Von Peter Rothenbühler *

Es ist nicht irgendein Platz, den der Attentäter für seine furchtbare Tat ausgewählt hat, nein, es ist eine der touristischen Attraktionen Frankreichs, eine Art liegender Eiffelturm. Schon bei der Einfahrt nach Nizza, der zweitwichtigsten Touristenstadt des Landes, weisen Schilder den Weg zur «Promenade des Anglais», von den Einheimischen nur «Prom» genannt.

Die Promenade des Anglais ist einer der schönsten, breitesten (25 Meter!) und längsten (5 Kilometer) Fussgängerboulevards der Welt, fünf Meter über dem Meeresufer. Dass ausgerechnet hier, ausgerechnet am Nationalfeiertag 14. Juli, sich eine derart schreckliche Tragödie abspielen könnte, überstieg die Fantasie der Stadtbehörden, die sonst alles unternehmen, um die Sicherheit von Nizza zu verbessern: die Stadt hat mehr Überwachungskameras als jede andere.

Christian Estrosi, Ex-Stadtpräsident und neu Präsident der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA), hat vor der Fussball-EM bei der Regierung in Paris beantragt, die Aufstellung von Kameras mit Gesichtserkennung zu bewilligen, und ist damit nicht durchgekommen.

Einen Tag vor dem Attentat hat er sich beim Präsidenten persönlich in einem Brief darüber beklagt, dass seine Polizei zu wenig gut gerüstet sei, nicht jeder Stadtpolizist eine schusssichere Weste habe. Er kennt die Gefahren: Seine Region kennt die höchsten Arbeitslosenzahlen, eine hohe Dichte an zugewanderten Nordafrikanern, 10 Prozent aller bekannten Islamisten Frankreichs wohnen in den Aussenquartieren von Nizza, von hier sind schon ganze Familien nach Syrien in den heiligen Krieg gezogen, hier gab es auch schon Attentate auf Polizisten. Regelmässig werden Uhrenboutiquen und Touristen ausgeraubt.

Jedes Jahr, wenn im Januar Hunderte Touristencars aus ganz Frankreich zum grossen Fasnachts-Corso kommen, hofft ein riesiges Polizeiaufgebot, dass nichts Schlimmes geschieht. Dass ein Fanatiker auf die Idee kommen könnte, die Promenade des Anglais für ein Attentat zu nutzen, dass man sie deshalb eigentlich an einem 14. Juli wie eine Fanzone der EM hätte dicht absperren müssen, darauf sind auch die klügsten Geheimdienstköpfe nicht gekommen. Aber eigentlich braucht man sich nur in den Geist eines potenziellen Terroristen zu versetzen: die Prom bietet sich geradezu ideal an für ein Massaker: Touristenattraktion, leicht zugänglich, immer sehr viele Menschen gleichzeitig versammelt. Wer die Hölle im Paradies organisieren will, muss hier mit einem Lastwagen durchbolzen. Aber solche Überlegungen sind im Nachhinein immer leichter anzustellen als im Voraus.

Gassen wie in Neapel
Ein- bis zweimal pro Jahr fahre ich selbst mit der Familie nach Nizza, meistens im Winter, wenn die Hotelpreise vernünftig sind. Nizza ist der easy erreichbare Traum vom Süden, ein kleines Paradies direkt am Meer, naher Flughafen, mildes Klima, Palmen, blaues Meer, Espresso trinken auf dem Blumen- und Fischmarkt im Cours Saleya, gleich neben der Promenade des Anglais, dahinter die malerische Altstadt, die einen Hauch von Italianità ausstrahlt: Enge Gassen mit (zu) vielen Pizzerien und – wie in Neapel – Wäscheleinen hoch über den Gassen. Man merkt, Nizza gehörte noch im 19. Jahrhundert zu Italien. Hinter der Altstadt kommt man in eine moderne, grosszügig angelegte Stadt mit vielen schicken Uhren- und Mode-Boutiquen, modernen Trams, Fussgängerzonen, Museen, Theatern und Einkaufszentren. Wer nicht bis in die sehr ärmlichen Aussenquartiere im Norden vordringt (was ich niemandem empfehle), wo eine explosive Schicht ärmlicher Immigranten lebt, dem bietet Nizza ein reiches, schönes und sauberes Gesicht. Ein Touristenparadies, das auch erstaunlich viele gut betuchte Italiener für ihre Wochenenden aufsuchen. Auch die Russen haben vor ein paar Jahren Nizza entdeckt, im Winter sieht man hier viele lange Pelzmäntel. Und jetzt sind auch die Chinesen-Gruppen gekommen. Zum Nizza-Aufenthalt gehören, ob Sommer oder Winter, auch bei mir mehrere lange Spaziergänge auf dem schönsten Fussgänger-Boulevard der Welt, direkt dem Meer entlang, möbliert mit Glaceständen, Kiosken und vielen legendären blauen Stühlen zum Ausruhen.

Vor zehn Tagen genoss ich dieses friedliche und fröhliche Hin und Her von Joggern, Inlineskatern, Kinderwagen, Rollstühlen, Familien, Kindern, Hunden. Auf der einen Seite der Blick auf den Strand und übers blaue Meer, auf der andern Seite die schönen Hotels, allen voran das rosarote legendäre Jugendstil-Fünfstern-Haus Negresco. Das gibt die ideale Ferienstimmung.

Die Promenade wurde auf Anregung der Engländer im 19. Jahrhundert in mehreren Etappen gebaut, als die englische Oberschicht das milde Klima und die Schönheit von Nizza auf ihrer Flucht vor dem Fog entdeckten. Königin Victoria war regelmässig da, englische Schriftsteller, Musiker und Maler pendelten zwischen der verwinkelten Altstadt, dem Strand und den luftigen Höhen oberhalb der Stadt, wo heute der Schweizer Künstler Ben («La Suisse n’existe pas») residiert. Viele pensionierte Schweizer residierten oft in Nizza, der legendäre Karikaturist Nico (Tagi, AZ) lebte hier, zog nach mehreren Einbrüchen allerdings nach Cannes um. Auch bei den ganz Jungen ist die Universitätsstadt beliebt: Viele Sprachschulen empfangen jährliche Hunderte junge Schweizer. Glücklicherweise ist jetzt gerade Ferienzeit, und die meisten Schüler weilen zu Hause.

Die Meeresbucht von Nizza heisst übrigens la baie des anges, die Bucht der Engel. Der Name hat seit dem 14. Juli eine ganz neue Bedeutung erhalten. La Promenade des Anglais wird wohl für längere Zeit eine Promenade des Grauens bleiben. Und die Polizisten werden ihre kugelsicheren Westen erhalten.

*Peter Rothenbühler ist seit 2014 Partner der Agentur für Zeitungs- und Zeitschriftendesign Rampazzo & Associés, Paris. Er war Chef der Entwicklungsgruppe Presse von Ringier, Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte», «Le Matin» und stv. publizistischer Direktor von Tamedia Publications romandes.

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