In Berlin spielte er vor 400 000 Menschen, in Zürich soll er das Hallenstadion füllen. Andreas Bourani gibt am 1. und am 3. Juni zwei Konzerte in der Schweiz. Sein Hit «Auf uns» erklomm die Spitze der Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. «Das ist schon irre», sagt Bourani über den Erfolg seine WM-Hymne. Die «Schweiz am Sonntag» empfängt er zum Gespräch in seiner Wahlheimat Berlin. Im Herzen sei er ein Bayer geblieben, sagt der Künstler, der seine leiblichen Eltern nie kennen gelernt hat.

Herr Bourani, Sie sind pünktlich. Das soll nicht allzu oft vorkommen.
Andreas Bourani: Es fällt mir wahnsinnig schwer, die Zeit richtig einzuschätzen. Irgendwie bin ich dann immer zu spät. Ein Konzert habe ich aber noch nie verpasst. (lacht)

Wissen Sie, welchem Volk Pünktlichkeit nachgesagt wird?
Ja, den Deutschen.

Ich wollte eigentlich auf die Schweizer hinaus.
Echt? Stimmt, die Schweizer sind pünktlich wie ein Uhrwerk. Aber auch den Deutschen sagt man nach, sehr penibel und genau zu sein. Ich gehöre jedenfalls nicht dazu.

Sie kennen Ihre leiblichen Eltern nicht, wurden kurz nach der Geburt adoptiert. Hatten Sie je eine Identitätskrise?
Nein, für mich war klar: Meine Wurzeln liegen in Augsburg und in Bayern. Da bin ich aufgewachsen, das ist meine Heimat. Ich habe nie eine andere Kultur kennen gelernt, bin dort zur Schule und auch katholisch erzogen worden. Die Frage nach der Herkunft ist für mich persönlich geklärt. Deshalb habe ich nie versucht, herauszufinden, woher meine leiblichen Eltern stammen. Wegen meiner Hautfarbe schaut man mich aber oft schief an, wenn ich sage, ich stamme aus Augsburg.

Das kann nerven.
Die Heimat sagt viel über einen Menschen aus, deshalb sind die Leute so neugierig. Aber auf Dauer nervt das.

Dabei haben Sie mit «Auf uns» eine Art neue Nationalhymne für Deutschland geschrieben.
Naja, so weit würde ich nicht gehen (schmunzelt). Aber 2014 war ein unglaubliches Erlebnis. Viele verbinden den Song natürlich mit der Weltmeisterschaft in Brasilien, und wir alle wissen, die Deutschen lieben Fussball. Gut, ich habe nicht allzu viel damit am Hut, mitgefiebert habe ich trotzdem. Der Song ist pure Freude. Es geht darum, das Leben zu geniessen, auf sich und die Menschen anzustossen, mit denen man eine gute Zeit verbringt. Das hat wunderbar zur Stimmung gepasst, die im Sommer 14 geherrscht hat.

Es muss seltsam für Sie gewesen sein, als Ihr Song auch im Final-Stadion in Brasilien lief.
Ja, daran kann ich mich gut erinnern. Ich war in Deutschland, sollte im Anschluss an das Spiel in der ARD auftreten, und ich habe so gehofft, dass die Mannschaft gewinnt. Nicht auszudenken, wenn das Team verloren hätte, der Auftritt wäre ein Trauerspiel geworden. Aber es hat alles gepasst, denn mit dem Sieg hat sich auch der Song bewahrheitet: Ein Hoch auf uns! Ich war noch in der Maske, dann kam Markus Babbel (Trainer des FC Luzern; Anm. d. Red.) hereingestürmt, der auch zu Gast war, und rief, «die spielen deinen Song». Zuerst dachte ich, die ARD lässt die Musik einfach über die Bilder laufen, sah dann aber, wie die Leute im Stadion mitsangen. Das war ein irrer Moment. 10 000 Kilometer weit weg auf der anderen Seite der Welt, in einer anderen Kultur, ertönt meine Stimme als Siegessong. Irre!

Danach sind Sie vor 400 000 Leuten am Brandenburger Tor aufgetreten. Hätten Sie heute – nach dem Terror in Paris und Brüssel – ein mulmiges Gefühl?
Nach den Anschlägen von Paris habe ich in Köln gespielt. Das war schwierig. Dass solche Anschläge nun in einen ganz anderen Bereich eindringen, in die Musik, hat mich getroffen. Die Bilder vom Anschlag im Theater Bataclan gehen mir nicht aus dem Kopf. An einem Konzert wollen die Menschen eigentlich nur friedlich zusammen feiern, und dann das.

Wie war Ihr erster Auftritt danach?
Ich war wie gesagt in Köln, sollte vor 13 000 Leuten spielen. Kurz bevor ich auf die Bühne bin, habe ich mich noch gefragt: Was machst du, wenn so was auch hier passiert? Aber das sind Dinge, die muss man ausblenden, weil man sie nicht beeinflussen kann. Diese Hilflosigkeit macht es ja so schlimm. Wer wirklich Schaden anrichten will, dem wird es vermutlich gelingen, egal wie umfangreich die Sicherheitsvorkehrungen sind. Gefährlicher kann es nicht sein: Jemand gibt sein eigenes Leben, nur um ein anderes auszulöschen. Das macht mir schon Angst. Aber ich musste es ausblenden und war dankbar, dass so viele Leute gekommen sind.

War die Stimmung bei dem Konzert anders als sonst?
Nein, und das ist ja das Wunderbare. Die Menschen haben sich nicht runterziehen lassen und eine Botschaft in die Welt geschickt: Wir lassen uns vom Terror nicht einschüchtern. Egal ob in Konzerten, in den sozialen Medien oder auf den Strassen. Das habe ich in Köln gespürt.

Am 1. Juni kommen Sie nach Zürich ins Hallenstadion. Wie gut kennen Sie die Schweiz?
Ich war schon einige Male in Zürich und gehe auch zum Skifahrern oder Wandern in die Schweizer Berge. Zuletzt war ich im Engadin, in Scuol. Als ich noch in Augsburg lebte, bin ich öfters zu euch gekommen. Jetzt reise ich hauptsächlich wegen der Musik in die Schweiz.

Eigentlich hätten Sie im Februar auftreten sollen, mussten aber krankheitsbedingt absagen. Wie ärgerlich war das?
Es war furchtbar, die Konzerte absagen zu müssen. Es hängt ja unglaublich viel dran. Die Leute freuen sich drauf, müssen anreisen, einige Fans hatten auch schon ein Hotelzimmer gebucht. Glücklicherweise gibt es einen positiven Nebeneffekt. Weil die Tour so erfolgreich lief, treten wir jetzt im Hallenstadion auf. In der Maag Music Hall war zu wenig Platz. Ich freue mich, das Konzert ist fast ausverkauft.

2015 eröffnete das Schweizer Talent Nickless Ihre Show in Zürich. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Wir haben uns damals kurz unterhalten. Allerdings bekommt man nicht viel von der Vorband mit, weil man sich selber vorbereiten muss. Im Hallenstadion wird wieder ein neues Talent, Wincent Weiss, das Konzert eröffnen. Wir haben uns in Berlin kennen gelernt. Auch er ist noch sehr jung und ein guter Typ.

Ist die Energie in der Schweiz eine andere?
Ich habe immer eine sehr gute Energie gespürt und nur tolle Erinnerungen an die Schweiz. Innerhalb Deutschlands gibt es grössere Unterschiede. Im Norden sind die Leute eher etwas zurückhaltend. In Köln hingegen kommen die Leute immer aus sich heraus.

Der Song «Hey» handelt von Ihrer eigenen Unsicherheit. «Hey, sei nicht so hart zu dir selbst, es ist okay, wenn du fällst», heisst es darin. Sind Sie nach den Erfolgen gelassener geworden?
Ich möchte natürlich immer den bestmöglichen Song schreiben, scheitere dann aber oft an meinen eigenen Ansprüchen. Popmusik muss nachvollziehbar bleiben. Ein Popsong, den keiner versteht, ist nichts wert. Bei «Hey» hat mich der Perfektionismus blockiert. Ich hatte Versagensängste, dachte, ich kann überhaupt nichts. Deshalb singe ich darin, dass es okay ist, loszulassen, es muss nicht immer alles perfekt sein.

Sie sagten in einem Interview, dass Sie gerne Melodien schreiben, vor den Texten aber regelrecht Angst haben. Wie oft trifft Sie die Schreibblockade?
Regelmässig. Die Musik ist das Göttliche, das Spirituelle. Wir selbst haben den Herzschlag als Rhythmus, Vögel zwitschern Melodien, Musik ist allgegenwärtig. Aber die Sprache ist etwas sehr Menschliches. Eine Geschichte zu erzählen, sie zu konstruieren, entspringt aus unserem Gedächtnis. Beim Songschreiben geht es darum, die göttliche und die menschliche Komponente zusammenzubringen. Die menschliche Seite fällt mir dabei viel schwerer, weil es letztlich darum geht, sich selbst zu begegnen.

Das scheint Ihnen zu gelingen, zuletzt wurden Sie mit dem deutschen Preis für Sprachkultur ausgezeichnet.
Das hat mich überrascht, aber natürlich sehr gefreut. Ich bin in die Sprache verliebt.

Obwohl die Sprache Sie oft blockiert?
Ja, da sind wir wieder am Punkt, etwas loslassen zu können. Am liebsten würde ich ja immer einen Klassiker hinterlassen, etwas, über das man noch in vielen Jahren spricht, aber das ist nicht möglich.

Heute suchen viele junge Künstler den Erfolg über mediale Präsenz und Castingshows. Sie selbst sitzen in der Jury von «The Voice of Germany». Wie nachhaltig sind solche TV-Sendungen?
Die Show macht tierischen Spass, besonders mit meinen Mitjuroren habe ich mich toll verstanden. Es ist sicher die nachhaltigste Castingshow, die wir in Deutschland haben, weil die Musik im Vordergrund steht. Man muss aber ehrlich sein: Wenn man die Sendung gewinnt, ist das noch lange keine Garantie für Erfolg. Das hängt am Charakter und der Musik. Der Song kommt immer zuerst.

Sie spielen nun in der Schweiz die letzten Termine Ihrer zweijährigen Tournee. Wie geht es danach weiter?
Zuerst gönne ich mir einen längeren Urlaub, um zur Ruhe zu kommen und Freundschaften zu pflegen. Das kommt während der Tour zu kurz. Es geht aber auch darum, neue Inspiration und neue Geschichten zu finden, sei es nun auf der anderen Seite der Welt oder vor der eigenen Haustür. Reisen zwingen einen, seine eigenen Gewohnheiten zu durchbrechen und zu reflektieren.

Gibt es auch eine Stippvisite in die Schweiz?
Ich liebe ja die Schweizer Berge, darum ist das gut möglich.

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