Von Julian Schütt

Die Leipziger Buchmesse hat ein Problem. Das Problem Schweiz. Man hat das Klumpenrisiko ignoriert, das man mit dem diesjährigen Gastland einging. Nun ist der Betriebsunfall passiert. Man hat einen Gast eingeladen, der selber ein schlechter Gastgeber geworden ist, ja, sich lieber als Türsteher aufführt.

Der Betriebsunfall wäre vermieden worden, hätte man uns realistischer eingeschätzt. Doch wir profitieren davon, dass wir im Ausland als zuverlässige Verteidiger humanitärer Werte gelten. So konnten sich die Veranstalter schlicht nicht vorstellen, dass eine Mehrheit des Schweizer Stimmvolks die geltende Personenfreizügigkeit torpedieren und das freilich überall in Europa verbreitete Heer der Fremdenfeinde stärken würde.

Droht nach dem Ja zur Abschottungsinitiative jetzt in Leipzig ein Nein zur Literatur aus dem Gastland Schweiz? Ein wenig schon. Zwischen den Lesenden aus unserem Land und dem deutschen Publikum wird die verstörende Masseneinwanderungsinitiative stehen.

Man wird sich mehr für unseren Umgang mit Ausländern und besonders mit EU-Bürgern interessieren als für die Neuerscheinungen. Auf allen Podien. Bis zum Abwinken. Auf dieses Sondersetting müssen wir uns einstellen.

Wir sind erklärungsbedürftig geworden. Sicherlich wird es nicht genügen, das Resultat nur als Zeichen einer lebendigen Demokratie zu werten. Denn zu Recht werden sich die deutschen Messebesucher fragen, was daran lebendig sein soll, wenn Schweizer Nichtschweizer auf Kontingente reduzieren und willkürlich von ihren Töpfen fernhalten.

Zweischneidig ist der Verweis auf unseren hohen Ausländeranteil. Das ostdeutsche Publikum wird denken, unser reiches Land könne es sich leisten, mehr Einwanderer aufzunehmen, schliesslich gehe es uns nicht zuletzt dank der ausländischen Arbeitskräfte gut.

Hinzu kommt: Wer viel auf seine humanitäre Tradition gibt, aber sich in der Praxis abweisend verhält, macht sich nicht beliebt. Humanitär handelt, wer gemeinsam mit anderen handelt. Nicht wer nur egoistisch für sich entscheidet. Gerade das Sonder- oder gar Musterfalldenken, auf dem wir uns in der Schweiz noch viel zu selbstverständlich ausruhen, kommt im EU-Raum immer schlechter an.

Bleibt das argumentative Filetstück, nämlich die Behauptung, die EU-Bürger würden die Personenfreizügigkeit noch viel härter regeln, wenn sie in ihren Ländern darüber abstimmen dürften. Vermutlich ist das so. Uns gibt man einen gewissen Winkelried-Bonus. Weil wir unsere direkte Demokratie der EU-Bürokratie ohne Rücksicht auf eigene Verluste entgegenstellen. Thomas Hürlimann wagt in der «Frankfurter Allgemeinen» die These, dass in der Regel Fehlentscheide herauskommen, wenn es bei Schweizer Volksabstimmungen hohe Beteiligungen gibt. Dieses Mal waren es fast 56 Prozent, und Hürlimann fügt das böse Nietzsche-Zitat über direkte Demokratie an: Je mehr Leute sie ausüben, desto eher kommt es zur Diktatur der Mittelmässigkeit. Doch auch Hürlimann, der die Hälfte des Jahres in Berlin lebt, hört gar nicht so wenige Deutsche sagen: Ihr wehrt euch wenigstens noch, ihr lasst nicht alles mit euch machen!

Jasager zur Zuwanderungsinitiative werden in Leipzig eine verschwindende Minderheit bleiben. Nicht zuletzt, weil sie in deutschen TV-Talkshows schon ihre Auftritte hatten. Dort kamen aus dramaturgischen Gründen fast ausschliesslich unsere rechtskonservativen Meinungsmacher zu Wort und zelebrierten ausgiebig ihr fideles Nationalbewusstsein. An der Leipziger Buchmesse schlägt nun die Stunde jener, die jenseits von Ressentimentbewirtschaftung erzählen, die mit literarischen Mitteln zeigen können, wie sich der Abstimmungsentscheid auf die Zugewanderten auswirkt. Das ist eine Chance – ob sie die Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller nutzen? Den wenigsten unter ihnen behagt die klassische intellektuelle Rolle des Mahners.

Und zu Recht fragen sie, wenn es um die Auseinandersetzung mit leicht ins Fremdenfeindliche kippenden Kleinstaatreflexen geht, ob denn zu dem Thema nicht längst alles gesagt sei. Mag es um blanken Futterneid, Verlustängste, Reduitsehnsüchte, die Skepsis gegenüber Grösse, den Hang zu Mitte und Mittelmässigkeit, das Heimweh nach dem Vorgestern gehen. Jüngst kam als Befund der «Dichtestress» hinzu.

Gefragt sind eher Ansätze, die an heutige Schmerzgrenzen gehen. So hat der junge Autor Jonas Lüscher bereits Monate vor dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative die Irritation des Auslands über gewisse Volksentscheide zum Ausgangspunkt eines Essays für den «Tages-Anzeiger» gemacht und fundiert und ohne Schaum vor dem Mund beschrieben, wie eine angstbesetzte Schweiz zwar demokratische, aber nicht nur falsche, sondern mitunter sogar unanständige Entscheide fällt, meist auf Kosten der Schwachen und der Ausländer. Er sagt das, gerade weil er überzeugter Demokrat ist. Solch analytischen Mut wünscht man sich für Leipzig. Auf dass im Ausland wenigstens die Schweizer Autoren ernst zu nehmende, weil verlässlich kritische Gesprächspartner bleiben, wenn es schon die Schweizer insgesamt nicht mehr sind.

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