Von Pius Knüsel*

Die Hälfte blieb zu Hause. Die Nachricht, dass in der letzten Spielzeit jeder zweite Besucher dem Zürcher Theater Neumarkt den Rücken gekehrt hatte, elektrisierte im Spätherbst Zürich. Sofort brach die übliche Debatte los zwischen den bedingungslosen Verteidigern der Kultur und jenen, die vom Fördersystem vernachlässigt werden und nach einer Umverteilung riefen. Nur wenige hatten den Mut zu sagen, dass es den Neumarkt nicht mehr braucht. Unvermeidlich auch die Unterschriftensammlung für die Weiterführung des Theaters, was vor allem eine Weiterführung der Subvention von 300 bis 400 Franken pro Besucher bedeutet.

Das bliebe eine Lokalposse an der Limmat, wenn es nicht ein Déjà-vu gäbe: erbitterten Widerstand gegen den städtischen Plan, das angestaubte Literaturmuseum Strauhof zu schliessen (100 Franken pro Besucher). Und plötzlich erinnert man sich an die dauerhafte Führungs- und Programmmisere in der Roten Fabrik Zürich. An den Vorschlag, die Kunsthalle Bern (145 Franken pro Besucher) zu schliessen. An die Finanznöte der Oltener Stadtregierung und die angedrohte Kürzung der Subventionen für das Kunstmuseum (90 Franken pro Besucher) um 10 Prozent. An die Winterthurer Villa Flora, die ihre Tore tatsächlich geschlossen hat. An den jüngsten Vorschlag des Winterthurer Stadtrats, das erst 30-jährige Theater (115 Franken pro Besucher) durch ein Kongresszentrum zu ersetzen. Und an seine Ratlosigkeit, wohin mit den heimatlosen Kunstsammlungen, die von verblasster industrieller Grösse zeugen.

Selbst wo das Sparmesser in der Schublade ruht, kommen die Chefs von Kulturhäusern im Gespräch ungefragt auf Besucherzahlen und Spitzenauslastungen zu sprechen. Kultur muss zwar nicht rentieren, betonen Politik und Kultur unisono, doch öffentlich gefördert steht sie offenbar unter einem anderen, grösseren Erfolgszwang. Der Staat will Ergebnisse und Nützlichkeitsbeweise sehen. Ausser als Zahlen bleiben Letztere aber diffus. Deshalb doch lieber Zahlen. Das ist die schleichende Ökonomisierung des Kulturbetriebs.

Für Deutschland wäre so viel drohender Kulturabbau eine Fussnote, doch für die Schweiz zeigt sich ein neues Phänomen. Breitet sich die Krise, ja gar der Kulturinfarkt aus? Die Kulturleute selber sprechen von Formschwäche. Neue Köpfe, frisches Staatsgeld, mehr Fundraising würden das Schiff wird wieder flottmachen. Leute, die wie ich einen Unterschied machen zwischen der Kultur und dem System, das sie hervorbringt, sehen ein wachsendes strukturelles Problem.

Beispiel Neumarkt: Waren es in Zürich einmal zwei relevante Bühnen, so sind es heute sechs, die subventioniert werden. Das Schauspielhaus kann dank Halle und Box im Schiffbau all das machen, wozu der Neumarkt vor 40 Jahren erfunden wurde. Und macht es auch. Die Gessnerallee, kulturpolitischer Liebling, gräbt ihm vonseiten der freien Szene das Wasser ab. Das hätte man kommen sehen können. Sah es wohl auch, wagte aber nicht, Schlüsse zu ziehen. Und vor allem, sie durchzusetzen. Denn wenn es mal, wie in Bern, Olten oder beim Strauhof, hart auf hart geht, dann kommen zwei Widerstandsfaktoren zusammen: die Verteidiger des Systems, getarnt als Verteidiger der Kultur, und das Feuilleton. Die Lobby sammelt Unterschriften, und das Feuilleton solidarisiert sich. Daraus entsteht ein Druck, der 95 Prozent der Politiker plattmacht. Eine mehr als absolute Mehrheit.

Dabei wäre auch für die Schweiz der Gedanke, dass man sich von Kultureinrichtungen trennen kann, heilsam. Drei Gründe sind es, warum die Kulturlandschaft umbricht und warum die Politik ihren Auftrag, die Zukunft zu gestalten, an die Hand nehmen sollte. Der erste sind die Finanzen. Wegen des teuren Frankens lahmt die Exportwirtschaft, Finanz- und Energieplatz Schweiz schrumpfen. Das Steueraufkommen wird also über die nächsten Jahre sinken. Es gibt keinen Anlass, der Kultur mehr Schutz zukommen zu lassen als der Bildung oder der Gesundheit. In der Kultur gibt es, gern vergessen, auch private Anbieter.

Der zweite Grund: Die bürgerliche Gesellschaft, die all unsere wunderbaren Museen, Theater und Konzertsäle hervorgebracht hat, erodiert. An die Stelle der Musse, jener Grundhaltung einer kultivierten Existenz, sind heute ruhelose Aktivität und Selbstverwirklichungsstress getreten. Kultureinrichtungen, über hundert Jahre lang Pole der Verständigung des Bürgertums, wo Themen verhandelt und Verhalten eingeübt wurde, haben die integrative Funktion preisgegeben. Die Vermehrung der Bühnen und Museen sowie ihre Spezialisierung machen, dass sie immer kleinere soziale Nischen bedienen in einer Gesellschaft, die sich migrationsbedingt ihrerseits in Kleinstgruppen auflöst. Neue Angebote und neue Medien, allen voran das Internet, schaffen neue, wirkungsvollere Möglichkeiten der Verständigung, jenseits lokaler und nationaler Grenzen.

Der dritte Grund liegt in der Demokratisierung von Kreativität. Kultur für alle – und Kultur von allen: So lautet das Credo der Kulturpolitik, wie sie seit den Siebzigern auch hierzulande dominiert. Es meint nicht nur, dass jeder Zugang zu Theater und Kunst haben soll, sondern dass jedem auch das Recht zusteht, sein eigenes kreatives Potenzial zu verwirklichen. Kreativität ist das Leitthema der Gegenwart, ihr Imperativ. Dass der Kunstbegriff in alle Richtungen ausfranst, ist nur eine Folge davon. Die viel gravierendere ist, dass Kunst trivial wird – etwas, was jedem jederzeit widerfahren kann, mehr mit cleveren Ideen als mit Begabung zu tun hat und die Aufmerksamkeit nicht mehr verdient, da ephemer. Die Genies sind tot, die Künstler Akrobaten der Individualität, Kunst ein schnelllebiges Experiment. Überspitzt gesagt: Wir sind am Punkt, wo jedem sein Theater oder seine Kunsthalle zusteht, als Besucher wie als Schauspieler oder Künstler. Damit hat Kulturpolitik das Ziel der Demokratisierung erreicht. Sie ist am Ende, weil sich die Kunst in Subjektivität auflöst. Da Politik eine andere Kunst der Zukunft nicht heraufbeschwören kann, bleibt ihr nur, die kulturellen Schlüsseleinrichtungen, deren Urteil Gewicht hat und die die Tradition in die Zukunft tragen, zu stärken. Den Rest an Mitteln steckt sie in die Ermöglichung profaner (statt heroischer, sprich institutioneller) Kreativität. Chancengleichheit in der Selbstverwirklichung, aber ohne Kunstanspruch. Für das institutionelle Mittelfeld muss die Bürgerschaft selbst praktisch und finanziell in die Hosen steigen.

Auch die intellektuelle, die sich so antibürgerlich versteht.

* Pius Knüsel ist Dozent für Kulturmanagement und Publizist. Von 2002 bis 2012 war er Direktor von Pro Helvetia. Heute ist er Direktor der Volkshochschule Zürich, der grösste Kulturvermittlerin ausserhalb von Schule und Kultureinrichtungen.

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