Die Konzertagentur Good News war die erste Adresse für Rock und Pop in der Schweiz. Seit der Gründung 1970 war sie die unbestrittene Marktführerin in der Schweiz in Sachen Pop und Rock und hat weit über 4000 Konzerte und Shows veranstaltet. Doch in diesem Jahr ist in der Konzertlandschaft Schweiz ein fundamentaler Umbruch im Gang. Die neu gegründete Firma abc Productions zieht 2014 die dicken Fische an Land: Pop-Grössen wie Justin Timberlake, The Rolling Stones, Miley Cyrus, Kings of Leon, Black Sabbath, Eagles, One Direction und für den Herbst Lady Gaga. Die Agentur Good News hat das Nachsehen und muss sich mit den Brosamen begnügen.

Hinter dem rasanten Aufstieg von abc Productions steht ein Mann, den man eigentlich schon abgeschrieben hat: André Béchir. Er war Mr. Good News. Der Mann, der als Geschäftsleiter von Good News Pop- und Rockmusik in die Schweiz gebracht hat. Ein Pionier. Bis heute hat er über 5000 Konzerte organisiert. Zusammen mit Claude Nobs, dem verstorbenen Gründer des Montreux Jazzfestivals, ist er die prägende Figur in der Schweizer Konzertszene. Béchir hat Good News zu dem gemacht, was es war. «Good News war mein Baby, das jetzt erwachsen geworden ist. Ich habe ihm viel zu verdanken», sagt Béchir.

zuletzt war er nur noch «senior advisor». Einen Mann wie Béchir kann man aber nicht aufs Abstellgleis stellen. Er ist Macher, nicht Berater. Ende 2012 lief sein Mandat bei Good News aus. Er wolle sich nun «eigenen Projekten widmen», gab er schon vor seinem Abgang bekannt. Béchir begann seine Autobiografie zu schreiben, und man erwartete, dass er sich langsam aus dem Geschäft zurückziehen würde. Ein Konkurrenzverbot gab es nicht.

Doch es kam anders. Im ersten Halbjahr 2013 wurde Béchir mit seiner neuen Firma abc Production operativ aktiv. Die Autobiografie wurde auf Eis gelegt. Es gehe ihm nicht um Revanchegelüste. «Das Kapitel ist für mich abgeschlossen. Ich möchte nur betonen, dass ich mit niemandem Streit habe», sagt er und fügt an: «Aber schon möglich, dass es solche gibt, die mit mir Mühe haben.»

Unausgesprochen wird deutlich, dass die Chemie mit seinem Baby respektive mit dem Eigentümer, dem Medienhaus Ringier, zuletzt nicht mehr gestimmt hat. Sehr gut unterrichtete Quellen der Branche sprechen von einer Eiszeit zwischen Béchir und seinem ehemaligen Geschäftspartner und Freund Gérard Jenni, der heute Geschäftsführer von Good News ist. «Sie sprechen nicht mehr miteinander», heisst es.

Seither tobt der Kampf um die grossen Popstars und um die Vorherrschaft im übersättigten Schweizer Konzert-Markt. Dabei hat Geschäftsmann Béchir sein erwachsen gewordenes «Baby» frontal angegriffen. Am 20. Juni erreicht der Kampf seinen Höhepunkt: In Hinwil, dem Geburtsort von Béchir, organisiert Good News zum ersten Mal das dreitägige Open Air «Rock The Ring». Dort hätten auch Black Sabbath auftreten sollen, doch Béchir machte den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Ozzy und Co. spielen am gleichen Tag im Hallenstadion Zürich – für Béchirs abc Production.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, denn Béchir kann auf eine 40-jährige Erfahrung zurückgreifen. Er kennt sie alle, und sie kennen ihn. «In diesem Geschäft läuft vieles über Beziehungen und Kontakte», sagt Béchir. So war es bei Ozzy, so war es bei Timberlake, und so ist es bei den Stones. Ohne Béchir geht nichts. Er ist der Boss, der Zampano, der die Fäden in der Hand hält und das Sagen hat.

Die deutsche Marktführerin CTS Eventim AG von Klaus-Peter Schulenberg besitzt 80 Prozent der Aktien von abc Productions, Béchir nur 20. «Schulenberg nimmt aber keinen Einfluss auf die Programmation», sagt Béchir, «er vertraut mir und lässt uns machen.»

Abc hat auch von einer neuen Situation im Hallenstadion Zürich profitiert. Good News hatte jahrelang ein Exklusivrecht auf Konzerte im Hallenstadion. Es wurde in den letzten Jahren gelockert und lief Ende 2013 aus. Pikanterweise zu jenem Zeitpunkt, als Béchir Good News verliess. Einen Zusammenhang bestreitet Béchir vehement.

Abc Productions kam die veränderte Situation gelegen. «Man darf auch mal Glück haben», sagt Béchir. Das heisst: Béchir führt seine Vorherrschaft im Hallenstadion in der neuen Firma weiter. 25 Veranstaltungen (nicht nur Pop-Konzerte) werden in diesem Jahr von abc Production bestritten, und nur acht von Good News. «Dass sich abc so rasant entwickelt, hat mich selber überrascht», sagt Béchir, aber es habe sich einfach so ergeben. «Wir haben noch mehr Anfragen, aber wir können gar nicht alles bewältigen.»

Der Erfolg von abc respektive der Bedeutungsverlust von Good News hat weitreichende Auswirkungen. Schon im Dezember 2013 verkaufte das Medienhaus Ringier seinen Anteil an der AIO Group AG, zu welcher Good News gehört. Offiziell, weil sich das Medienunternehmen noch stärker auf die Events der Energy Gruppe und auf das Festival Moon & Stars fokussieren will. Die Vermutung liegt aber nahe, dass die ausgehöhlte, verdrängte Firma Good News auch abgestossen wurde, weil sie fast nur noch zweit- und drittklassige Events zu bieten hat. Auf Anfrage bestreitet Ringier diesen Zusammenhang.

Fakt ist aber, dass Good News in der Strategie von Ringier zuvor eine zentrale Säule war. In der Umwandlung vom klassischen Zeitungs- und Medienhaus zum Unterhaltungskonzern. Dabei sollte die gesamte Wertschöpfungskette im Haus gehalten werden. Das heisst: Booking, Ticketing, Konzertorganisation, Vermarktung sowie die mediale Ausschlachtung. Der Erfolg von abc respektive der Bedeutungsverlust von Good News hat diese Strategie infrage gestellt.

«Der Verkauf von Good News ist keinesfalls ein Scheitern der Entertainment-Strategie», teilt Ringier mit. Mit der Entwicklung sei man insgesamt zufrieden und man kündigt viele weitere Projekte an: ein grosses Sommer-Open-Air und einen neuen Indoor-Music-Event. Mehr dazu konnte Ringier aber nicht sagen. Punkto Pop-Grossanlässe bleibt Ringier vorerst nur das Filetstück «Moon & Stars» sowie «NRG Stars For Free».

Und auch beim Festival «Moon & Stars» in Locarno mischt abc Production kräftig mit. Béchir war es, der das Festival aufgebaut hat, die grossen Stars gebracht hat, bis es Ende 2013 zu Unklarheiten zwischen Good News und abc kam. Beide verhandelten unabhängig voneinander mit Künstlern, bis Eigentümerin Ringier ein Machtwort sprach. Es fiel aber auch hier zugunsten von Béchir aus, denn Ringier weiss nur zu gut, dass nur er die grossen Stars nach Locarno holen kann. Abc wurde das Booking und die Organisation vor Ort übertragen, Good News das Ticketing.

Ist es für Ringier denkbar, mit abc Production und Béchir enger zusammenzuarbeiten? «Es gibt heute bereits Kooperationen und Medienpartnerschaften mit abc. Eine weiterführende Zusammenarbeit ist momentan kein Thema», sagt dazu Ringier.

Wenn es um die grossen Pop- und Rockstars geht, kommt an André Béchir in der Schweiz keiner vorbei. Mit abc Production hat er die Rolle übernommen, die zuvor Good News spielte. Umgekehrt hat Good News seine Geschäftsstrategie angepasst und backt kleinere Brötchen. «Wir fokussieren uns auf Family Entertainment und schaffen Plattformen für Nachwuchskünstler», sagt Geschäftsführer Gérard Jenni, «zudem werden wir – alleine und mit Partnern – neue Felder erschliessen. Das anvisierte Ergebnis lässt sich sehen.»

Im Mai wird André Béchir 65 Jahre alt und erhält zum ersten Mal AHV. «Das ist schon ein besonderer Moment, der mich zum Nachdenken bringt», sagt er. Ist er jemand wie die Musiker der Rolling Stones, die einfach nicht aufhören können? «Der Vergleich hinkt schon deshalb, weil Mick Jagger und Keith Richards fünf Jahre älter sind als ich», sagt Béchir lachend, «das Business macht mir immer noch grossen Spass. Ich bin ein Musik-Freak, ein Fan. Ich mag es, wenn ich etwas bewegen kann und den Leuten mit Konzerten Freude machen kann. Wieso soll ich es also nicht weiter machen?»

Umgekehrt merkt aber auch André Béchir, dass nicht mehr alles geht wie mit 20. Sein Know-how will er deshalb an ein junges Team weitergeben, das die Verantwortung irgendwann übernehmen kann.

«Nein, nein», beschwichtigt Béchir, «ich höre nicht gleich auf. Mindestens drei Jahre habe ich zugesagt. Aber irgendwie schliesst sich mit dem Konzert der Rolling Stones schon ein Kreis», sagt er.

1973 hat er, damals mit Claude Nobs, zum ersten Mal ein Konzert mit den Stones organisiert. «Wie Mick, Keith und Co. war ich ein Freak mit langen Haaren», sagt er. Es folgten acht weitere Gigs in der Schweiz. «Die Stones haben mich durch meine ganze Karriere begleitet», sagt Béchir, «und das Konzert am 1. Juni in Zürich wird wohl mein Letztes mit ihnen sein.»

Das Ende der Ära Béchir ist also absehbar. Wie wird sich die Konzertlandschaft danach verändern? Werden grosse Acts wie die Stones noch in die Schweiz kommen? «Schon, aber vielleicht über einen deutschen oder amerikanischen Veranstalter», meint Béchir. Schulenberg mit seiner CTS Eventim könnte möglicherweise Nachfolger sein. «Solange Béchir veranstaltet, stosse ich nicht in die Schweiz vor», hat Schulenberg immer wieder gesagt. Für ihn ist das Ehrensache. «Die Konzertbranche wird noch internationaler, wird wohl ganz globalisiert», vermutet Béchir. Die wichtigsten Veranstalter in Europa sind im Alter zwischen 55 und 70. «Wenn wir abtreten, wird alles viel anonymer», sagt er, «nicht mehr Kontakte und persönlichen Beziehungen zählen, sondern primär das Geld.»

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