Gerhard Richter. Der Name elektrisiert die Menschen. «Ich liebe seine Bilder.» «Was er macht, ist einfach schön!» «Ein Bild von Richter wäre mein Traum.» Egal, wen man fragt: Richter gefällt, Richter imponiert. Fragt man nach, merkt man allerdings: Jede und jeder hat ein anderes Bild vor dem inneren Auge. Die unscharfen grauen Malereien nach Fotografien meint die eine, die abstrakten Kompositionen der andere, die mit dem Spachtel gezogenen Farbabstraktionen die dritte oder die romantischen Wolkenbilder der vierte.

Diese Stilvielfalt ist das Markenzeichen von Gerhard Richter – sie ist seine Krux wie seine Stärke. Und anders als bei anderen grossen Malern – etwa bei Pablo Picasso – ist die Vielfalt bei Richter nicht das Resultat einer chronologischen Entwicklung. Er praktiziert alles gleichzeitig, und das Neue verdrängt nicht, sondern ergänzt das Alte. Oder wie es der Künstler selber – provokativ – formuliert: «Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen.» Umso erstaunlicher also, dass der Künstler, der auf so vielen stilistischen Hochzeiten tanzt, trotzdem dermassen Erfolg hat. Doch was heisst Erfolg?

Richter ist der Wichtigste. In Rankings bei den lebenden Künstlern belegt er seit Jahren Spitzenplätze. Letztes Beispiel: Die amerikanische «Vanity Fair» fragte im Dezember hundert Künstler, wer der wichtigste sei. Klarer Sieger: Gerhard Richter. Vor Jasper Johns, Richard Serra und Bruce Naumann.

Richter ist der Gefragteste. Mehr Retrospektiven in grossen Museen, mehr Einladungen zu Grossereignissen wie Documenta (sechsmal dabei) oder Biennalen kann kaum einer nachweisen.

Richter ist der Teuerste. Er hält den Weltrekord als teuerster lebender Künstler: 37,1 Mio. Dollar zahlte ein Sammler im Mai 2013 für «Domplatz, Mailand». Richters Preiskurve ist enorm. Zum Vergleich: 1998 brachte das gleiche Bild «nur» 3,6 Mio. Dollar. Für ihn selber sind solche Preise unverständlich und albern, ein «Missverhältnis zwischen dem Wert und der Relevanz von Kunst».

Richter ist der Beste. Die wichtigen Preise, gehören ihm – vom Goldenen Löwen in Venedig bis zum renommiertesten Praemium Imperiale.

Richter ist fleissig. Sein Oeuvre ist nicht nur vielfältig, sondern riesig. Das lässt sich an seinem perfekt geführten Werkverzeichnis, das auf seiner Website einsehbar ist, verfolgen. Anzumerken wäre, dass sein Künstlerleben einige Jahre vor seinem selber gesetzten Nullpunkt – 1962 mit Werknummer 1: «Tisch» – begann. Der 1932 in Dresden geborene Gerhard Richter besuchte nach dem Krieg eine Handelsschule und Abendkurse in Malerei, arbeitete als Schriftenmaler, bis er im zweiten Anlauf 1951 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden aufgenommen wurde. Er absolvierte die Ausbildung als Wandmaler, erhielt Aufträge – und litt nach einer Reise in den Westen, 1959 an die Documenta mit Werken von Jackson Pollock und Lucio Fontana, an der Diskrepanz zwischen West- und Ostkunst. «Die Unverschämtheit! Von der war ich sehr fasziniert und sehr betroffen. Ich könnte fast sagen, dass diese Bilder der eigentliche Grund waren, die DDR zu verlassen. Ich merkte, dass irgendetwas mit meiner Denkweise nicht stimmte.»

1961, kurz vor dem Bau der Mauer setzte er sich mit seiner Frau Ema ab, begann im Kunst-Hot-Spot Düsseldorf eine zweite Ausbildung, beteiligte sich an Aktionen, proklamierte ironisch den «kapitalistischen Realismus» – und fand sein erstes eigenständiges Feld: Malerei nach Fotografien. Es ist das Gewöhnliche, das Banale und das Erzählerische an den Hobby- und Pressefotos, das ihn fasziniert. Grau in grau, geheimnisvoll dank Verwischung und Unschärfe und packend dank Richters stupender Technik: Die Gemälde haben schnell Erfolg. Bereits 1972 vertritt Richter Deutschland an der Biennale Venedig mit einer radikalen Installation von 86 Porträts nach Lexikon-Fotos grosser Denker.

Dabei hätte er bleiben können. Doch: «Es ist lusterzeugend, etwas Neues auszuprobieren», sagt er. Ab 1966 bringen ihn, der sich damals auch als Pop-Art-Künstler verstand, abgemalte Farbmusterkarten zur geometrischen Abstraktion. Er experimentiert mit Glasscheiben und Spiegeln, und 1970 präsentiert er nach Ferien am Mittelmeer seine ersten Wolkenbilder und Seestücke. Überraschend romantisch, berückend schön und dank der fundierten Dresdener Ausbildung technisch perfekt gemalt.

Doch Richter ist kein Romantiker. Er lebt und malt in der Gegenwart. 1988 macht sein Zyklus über die Baader-Meinhof-Gruppe politische Schlagzeilen. 2007 löst sein abstraktes Fenster für den Kölner Dom Diskussionen über religiöse Kunst aus. Daneben entstehen Familienbilder, Porträts seiner Ehefrauen (Ema, Isa und Sabine) und seiner Kinder.

Perfektionist ist Gerhard Richter bis heute. Und auch eher scheu. Er schottet sich ab, gezielt lässt er sich filmen. So können wir zuschauen, wie er konzentriert, bedächtig und unter Anspannung mit riesigen Spachteln seine abstrakten Gemälde zwischen Absicht und Zufall, Glück und Angst vor dem Scheitern malt. Wie er auf Leitern balancierend mit bis zu vier Metern langen Pinseln mit angehaltenem Atem einzelne Striche in den scheinbar so spontanen, expressiven Riesen-Farbtafeln platziert.

Seine zahlreichen Ausstellungen überlässt er zudem nicht einfach den Museen oder seinen Assistenten. Er plant Hängungen an Modellen, liebt es, Gemälde ungewöhnlich hoch oder tief zu platzieren und gegensätzliche Werke aus verschiedenen Zeiten zu kombinieren. So erlebt die Besucherin spannende Wechsel, muss ihre Wahrnehmung immer wieder überprüfen, das eine mit dem anderen zusammenbringen.

In seinen riesigen Ateliers in Köln arbeitet der Künstler stets an mehreren Bildern gleichzeitig. So vermeidet er Routine, erhält sich die Lust. Seine Werke finden schnell auf den Markt. Doch Richter unterwirft sich ihm nicht. Er hat es trotz seiner Erfolge geschafft, glaubwürdig zu bleiben, das zu machen, was er will. Wenn er über seine Arbeit spricht, erleben wir ihn als sympathischen, ehrlichen und selbst-kritischen Menschen. Und wir glauben ihm auch, wenn er heute mit 81 Jahren nicht ans Aufhören denkt, sondern sagt: «Entweder ich male oder ich bin unglücklich.»

Diese Lust am Malen und Experimentieren, die Fähigkeit Kunst und Leben, Bild und Realität zu verbinden, sowie das pure Können machen Gerhard Richter zu dem, was er heute ist. Zum Besten.

Gerhard Richter in der Schweiz
Kunstmuseum Winterthur: «Streifen und Glas». (Neue Werke). 18.1.–21.4.
Fondation Beyeler: Übersicht. 18.5.–7.9.

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