Von Anne-Sophie Scholl

Lässig wie ein CollegeStudent schlendert der junge Mann die Strasse herunter. Keine Spur von Starallüren, ganz so, wie man das schon vor drei Jahren lesen konnte, als er mit «Die Wahrheit über Harry Quebert» den Literaturbetrieb rund um den Globus in helle Aufruhr versetzte. Joël Dicker feixt, er hält sich das aktuelle Cover eines Magazins vor den Kopf, das er eben von der Journalistin des «SI Style» bekommen hat – so prangt für einen kurzen Moment das Gesicht von Adele über dem schlichten schwarzen Pullover, den ausgefransten grauen Jeans, den Turnschuhen.

Später, beim Fototermin, macht er vergnügt mit. Mal schaut er ernst, mal lacht er, und dann strahlt sein Gesicht voller Charme – er bewegt sich leicht und frisch, als wäre alles ein Spiel. Der 30-jährige Genfer ist zwei Tage für Interviews in Zürich. Die Auslieferung der deutschen Übersetzung seines jüngsten Romans steht bevor. Es ist der Härtetest – für jeden Autor, für ihn aber besonders: «Harry Quebert» wurde mit Preisen überhäuft und in vierzig Sprachen übersetzt, drei Millionen Exemplare des Romans gingen über den Ladentisch, davon allein anderthalb Millionen in französischer Sprache. Im deutschsprachigen Raum waren es 250 000. Drei Jahre war der Autor rund um die Welt auf Promotionstour. Sein letztes Buch hatte ihn als leuchtenden Stern ans Firmament des Literaturhimmels katapultiert. Und einen enormen Erwartungsdruck geschaffen, den Dicker aber mit auffallender Unbekümmertheit wegzuwischen scheint.

Mit Büchern aufgewachsen
Im Gespräch ist Joël Dicker ernsthaft und fokussiert. «‹Harry Quebert› war ja nicht mein erster Roman», sagt er. Vier vorherige Romane waren in der Schublade gelandet, für einen hatte er einen Verlag gefunden, aber kein grosses Echo. Dann, mit dem sechsten Roman, kam der gigantische Erfolg. Aber da sei er in seinem Schreiben schon gefestigt gewesen. Nur seine Freunde, denen er zuvor nichts davon gesagt habe, hätten überrascht reagiert: Was? Du bist Schriftsteller?

Dickers Mutter arbeitet in einer Buchhandlung, der Vater ist Französischlehrer, mit seinen drei Geschwistern ist er in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Lesen selbstverständlich war. Dem Schriftsteller hafte etwas Fantastisches an, sagt er. Und vielleicht weil er sich dazu noch viele Fragen stellt, steht auch in seinem neuen Roman «Die Geschichte der Baltimores» ein Schriftsteller im Zentrum. Es ist Marcus Goldman, der einem schon in «Harry Quebert» begegnet ist. Und wie jenes Buch ist auch das neue ein Roman im Roman.

In «Harry Quebert» leidet Marcus Goldman nach dem überwältigenden Erfolg seines Erstlings an einem Schreibstau, holt sich bei seinem früheren Mentor Rat und wird dabei in einen raffiniert verschachtelten Kriminalfall verwickelt. In «Die Geschichte der Baltimores» schreibt sich Goldman seine eigene Familiensaga herbei – eine Art Aufstieg und Niedergang von miteinander in Liebe und Rivalität verbundenen Figuren.

Liebe, Freundschaft und Neid
Die Idee, den Schriftsteller Marcus Goldman aus «Harry Quebert» aufzugreifen, sei kurz nach Abschluss des Buches entstanden, bevor sich die grosse Aufregung abzeichnete. Damals habe er sogar an eine Trilogie gedacht, sagt Dicker. Doch mit dem Erfolg des Vorgängers seien Zweifel gekommen: Macht er es sich nicht zu einfach, etwas aufzugreifen, das gut funktioniert hat? Bis er sich dazu durchrang, es trotzdem zu tun: «Man muss das machen, wozu man Lust hat, und sich nicht davon abbringen lassen.»

Dicker hatte Lust dazu, der Figur, die im Vorgängerroman eher schemenhaft geblieben war, mehr Raum und Körper zu verleihen. Und, wie der neue Roman zeigt, er hatte auch Lust dazu, über genau dieses Thema zu schreiben. Denn darum geht es im Kern: Die Familie spaltet sich auf in den glamourösen Zweig der Goldmans aus Baltimore und die mittelständische Durchschnittlichkeit der Goldmans aus Montclair. Marcus ist in Montclair aufgewachsen. Von klein auf hat er sich vom Glanz der Baltimores verführen lassen. Doch gleich zu Beginn des Buches ist klar: Es gab eine schreckliche Katastrophe. Und dann ist da neben dem erfolgreichen Schriftsteller noch Alexandra, eine umjubelte Musikerin, mit der Marcus bis zu der Katastrophe eine symbiotische Liebe verband.

Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Eifersucht und Neid: Das sind die Themen, die Dicker in einer Vielzahl von Variationen souverän auffächert und ironisch zugespitzt in kühn geschlagenen Bogen erzählt. Damit überzeugt das Buch – wie in der Fähigkeit, an «Harry Quebert» anzuknüpfen und mit der Familiensaga doch etwas Eigenes zu schaffen. Daneben gibt es Kleinigkeiten, wie sie schon beim Vorgänger zu bekritteln gewesen sind. Gewisse Längen etwa, und, mehr noch, eine zuweilen allzu durchschaubar vom Plot getriebene Einführung von neuen Figuren. Mit einem noch gründlicheren Lektorat wäre das zu beheben. Auch wenn das Buch nicht an den Vorgänger herankommt: Chapeau! Auf den letzten Teil der Trilogie sollte man vorerst jedoch nicht hoffen: Joël Dicker schreibt an einem anderen Projekt. «In der kreativen Arbeit kann man nichts versprechen.»

Joël Dicker: «Die Geschichte der Baltimores».
Erscheint am 2. Mai, Piper, 512 Seiten.

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