Junk Culture nennt sich das: Übergewichtig deformiert sind die nackten Majoretten, die Tom Ford im Prolog von «Nocturnal Animals» als Cheerleader-Models aus einer Kunstausstellung über die Leinwand flimmern lässt. «Ich habe jahrelang in Europa gelebt und wollte das Amerika zeigen, wie es sich ein europäischer Künstler heute vielleicht vorstellt: überfüttert, fresssüchtig, alternd», so der zum Filmregisseur mutierte Modedesigner. «Doch dann habe ich mich in die Frauen verliebt, sie hatten so viel Spass auf dem Set und waren so frei. Warum? Weil sie sich von der Gesellschaft und der Kultur nicht sagen lassen, wer sie zu sein haben.» Ums Konformieren und um Verlust und Rache geht es im zweiten Film des 55-jährigen Texaners.

In der Modewelt steht der Name Tom Ford für scharfkantig geschnittene Anzüge und lineare Roben – eine postmoderne Eleganz, die ohne romantischen Schnickschnack oder schrille Stoffe auffällt. Als Filmregisseur hat der Star-Designer eine ebenso klare wie stark von Melancholie und Nostalgie geprägte Handschrift. 2009 überraschte er mit seinem Erstling «A Single Man», ein Sechzigerjahre-Stimmungsbild eines Mannes, der nach dem Tod seines Lebenspartners keinen Sinn im Leben mehr sieht. Der Hauptdarsteller Colin Firth wurde für einen Oscar nominiert. Mit «Nocturnal Animals» beweist Ford, dass er keine Hollywood-Eintagsfliege ist. Zwei Geschichten werden hier visuell hyperstilistisch umgesetzt: Schriftsteller Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) lässt seiner Exfrau Susan Morrow (Amy Adams) das Manuskript für seinen neuen Thriller zukommen. Die Galeristin hat ihn vor Jahren für einen anderen Mann und die Hautevolee verlassen. Während sie inzwischen die Oberflächlichkeit ihres Lebens in der High-Art-Szene von L. A. hinterfragt, hat er offenbar nun die Beziehung, die in Flashbacks angetönt wird, in Buchform aufgearbeitet.

Gucci vor dem Bankrott gerettet
Den im staubigen Texas angesiedelten Noir-Roman bekommt der Zuschauer als zweite Story mitgeliefert. Jake Gyllenhaal übernimmt auch hier die Rolle des Protagonisten Tony, der samt Familie von einer Bande terrorisiert wird. «Es ist eine Geschichte über Selbstzweifel und darüber, was passieren kann, wenn man die Menschen gehen lässt, die einem eigentlich viel bedeuten, weil man wie Susan alten Unsicherheiten verfällt», so Ford, der das Drehbuch, basierend auf Austin Wrights Roman «Tony and Susan», selber adaptierte. «Wie Susan habe ich den Materialismus, der uns angeblich glücklich macht, erleben dürfen. Ich sage nicht, dass ich die schönen Dinge nicht geniesse. Aber das ist alles relativ, das Wichtigste für mich ist Loyalität. Ich arbeite seit Jahren mit den gleichen Leuten und bin seit 30 Jahren mit meinem Lebenspartner zusammen.»

Als Sohn eines Immobilienmaklerpaares in Texas geboren und in New Mexico aufgewachsen, startete Tom Ford seine Karriere in New York als Schauspieler: «Ich hatte eine erfolgreiche Werbespot-Karriere, aber eigentlich stand ich nicht gern vor der Kamera.» Zuerst studierte er Kunstgeschichte, dann Architektur, die Nächte verbrachte er mit Andy Warhol und Co im In-Club «Studio 54». Als er das Studium nach Paris verlegte, wechselte er zum Fashion Design und verliebte sich in den 13 Jahre älteren «Vogue Homme»-Chefredaktor Richard Buckley (eine Leihmutter machte die beiden 2012 Eltern eines Sohnes). Ford stieg die Karriereleiter in der Mode-Branche hoch, rettete Gucci vor dem Bankrott und hauchte Yves Saint Laurent Rive Gauche neues Leben ein. 2004 gründete er sein eigenes Label.

Drei Stunden Schlaf reichen
Regisseur und Designer sind für Ford verwandte Berufe: «Ich habe eine ganze Kollektion auf ‹Die bitteren Tränen von Petra Von Kant› von Fassbinder aufgebaut. Ich habe mit den besten Modefotografen zusammengearbeitet und über Licht und Einstellung etwas gelernt. Beide Jobs erfordern eine Vision. Wie eine Film-Einstellung aussieht oder wie sich jemand anzieht – alles ist Teil einer Geschichte, sagt etwas aus», erklärt er und fügt an: «Ich glaube, ich bin ein guter Geschichtenerzähler. Wenn es bei einer Dinnerparty langweilig wird, weiss ich etwas zu erzählen, auch wenn nicht immer alles wahr ist.»

Ford lebt in einem klassisch-modernen Richard-Neutra-Haus, trägt auch auf dem Set einen Anzug (‹das ist meine Uniform») und ist nach eigenen Angaben ein «nocturnal animal», ein Nachttier. Er komme mit drei Stunden Schlaf aus und denke viel über den Tod nach, was den melancholischen Ton seiner Filme erklärt: «Ich war mir schon als Kind der Vergänglichkeit bewusst. Aber sie gibt dem Leben auch die Schönheit. Wenn die Rose nie verblühen würde, würden wir sie anders betrachten. So gilt es, jeden Moment auszukosten. Denn die Uhr tickt und tickt.»

Momentan tickt sie den Golden Globes am 8. Januar entgegen: Tom Ford ist für das beste Drehbuch und die beste Regie und Aaron Taylor-Johnson für die beste Nebenrolle als Hillbilly-Halbstarker nominiert. Und es ist anzunehmen, dass bei der Oscar-Verleihung im Februar am roten Teppich der Name Tom Ford nicht nur als Designer von umwerfenden Abendkleidern zu hören sein wird.

PS Wie unkonform wäre es doch, würde ihn eine der Majoretten aus der Eröffnungsszene von «Nocturnal Animals» in einem massgeschneiderten Ford-Dress zur Zeremonie begleiten.

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