Heute würde man Globi Ritalin verschreiben. Diese Wutausbrüche, diese cholerische Art, diese Unrast. Und wie er Tiere quälte. Er band Kühen den Schwanz zusammen und schoss auf Geflügel. Alarmierend. Aber damals in den frühen 30er-Jahren, in der Zeit, als Globi zum ersten Mal durch die Schweiz abenteuerte, da waren Schwarze noch Neger und Frauen auch in Kinderbilderbüchern nur Staffage. Das bisschen Prügeln, das Quälen – ging alles. Globi ist bei weitem nicht das einzige und nicht das düsterste Schweizer Kapitel der 30er- und 40er-Jahre. Aber er ist eines.

Heute, über 80 Jahre später, ist ja trotzdem etwas aus Globi geworden. Eine Marke, sicherlich. Ein Kultobjekt, auch. Aber er bleibt ein kleines Mysterium. Denn wieso Kinder Globi so lieben, fragen sie sich spätestens, wenn sie erwachsen werden. Für Historiker Georg Kreis ist Globi eine sehr schweizerische Figur. Er sei kein Held, glänze nicht. «Globi ist ein multifunktionaler Mitbürger. Das Geniale an dieser Figur ist, dass sich so vieles in ihr spiegelt.» Er habe eine biedere Liebenswürdigkeit oder eine liebenswürdige Biederkeit – wie die Schweiz.

Am Dienstag erscheint nun der Band «Globi und der Goldraub». Ausgabe Nummer 86. Globi ist die älteste kaum veränderte Bilderbuchfigur (seit 1935) des deutschsprachigen Raums – und ein gutes Geschäft. Gisela Klinkenberg, Leiterin Kinderbuch beim Orell Füssli Verlag, sagt: «Globi ist die stärkste Marke, die wir haben.» Pro neue Ausgabe gehen im Schnitt 25 000 Bücher über den Ladentisch.

Das System Globi ist eine gut geölte Maschinerie, sie läuft und läuft. Der Verlag hat eine enorme Globi-Produkte-Palette: Globi-Kinder-Sachbücher, Globi-Uhren, Globi-Glace. Darüber hinaus vergibt Orell Füssli Lizenzen an kommerzielle Partner. Die SBB verzierten Spielwagen mit Globi-Zeichnungen. Auch die Lenzerheide wirbt mit ihm.

Globi ist ein Schweizer Kulturgut. Trotz Migrationshintergrund. Denn ursprünglich ist Globi Afrikaner. So zeichnete es Robert Lips 1932 im Auftrag von Globus. So dachte es sich der Vater von Globi, Ignatius Karl Schiele, aus. Ein Papageienmensch, der für die Kolonialwarenabteilung des Warenhauses werben sollte.

Schiele war zu dieser Zeit Werbechef bei Globus. Ein Propaganda-Fachmann, gerade aus Deutschland zurückgekehrt und fasziniert von der damals neuen psychologischen Erforschung der Werbung. Er weiss: Kinder sind die Kunden von morgen. Ab 1933 erscheint ein Globi-Heft. Innert kürzester Zeit wird er in der ganzen Schweiz bekannt – die Kinder reissen sich um den blauen Menschenvogel. 1935 erscheint das erste Bilderbuch und verkauft sich wie verrückt (1948 sollte es bereits die Millionen-Grenze knacken). Im ganzen Land entstehen nun Globi-Clubs, Schiele füttert sie mit Globi-Merchandise, alles immer von einer erzieherischen Botschaft durchdrungen. Und bald von noch mehr.

Das Vaterland rückt ins Zentrum. Der Zweite Weltkrieg macht Globi zum eifrigen geistigen Landesverteidiger. Jeder Globianer soll seinen Beitrag leisten, sagt Schiele. Der Werbespezialist führt ab 1940 Korrespondenz mit der politischen und militärischen Elite der Schweiz, wie das Buch «Globi und seine Zeit» aufzeigt. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz. Bundesrat Philipp Etter. General Henri Guisan. In mehreren Schreiben legt Schiele ihnen dar, wie Globis «positive nationale Propaganda» dem Aufbau «der christlichen, der gerechten Sache» verpflichtet sei. 1939 erscheint der Band «Globi an der Landes- Ausstellung». 1940 «Globi wird Soldat». Im Globi-Heft erscheinen Sprüche wie «Die Kraft unseres Volkes wächst aus dem Glauben!».

Dieser militarisierte Vaterlands-Globi gerät ab den 70er-Jahren in die Kritik, man zerzaust ihn. Globi wird Frauenfeindlichkeit und Gewalttätigkeit vorgeworfen. Die «Erklärung von Bern» veröffentlicht einen Aufsatz über Rassismus in Globi-Büchern. Der Historiker Georg Kreis schreibt den Aufsatz «Helvetischer Totalitarismus». In ihm vertritt er die These, dass sich die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs mit totalitären Mitteln gegen die totalitäre Gefahr aus dem Ausland wehrte. Die Arbeit illustriert er mit einem Globi-Bild aus dem Jahre 1939, auf dem er von einem Balkon zu einer Menschenmasse spricht. In einer Pose, die stark an den italienischen Faschistenführer Benito Mussolini erinnert. Benito Globiolini.

Globi ist nicht der einzige Comic-Held, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Bei Tim & Struppi ist der Rassismus noch eklatanter.

Globi überstand die Angriffe. Mit der Regelmässigkeit eines Uhrwerks erscheinen seit 81 Jahren Globi-Bände. Jedes Jahr ein neuer Band. Aber spurlos gingen die Vorwürfe doch nicht an Globi-Verlags-Leiterin Gisela Klinkenberg vorbei, sie sagt: «Anfang der 90er-Jahre war Globi out.» Pädagogen hätten ihn nicht mehr gerne verwendet. Die Verkaufszahlen stagnierten. Doch der Verlag gab der Figur neuen Schub. Indem sie auf Swissness setzte. «Am besten laufen die Bücher mit einem Schweiz-Bezug», sagt Klinkenberg. Zudem setzt der Globi-Verlag verstärkt auf ein Geschäftsmodell mit Partnern. So auch in der aktuellen Nummer, bei der der Verlag mit der Stadtpolizei Zürich zusammenarbeitet. Im Vorwort wendet sich Polizeikommandant Daniel mit «Liebe Kinder» an seine Leser und garantiert, dass die Polizei sie vor «Räubern, Unholden und anderen Missetätern» schützt. Für den Globi-Verlag ist die Zusammenarbeit höchst interessant, denn die Partner garantieren, eine gewisse Anzahl Bücher abzunehmen. Das sind garantierte Einnahmen. So diente Globi auch schon der Bio-Landwirtschaftsstiftung «Biovision» (Globi, der schlaue Bauer, 2014), dem Flughafen Zürich (Globi am Flughafen, 2010) und dem SRF (Globi beim Fernsehen, 2013).

Globi steht also immer noch im Dienste einer grösseren Sache. Statt Vaterland ist es nun die Stadtpolizei. Und immerhin begegnet er in Zürich nun keinen schwarzen Menschen mit Knochen im Haar, sondern Kebab-Ständen.

Das Buch «Globi und der Goldraub» erscheint am 1. März. Das Hörspiel ist seit letztem Freitag erhältlich.

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