Die Fahrt durchs Tessin: Nach den stotzigen grünen Hängen der Leventina grüsst das Castelgrande von Bellinzona. Man freut sich aufs Tessin, die wunderbaren Landschaften – doch der Blick aus dem Zug- oder Autofenster ist ernüchternd. Die Ebene zwischen Bellinzona und Locarno: Man sieht nur Lagerhallen, aufgedonnerte Einkaufscenter, Gewerbe-Bruchbuden, Schnellimbisse. Dazwischen stehen verloren ein paar Einfamilienhäuser mit Reb-Pergolas aus einer anderen Zeit, und in den Wohnquartieren, die bis zu den Gleisen drängen, werden traditionelle Bauten von schnell hochgezogenen, gesichtslosen Wohnblöcken dominiert.

Nein, das ist nicht das Tessin unserer Träume. Und auch nicht der Traum der Tessiner. Nun melden sich ausgerechnet die namhaftesten Architekten mit Kritik zu Wort gegen die Verbauung und die Verschandelung des Tessins. Das erscheint als Widerspruch.

Wir besuchten Mario Botta und Michele Arnaboldi, zwei sehr unterschiedliche Charaktere und Architekten, aber einig in ihrem Engagement für eine vernünftige Raumplanung, für gute Architektur und für die Architektur-Akademie in Mendrisio.

Mario Botta (71) hat die Vorteile der Neat wie vorweggenommen und sein Büro 2011 von Lugano nach Mendrisio verlegt. Das lang gezogene Gebäude aus ockerfarbenem Stein entlang von Schiene und Hauptstrasse ist unübersehbar. «Es war wie immer im Leben ein Zufall und ein Glücksfall», erklärt der berühmte Architekt. «Hier war eine kleine Fabrik, ich konnte das Gelände kaufen. Mendrisio ist besser, weil es näher bei Mailand liegt, und das Büro ist nun nahe bei meinem Haus und bei der Akademie.» Diese Accademia di architettura in Mendrisio wurde auf Initiative von Mario Botta 1996 gegründet, er war von 2010 bis 2013 ihr Direktor und engagiert sich noch heute fast täglich dafür.

Mit seinem Atelierbau will er exemplarisch zeigen, wie man städtebaulich denkt. Das Gebäude signalisiert die Grenze zwischen der Verkehrsachse und dem Dorf, zusammen mit einem zweiten Neubau schaffe er ein Tor zum Dorf, erklärt Botta zeichnend.

Im grossen Atelierraum im Erdgeschoss arbeiten seine 25 Mitarbeiter, die durchbrochenen Metallläden schirmen die Strasse ab, filtern das Licht. Im Besprechungszimmer oben sitzt er uns vis-à-vis. Warum ist die Nähe zu Mailand für ihn so wichtig? «Weil ich die Abgrenzung der Schweiz nicht mag. Hier bin ich an der Grenze, darf von der Peripherie her kritisch sein. In Zürich wäre das nicht möglich: Dort ist das Geld, die Banken, die Macht. Ich aber bin gerne frei.»

Kritisch ist Botta auch gegenüber dem Tessin: «Mit der Tessiner Politik bin ich überhaupt nicht zufrieden. Wenn man die städtebauliche Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre anschaut, muss man sagen: Das ist ein Desaster. Man hat keine Strategie, keine einzige übergeordnete Idee entwickelt.»

Er nimmt einen Block, seinen schwarzen Bleistift und zeichnet eine Karte: «Das Tessin dient nur noch als Verkehrsstruktur zwischen Italien und dem Gotthard.» Den Einfluss von Mailand würden wir in der Deutschschweiz wohl kaum wahrnehmen. Aber die Metropole mit ihren 10 Millionen Einwohnern reiche bis an die Tessiner Seen. Und mit der Neat werde der Druck wie der positive Einfluss noch zunehmen.

Umso wichtiger wäre eine raumplanerische Strategie, um die rasante Zersiedelung zu stoppen. Wie könnte sie aussehen? Rezepte will Botta nicht anbieten. «Die Landschaft, den Raum zu entwickeln und zu schützen muss als Wert, als Ziel anerkennt sein. Aber es ist in unserer Gesellschaft von Individualisten kein Wert – wir als Architekten können nur danach fragen.» Botta fordert ein Umdenken: «Meine Hauptkritik gegenüber der Entwicklung im Tessin: Man baut, gross und viel, aber seit der Moderne hat man vergessen, dass man nicht Gebäude, sondern städtischen Raum, kollektiven Raum baut. Die Leere ist dabei viel wichtiger als das Bebaute.»

Im Tessin baut und baute Mario Botta wenig. «Die Deutschschweizer lieben mich mehr», sagt er lächelnd. Das meiste realisiert er aber im Ausland. Aktuell arbeitet er an einem riesigen Universitätscampus im nordchinesischen Shenyang. Das Modell gleicht einer idealen Stadt, geordnet und gruppiert um einen grossen runden Platz.

Michele Arnaboldi (61) ist jünger als Botta und die anderen berühmten Architekten der Tessiner Tendenza. Im Zentrum von Locarno, wenige Schritte vor der Piazza Grande, gehts von einem kleinen Hof hoch in den ersten Stock des alten Gebäudes. Da tüftelt Arnaboldi mit seinem kleinen Team an neuen Wohnformen. «Eigentlich will niemand im Tessin Experimente oder Neues, alle träumen vom Einfamilienhaus, von der Villa mit Seeblick.» Das Wort verdichten überlasse man den Spekulanten – mit entsprechend elendem Resultat.

Am besten zu besichtigen ist dies in Lugano Paradiso. An dieser einst paradiesisischen Bucht drängen sich heute Spekulationshochhäuser, ziehen sich protzige Villen den Hang zum San Salvatore hoch. Dahinter erstreckt sich der Pian Scairolo, eine Ebene übersät mit Supermärkten und Infrastrukturbauten rund um den Autobahnanschluss Lugano-Süd. In den 1970er-Jahren war das noch ein liebliches, grünes Tal. Ein raumplanerisches Konzept von Architekt Rino Tami blieb Papier, es scheiterte an wirtschaftlichen Einzelinteressen und Gemeindegrenzen.

Arnaboldi selber hat in Paradiso ein Mehrfamilienhaus renoviert und mit zwei Gebäuden ergänzt. «Es war ein Kampf, weil wir die Bauten nicht einfach aufreihen wollten, sondern sie so gruppierten, dass drei grössere Grünflächen und ein spannungsvolles Ganzes entstehen konnten.» Was verdichten im Kleinen heissen könnte, zeigt er mit der Villa Vignascia in Minusio. Hier hat er vier Häuser zu einem zusammengefasst – «Ein Villen-Reihenhaus», nennt er den Betonbau mit der raffinierten Lichtführung. Man könnte Einfamilienhäuser auch übereinandertürmen, Wohnungsgrundrisse so konzipieren, dass man sich wie in einem Einfamilienhaus mit unterschiedlichen Ausblicken und Orientierungen fühle. «Aber», sagt er etwas resigniert, «es gibt kaum mehr Bauherren und schon gar nicht Politiker, die sich für solche Ideen interessieren oder sie gar realisieren.»

Michele Arnaboldi kritisiert nicht nur das raumplanerische Desaster und Desinteresse im Tessin, sondern sucht nach Auswegen. Er engagiert sich als Lehrer an der Accademia in Mendrisio. Mit seiner Diplomklasse, Studierenden aus aller Welt, hat er im letzten Jahr planerische Grundlagen erarbeitet für vier Regionen des Kantons. «Das ist viel sinnvoller, als den Studenten einen Einzelbau als Aufgabe zu geben», sagt er. Die wichtigste Erkenntnis daraus: «Nicht jede Gemeinde soll alles wollen und alles machen. Es braucht Koordination und Kooperation.» Locarno, Ascona, Muralto und Losone sollten zum Beispiel ihre Kulturbauten aufeinander abstimmen und je eigene Schwerpunkte setzen oder stärken. So würden alle attraktiver.»

Dieses «Laboratorio» will Arnaboldi weiterführen, hofft, dass es die Behörden wahrnehmen, dass es Wirkung entfaltet. Optimistisch stimmt ihn, dass sich bereits ausländische Universitäten in Weimar, Strassburg und Glasgow für das Forschungsprojekt interessieren.

Ob das auch der Anstoss sein könnte, damit die Tessiner Architektur wieder an die goldene Zeit der Tendenza anknüpfen kann? An die Zeit, als nach 1975 die Tessiner Schule mit Mario Botta, Luigi Snozzi, Livio Vacchini, Flora Ruchat-Roncati, Aurelio Galfetti Weltruhm erlangte. Sie holten damals die Architektur aus der Mottenkiste, zeigten, wie man neue, radikale Bauideen mit alten Strukturen verknüpft. Sie handelten mit Respekt vor den Traditionen und mit Liebe zum Territorio – und fanden darin je eigene, neue Bauformen. «Wir fragten nach dem Geist des Ortes», sagt Botta.

Und doch waren die Ideen so weltläufig, dass die Tessiner Architektur zum internationalen Exportschlager wurde. Davon profitierten auch die Deutschschweizer Kollegen, die heute in der Weltliga der Architektur spielen.

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