Frau Rohrer, wie geht es dem Schweizer Film in diesem Jahr?
Seraina Rohrer: Mit «Schellen-Ursli» und «Heidi» ist 2015 geprägt von zwei Familienfilmen, die ein breites Publikum ansprechen. Das freut mich und ist nicht selbstverständlich. Daneben bestätigt die Schweiz ihren Ruf als Filmland mit Dok-Filmen, die international gefragt sind. Zu nennen sind Samir, den die Schweiz mit «Iraqi Odyssey» ins Oscar-Rennen schickt, und Nicolas Steiner, dessen «Above And Below» an namhaften internationalen Festivals gezeigt wird.

Aber gerade im Zusammenhang mit «Heidi» und «Schellen-Ursli» wurde der Filmförderung vorgeworfen, sie sei «mutlos und langweilig».
Den Vorwurf kann ich nicht teilen. Diese Geschichten sind Volksgut der Schweiz und bereichern den Schweizer Film. Zusammen mit kantigen Dokumentarfilmen machen sie die Vielfalt des Schweizer Filmschaffens aus. Es soll auch Filme geben, die ein breites und junges Publikum ansprechen. Sie sind identitätsstiftend und ermöglichen den Zugang zum Schweizer Film. Wenn es in diesem Jahr gleich zwei Filme aus diesem Segment gibt, freut mich das. Klar geht es auch darum, gute neue Originaldrehbücher zu schreiben, aber diese beiden grossen Buchverfilmungen sind für die Filmlandschaft wichtig.

Gibt es keine aktuelleren, brennenderen Themen?
Im kommenden Jahrgang stehen Familie und Familienkonstellationen, Beziehungen zu Eltern und Geschwistern im Vordergrund. Diese Geschichten haben eine grosse Dringlichkeit und werden aus der Aktualität heraus erzählt. Das Private kann hochpolitisch sein.

Hat die aktuelle Flüchtlingsproblematik schon ihren Niederschlag gefunden?
Es zeigt sich, dass das Fernsehen hier schneller reagieren kann. Spielfilme mit ihren zum Teil langwierigen Prozessen haben es hier schwerer. So haben wir einen starken Dok-Film eines Journalisten des RTS, der die Probleme von minderjährigen Flüchtlingen in der Schweiz thematisiert. Dazu kommen ein Kurzfilm, der sich dem Extremismus widmet, sowie natürlich der Eröffnungsfilm «Die Schwalbe» von Mano Khalil, bei dem es um Identität und Heimat geht. Der Berner Regisseur mit kurdisch-syrischen Wurzeln begibt sich in diesem Familiendrama zurück in seine konfliktgeprägte Heimatregion. Der Film ist exemplarisch, weil er aktuelle politische Probleme mit einer Familiengeschichte darstellt.

Die von Ihnen genannten wichtigsten Schweizer Filme des vergangenen Jahres feierten die Premiere nicht an den Solothurner Filmtagen. Stört Sie das?
Die Solothurner Filmtage sollen in erster Linie eine Werkschau des Schweizer Films sein. Aber natürlich gehören Premieren dazu, auch in der kommenden Ausgabe. Vergessen Sie «Usfahrt Oerlike» nicht. Der Film mit den beiden inzwischen verstorbenen Volksschauspielern Mathias Gnädinger und Jörg Schneider wurde an den 50. Solothurner Filmtagen uraufgeführt. Dazu kamen Schweizer Premieren wie «Iraqi Odyssey», «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» sowie «Spartiates», der den «Prix de Soleure» gewann. Sie alle zählten zu den wichtigsten Filmen dieses Jahres.

Aber gerade «Spartiates» war in den Kinos ein Flop und erreichte bloss 2645 Zuschauer.
Es ist so, dass nicht alle Filme im Kino gut laufen. Der Erfolg eines Filmes misst sich aber nicht nur an den Kinoeintritten. «Spartiates» ist ein Film für ein Festivalpublikum. Er ist durch die Welt gereist und wurde mit Erfolg an diversen internationalen Filmfestivals gezeigt. Ein anderes Beispiel ist «Above And Below», dessen Kinoauswertung noch bevorsteht. Ein Film, der wichtige Fragen aufwirft und visuell etwas probiert. Er richtet sich an ein anderes Publikum als jenes vom «Schellen-Ursli». Das alles soll nebeneinander Platz haben. Die Schweiz ist ein Land der verschiedenen Identitäten. Ich will mich in den Filmen sehen und wiedererkennen. Das ist eine wichtige Idee von Kultur.

Was können wir an den kommenden Filmtagen erwarten?
In der 51. Ausgabe rücken wir die «Gesichter» des Schweizer Films ins Zentrum. Ehrengast ist Ursina Lardi, mit dabei sind Jung-Schauspieler Kacey Mottet Klein, Joel Basman oder Manon Pfrunder, eine richtige Entdeckung. Solothurn soll nächstes Jahr unter dem Stern der Schauspielerinnen und Schauspieler stehen. Sie geben dem Schweizer Film ein Gesicht oder eben Gesichter.

Worauf freuen Sie sich selbst?
Gespannt darf man sein auf «Welcome to Island» von Felix Tissi mit Marcus Signer in der Hauptrolle. Wir kennen ihn als «Goalie», hier spielt er einen Familienvater, der mit seiner Familie durch Island wandert. Ein Film mit einer skurrilen Note.

Die Post ist nach elf Jahren als Hauptsponsor ausgestiegen. Konnte ein Ersatz gefunden werden?
Teilweise. Die Swisscom ist auf der Ebene Sponsoring eingestiegen, und die Hauptsponsorin Swiss Life hat ihr Engagement beim Prix du Public verstärkt. Wenn wir die zusätzlichen Stiftungsgelder dazuzählen, sieht es momentan erfreulicherweise nach einer ausgeglichenen Rechnung aus. Im ersten Budget sind wir von einem Defizit von 50 000 Franken ausgegangen.

Wie wirkt sich das auf die Planungssicherheit aus?
In den letzten drei Jahren konnten wir Organisationskapital bilden, eine Reserve, die für solche Ausfälle verwendet werden kann und uns Zeit gibt, einen neuen Hauptsponsor oder zwei neue Sponsoren zu finden. An den Filmtagen 2016 und 2017 können wir sicher noch mit diesem Budget fahren. Wenn nicht, müssen wir es 2018 anpassen.

Störend ist einfach, dass die Post in Solothurn ausgestiegen ist und in Locarno engagiert bleibt.
Die Post ist auch bei den Filmfestivals in Zürich und Nyon ausgestiegen. Nach elf Jahren Partnerschaft darf man sich schon mal anders ausrichten.

Die Solothurner Filmtage haben in der letzten Ausgabe den 50. Geburtstag gefeiert. Was sind die neuen Ziele?
Es gibt drei neue Ausrichtungen. Wir wollen den Schweizer Film in die Zukunft begleiten und die Herausforderungen annehmen. Die Digitalisierung und mit ihr die neuen Formate werden zu einem grossen Thema. Es ist ähnlich wie damals, als das Video aufkam. Das heisst, man erzählt nicht nur für die Leinwand, sondern integriert andere Elemente. Die Leinwände brechen aus. Der Rahmen wird gesprengt, und es ergeben sich neue Erzählformen. Der Film wird neu erfunden. Wir präsentieren in diesem Jahr erstmals ein solches Projekt, und in den nächsten Jahren wollen wir das ausbauen.

Was ist das zweite Ziel?
Priorität hat in den nächsten Jahren der Nachwuchs – beim Film und im Publikum. Die neusten Wemf-Zahlen sind vielversprechend. Sie zeigen, dass wir zunehmend ein junges Publikum für den Schweizer Film begeistern können. Wir führen mit einer Treatment-Werkstatt auch ein neues Gefäss ein, in welchem junge Filmschaffende einen Förderbeitrag gewinnen können.

Und das dritte?
Dass die Schweiz nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative aus dem europäischen Filmförderungsprogramm MEDIA ausgeschlossen wurde, wird jetzt spürbar. Film ist ein internationales Medium, doch der Schweizer Film ist isoliert. Die Ersatz-Fördermassnahmen greifen zwar, aber weil wir nicht mehr in dem europäischen Netzwerk sind, ist es für Schweizer Filme schwieriger, internationale Verleihe zu finden. Umso wichtiger ist die Standort-Förderung, die 2016 in Kraft tritt und die die internationale Verhandlungsposition verbessert. Der Schweizer Film muss offen sein, muss europäisches Kino sein und in die Welt getragen werden.

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