«Solch einen Andrang haben wir schon lange nicht mehr erlebt», sagt die junge Dame bei der Ticketkontrolle. Das Konzert von Kamasi Washington in Rotterdam ist seit Wochen ausverkauft, und jetzt stehen die Jazzfans schon früh Schlange, um die besten Stehplätze zu ergattern. Der Club im Hafenquartier platzt aus allen Nähten. Dichtgedrängt stehen die Zuschauer vor der Bühne und johlen wie an einem Popkonzert, als die Musiker die Bühne betreten. Alle wollen ihn sehen und hören. Seine erste Europa-Tour, die ihn leider nicht in die Schweiz führt (im nächsten Jahr sollte es klappen), ist praktisch ausverkauft.

Kamasi Washington ist der neue Star des Jazz. Sein Debüt «The Epic» schlug ein wie schon lange kein Jazz-Album mehr. In allen Medienkanälen und Jazz-Foren wurde es frenetisch gefeiert. Von einem «Meilenstein der Musikgeschichte» wurde geschrieben, von einem «Meisterwerk», «epochal» und «magisch» und «Der Spiegel» ernannte «The Epic» schon im Mai zum «relevantesten, radikalsten Album des Jahres» und ihren Schöpfer zum Messias und Retter des Jazz.

Unerhört war es tatsächlich, was uns der bislang völlig unbekannte amerikanische Komponist, Arrangeur, Bandleader und Saxofonist servierte. Ein gigantisches Monstrum von einem Werk, 17 Kompositionen auf drei CDs mit einer Laufzeit von 174 Minuten, gespielt von insgesamt 62 Musikern mit einem 32-köpfigen Orchester mit Streichern und einem 20-köpfigen Chor.

Orchester und Chor hat er für seine erste Europa-Tour zu Hause gelassen. Zu seiner fünfköpfigen Kernband mit zwei Schlagzeugern gesellten sich Sängerin Patrice Quinn und sein Vater Rickey Washington an der Flöte und Sopransax. Kamasi überragt seinen Vater um fast einen Kopf. Eine imposante Gestalt, ein Schwergewicht, ein Bär mit mürrischem, misstrauischem Blick. Und sein dichter Afrolook lässt ihn noch grösser erscheinen. Der Hüne wirkt etwas schwerfällig und bewegt sich bedächtig. Bedächtig beginnt er auch sein erstes Solo, der Ton wird immer mächtiger, und seine Improvisation steigert sich aber zu einem veritablen Sturm. Wild, intensiv und ekstatisch reisst er das Publikum mit. Er lässt sein Horn schreien und kreischen, die Menge jubelt. Derweil steht der Bär wie ein Fels. Doch, der Mann hat Charisma.

Aber nicht nur der Bandleader begeistert, auch die anderen Solisten wie Ryan Porter (Posaune), Brandon Coleman (Keys) und Miles Mosley (Bass) sorgen dafür, dass der Sturm nicht nachlässt. Kamasi Washingtons Band bietet Spektakel und ist auf der Bühne sogar noch das intensivere Erlebnis. Livetest bestanden. Der Vorschusslorbeer war gerechtfertigt, das Publikum im «Bird» ist euphorisiert.

Kamasi Washington macht mit seiner Musik keine Kompromisse. Der 34-jährige Kalifornier spielt radikalen, hochkomplexen Jazz, ohne Konzessionen an den Massengeschmack. Jazz ohne Bindestrich. Umso erstaunlicher ist, dass er auch bei einem breiteren Publikum ankommt. Neun Wochen stand das Album in den Top 100 der holländischen Charts und erreichte Platz 30, in Belgien waren es sogar 16 Wochen und in Deutschland 5. In der Schweiz stand «The Epic» auf dem respektablen Platz 41 und das ohne jegliche Promotion oder Werbung. Eine Sensation. Solche Chart-Platzierungen schaffen hin und wieder Pop-Jazzer wie Diana Krall, Jamie Cullum oder der Jahrhundertmusiker Keith Jarrett. Aber sicher kein Jazzmusiker mit seinem Debütalbum.

Geholfen haben seine Erfahrungen in der Hip-Hop-Szene. Lange hat er mit Rapper Snoop Dogg gearbeitet und für Kendrick Lamars «To Pimp A Butterfly», dem herausragendsten und relevantesten Hip-Hop-Album des Jahres, die Arrangements geschrieben. «Ich höre Musik mit Hip-Hop-Ohren», sagt er. Was er damit meint, erschliesst sich dem Hörer seiner Musik nicht. Doch er nutzt geschickt seine Hip-Hop-Credibility um seine Musik einer Generation zu erschliessen, die mit Jazz nichts am Hut hatte.

Aber da ist noch mehr. Er trifft einen Nerv. Kamasi Washington ist in einer Gegend von Los Angeles aufgewachsen, wo die farbenblinde Gesellschaft als Illusion wahrgenommen wird. Daran konnte auch ein schwarzer amerikanischer Präsident nur wenig ändern. Vielmehr hat die Ära Obama eine Generation hervorgebracht, die wie in den 60erJahren zwischen den Extremen pendelt. Zwischen Zorn und Versöhnung, Protest und Hoffnung, Anklage und Selbstkritik. Auch der junge Kamasi wollte Gangster werden. Ein Mixtape mit Jazz von Art Blakey mit Lee Morgan und ein Buch von Malcolm X veränderte sein Leben. Er wurde Musiker. «Ich bin ein Fan von Malcolm X», sagt er. Die Forderungen des 1965 ermordeten, radikalen Bürgerrechtskämpfers seien so aktuell wie damals.

So kann seine Musik auch als ein Memorandum verstanden werden, gespickt mit Reverenzen an den Jazz, der vor 50 Jahren entstand. Eine Musik zwischen Aufbegehren und Selbstfindung. Es war die Zeit der zornigen Rebellen wie Archie Shepp, aber auch von John Coltrane und Pharoah Sanders, die das Heil im Spirituellen suchten.

Hier knüpft Washington auch musikalisch an und transferiert diese Musik ins Hier und Jetzt. Kamasi Washington erfindet den Jazz nicht neu, aber er stellt ihn in einen neuen Zusammenhang. Das verschafft der Musik eine Glaubwürdigkeit, eine existenzielle Dringlichkeit und gesellschaftliche Relevanz, die den Vertretern des Pop-Jazz abgeht.

Auch im «Bird» in Rotterdam hat es auffällig viele junge Zuhörer. Ganz offensichtlich macht Washington einer neuen Generation eine Musik zugänglich, die auch fünfzig Jahre danach nichts an Kraft und Frische verloren hat. Die meisten Jugendlichen nehmen Jazz als lendenlahmer Cocktailsound wahr oder als biedere Musik von und für ältere Herren. Bei Kamasi Washington wird er explosiv, überschäumend und ekstatisch. Und ja: Jazz ist wieder cool und hip.

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