, dass der Wahlsong «Welcome To SVP» wie «Welcome To St-Tropez» von DJ Antoine klingt. SVP-Nationalrat Thomas Matter, der als DJ Tommy den Song produziert hat, ist wie Antoine in Sissach aufgewachsen. Die beiden kennen sich. «Welcome To St-Tropez» habe ihn «inspiriert», sagt DJ Tommy auf Anfrage, «Antoine fand Song wie Videoclip witzig». Der Star-DJ gab seinen Segen und verzichtete auf eine Vergütung. Mit anderen Worten: DJ Antoine, der mit der Blocher-Partei sympathisiert, schenkte der SVP einen Wahlkampf-Song.

Die Fronten bewegen sich. Früher war es für einen Pop- und Rockmusiker selbstverständlich, links zu sein. Heute will die grosse Mehrheit der Musiker mit Politik nichts zu tun haben und scheut den politischen Positionsbezug.

«Als ich meine Kandidatur für die SVP bekannt gab, erhielt ich viele positive Rückmeldungen und Reaktionen aus der Popbranche», sagt Bobo-Freund Imfeld, «viele können sich heute mit politischen Positionen der SVP einverstanden erklären, wollen aber öffentlich nicht dazu stehen». «Die meisten berühmten Musiker aus meinem Umfeld wollen sich politisch nicht exponieren», sagt auch Hitproduzent Roman Camenzind von «HitMill». Zu gross ist die Furcht, dass potenzielle Fans vergrault werden. Etwas, was Chris von Rohr überhaupt nicht versteht: «Es ist langsam an der Zeit, angstfrei und ehrlich seine Meinung kundtun zu können, damit eine gesunde Debatte entstehen kann.»

Umgekehrt hat die politische Linke offensichtlich an Attraktivität verloren. Nur wenige Musiker bezeichnen sich heute offen als links. Dafür machen sich in den Songs politisch rechte und bürgerliche Elemente immer stärker bemerkbar. Das zeigt sich vor allem in der Beziehung des helvetischen Pop zur Schweiz.

Bis in den 90er-Jahre waren Schweizer Popmusiker vom Fernweh geplagt. «Bälpmoos» wurde zur Hymne aller Schweizmüden, selbst Gölä wollte 1998 noch «Uf u dervo». «Eskapismus», nennt Polo Hofer heute diese Ausrichtung, eine Art Flucht vor der Wirklichkeit, ein Protestvotum gegenüber der real-existierenden Schweiz.

Der Paradigmawechsel erfolgte nach der Jahrtausendwende. Bisher blieb es der Volksmusik und dem volkstümlichen Schlager vorbehalten, die Vorzüge der Schweiz zu glorifizieren. Im Hit «Heimweh» von Plüsch (2002) begann auch die Popschweiz von «Bärge, Schoggi und Wii» zu träumen. Das Helvetische wurde zur Erfolgsformel für Schweizer Pop, Baschis «Bring en hei» wurde zum erfolgreichsten Song der Nullerjahre, und Rapper Bligg setzte mit seiner Annäherung an die Schweizer Volksmusik und der Betonung des nationalen Schaffens in «Volksmusigg» (2007) sowie «Musigg i dä Schwiiz» (2008) eins drauf. Die Liebe zum Urchigen besingt auch der Berner Oberländer Trauffer. «Heimatverbundenheit ist cool», liess Trauffer unlängst den «Blick» wissen», «ich bin ein Brienzer Bube und stolz auf meine Wurzeln.»

Auffällig ist, dass die Betonung des Nationalen in der Schweizer Popmusik parallel zum Aufstieg der Schweizer Volkspartei (SVP) verläuft. Blochers Partei wurde bei den Nationalratswahlen 1999 erstmals stimmenstärkste Partei und vier Jahre später stärkste Partei auch nach Sitzen. Und die Schweizer Popmusik erlebte nach dem Millennium einen enormen Popularitätsschub. Das Bedürfnis nach Musik von Schweizer Musikern für Schweizer stieg rasant. Schweizer Popmusik als Abbild der gesellschaftlichen Befindlichkeit. Pop als Gegenkultur hat ausgedient und platziert sich stattdessen mitten im helvetischen Mainstream.

Folglich wird Schweizer Popmusik immer traditioneller und bürgerlicher. «Liebi chunnt und Liebi geit», sang Polo Hofer noch in «Alperose». Passé! Die neue Generation von Mundart-Sängern träumt wie die Luzerner Band Mash von «Ewigi Liäbi» (2001) und wie der Luzerner Sänger Kunz in seinem neuen Lied «Olten» von einem bürgerlichen Leben mit «Hüsli, Chind und Hund». Schweizer Pop transportiert bürgerliches Denken und ein traditionelles Familienbild. Schweizer Pop rückt nach rechts.

Am nachhaltigsten und deutlichsten veränderte der Niedergang der Tonträgerindustrie das Selbstverständnis der Musiker. Die Musiklabels, die in den 80er-Jahren noch in Saus und Braus lebten, konnten es sich nicht mehr leisten, die Karrieren ihrer Musiker zu vergolden. Plötzlich war Eigeninitiative gefragt. Die Musiker waren gezwungen, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

René Baumann alias DJ Bobo hat es vorgemacht, als er 1996 die Yes Music AG gründete. Baumann übernahm das VR-Präsidium, Oliver Imfeld die Geschäftsleitung. Musik und Vermarktung, Management, Booking, Marketing und Promotion, alles hat er in seiner Firma gebündelt und kontrolliert. Yes Music übernahm auch die Labelfunktion. Nur noch der Vertrieb der Musik wurde über ein herkömmliches Label (Phonag/TBA) abgewickelt. DJ Antoine folgte diesem Erfolgsmodell, als er 2007 die Einzelfirma Konrad Antoine Global Bookings in Sissach gründete. Vor sechs Jahren gründete Marco Bliggensdorfer alias Rapper Bligg die DreamStar Entertainment GmbH in Bassersdorf. Die Musiker der Rockband Gotthard sind Gesellschafter einer eigenen GmbH, die von Bassist Marc Lynn geleitet wird. Die vier Musiker von Pegasus sind die Gesellschafter der Rise Up GmbH, die von Manager Oliver Rosa geführt wird. Redkey GmbH heisst die Firma von Jan Dettwyler alias Seven.

Andere Musiker und Musikerinnen sind in einem Familienunternehmen organisiert, wie Florian Ast mit seinem Bruder Maik, Semih Yavsaner in der Müslüm GmbH mit Bruder Melih Yavsaner, Francine Jordi mit ihrer Schwester Nicole Lehmann oder die Luca Music GmbH von Luca Hänni, die von seinem Stiefbruder Cyrill Schmid mithilfe von Lucas Mutter und seinem Stiefvater geleitet wird.

«Musiker sind auch Einzelunternehmer, ein Mini-KMU», sagt Roman Camenzind, «Talent und und Können allein genügen im Schweizer Popgeschäft nicht mehr, um überleben zu können. Nur wer unternehmerisch denkt, ist auch erfolgreich. Du musst dir bewusst sein, wie du mit deiner Musik Geld verdienen kannst, du gehst ein unternehmerisches Risiko ein und musst auch marktwirtschaftlich denken.» Diese neue Situation hat das unternehmerische Bewusstsein der Musiker geschärft und das politische Selbstverständnis verändert. Ein Bewusstsein, das traditionell bei wirtschaftsliberalen, unternehmerfreundlichen bürgerlichen Parteien besser aufgehoben ist. Camenzind sagt: «Es ist doch in jeder Branche so: Wer als Unternehmer erfolgreich ist, Löhne und Steuern zahlen muss, ist politisch wohl eher bürgerlich ausgerichtet.»

Gemäss dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq haben die linken Intellektuellen die gesellschaftliche Deutungshoheit verloren. Womöglich gilt dies auch für den Schweizer Pop.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper