Dimitri hatte es wohl gespürt: Seine Zeit lief ab, bevor er starb. Obwohl es im 21. Jahrhundert in der Schweiz kaum eine vergleichbare künstlerische Karriere gegeben hat wie die 55-jährige Laufbahn des Jakob Dimitri alias Dimitri; obwohl kaum ein Schweizer Künstler ein derart reiches kulturelles Erbe hinterlässt, mit einer Theaterschule, einer Theaterbühne, einem Museum und einem Werk für die Ewigkeit – am Ende hatte die Gegenwart Dimitri abgehängt. «Es ist alles rauer geworden – und vor allem humorloser», sagte Dimitri mehr als ein Jahr vor seinem Tod in der «Aargauer Zeitung».

Die Figur Dimitri wird für immer im kollektiven Gedächtnis bleiben. Dieses Gesicht, fürs Lachen gemacht. Das «Uiuiuiuiui», die poetische Körperlichkeit. Bleiben wird Dimitri als historische Figur. Als Ikone der Clownerie. Aber auch als Gestalt aus einer vergangenen, ruhigeren Epoche, in der Humoristen poetische Gegenwelten zur Realität erschaffen konnten – und Massen erreichen. Damit war Dimitri schon vor seinem Tod ein Anachronismus. Es hatte sie gegeben, die Zeit, als der Schweizer Clown «Grock» in den Zwischenkriegsjahren den Globus bespielte. Marcel Marceau alias «Bip» war ein Weltstar und beeinflusste die Popkultur. Und auch Dimitri feierte Erfolge über die Landesgrenzen hinaus. Doch parallel zum Siegeszug des Fernsehens begann der langsame Niedergang der Weiss-Clowns, zu deren Vertreter Dimitri gehörte. Heute hat auch im deutschsprachigen Raum die wortfixierte, angelsächsische Comedy die stille, pantomimische Clownerie als Massenunterhaltung verdrängt. Die Stars unter den Humoristen reden. Schweigen kann sich keiner erlauben. Dimitri war der vielleicht Letzte seiner Art.

Der Clown stolpert
«In einer reizüberfluteten, multimedialen Welt, die in Sekundenschnelle Antworten auf alles herausspuckt, wirkt der kindlich-naive Clown wie aus einer anderen Epoche hereingeschneit – entrückt und unterkomplex», sagt Richard Weihe, Professor für Theorie an der von Dimitri gegründeten Accademia Dimitri. Weihe untersuchte in einem vom Nationalfonds unterstützten Forschungsprojekt die Kulturgeschichte des Clowns. In einer Gegenwart, die sich an Breaking News orientieren würde, an Katastrophenmeldungen, die wie brechende Wellen heranrollten, «wenn sozusagen die ganze Gesellschaft ins Stolpern gerät, wirkt der stolpernde Clown seltsam deplatziert, weltfremd: Er stolpert, weil er nicht mehr nachkommt», sagt Weihe.

Dimitri war ein hochpolitischer Mensch, aber ein apolitischer Künstler. Neben der Bühne engagierte er sich für Flüchtlinge und für die Abschaffung der Armee. Auf der Bühne war die Politik absent.

Wenn es ums Künstlerische ging, war Dimitri kompromisslos, wie Hanspeter Gschwend, Theater- und Hörspielautor sowie langjähriger Wegbegleiter, sagt. Am Sonntag vor seinem Tod spielte Dimitri noch in Gschwends Theaterstück «Träume eines anderen Lebens». «Man wird kein grosser Künstler, wenn man nicht überzeugt ist, dass sein Weg der richtige ist», sagt Gschwend. Doch neue Einflüsse, die von seinem Weg abwichen, machten auch vor Dimitris nächstem Umfeld nicht halt. Die von ihm gegründete Accademia Dimitri wurde 2006 der Fachhochschule der italienischen Schweiz angegliedert. Eine Entwicklung, die ihn zwar stolz machte, aber auch zu Anpassungen führte. Ruth Hungerbühler, Dekanin der Accademia Dimitri, sagt: «Die Ausbildung setzte schon immer den Ausdruck des Körpers im Dienste theatralischer Kreation ins Zentrum. Aber während sie zu Beginn das burleske Theater in den Vordergrund stellte, öffnete sie sich im Verlauf der Jahre auch anderen Genres des zeitgenössischen Theaters». Der Kontakt mit Dimitri blieb rege, auch wenn er manchem skeptisch gegenüberstand. Zum Teatro Dimitri war die Beziehung zuletzt weniger freundlich. Kurz vor seinem Tod berichtete die «Tessiner Zeitung» von einem Streit über die künftige Ausrichtung. Die frisch angestellte Theaterleiterin Kami Manns wollte den Betrieb thematisch öffnen. Dimitri sah sein Lebenswerk in Gefahr. Im Stiftungsrat kam es zu Rücktritten.

Reines, unschuldiges Lachen
Dimitri äusserte sich zuletzt denn auch eher bitter über die neuen Realitäten in der Welt des Humors: «Die schnelle Komik, die aggressiv und provokativ ist, oft etwas unter der Gürtellinie liegt, passt zur heutigen schnellen Zeit. Aber: Sie hat null Poesie.» In der Comedy gebe es kein befreiendes Lachen. Und das war es, worauf Dimitri zielte: auf das reine, unschuldige Lachen.

Heute hat aber selbst die Figur des Clowns seine Unschuld verloren. Spätestens seit der Horror-Autor Stephen King 1986 im Bestseller «It» die Figur des Killer-Clowns erschuf, hat sich das popkulturelle Bild stark gewandelt. Im Kino taucht der Clown immer öfter als unheimliche, abgründige Figur auf. Die unschuldige Version der Figur existiert heute allenfalls noch als Spitalclown. Der verstorbene Schauspieler Heath Ledger setzte 2008 dem «Evil Clown» ein Denkmal, als er in der Batman-Verfilmung «The Dark Knight» die Figur des Jokers als psychopathische Version eines Clowns spielte. «Dimitri war diesen ‹bösen Clowns› aus der Albtraumfabrik Hollywood abgeneigt, er hielt sie für traurige Perversionen», sagt Weihe. Sie verbinden das Lachen mit Aggression, Häme, Mordlust. Weihe betont, dass die dunkle abgründige Seite seit je zur Dimension der Clownfigur gehört. Dimitri war dagegen der poetisch positive Clown. Und er wird in Erinnerung bleiben als einer, der tun konnte, was er als das Grösste empfand. Oder wie sagte er doch selbst: «Den Leuten Freude zu machen – und was ist Lachen anderes? – das ist das Schönste.»

Richard Weihe (Hg.): Über den Clown. Künstlerische und theoretische Perspektiven. Transcript, Edition Kulturwissenschaften.

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