Hampden liegt an der südwestlichen Peripherie von London, ein Flecken archetypisches England aus einer Zeit, wo Shakespeare noch ein junger Mann war und die Gründung des FC Chelsea Jahrhunderte entfernt lag. Das Bild wird dominiert vom gewaltigen Hampton Court Palace. Hier schlug sich Henry 8th einst den Bauch voll, entschied über das Schicksal seiner insgesamt sechs Ehefrauen und ging im endlosen Schlosspark auf Wildjagd. Dieser Park reicht bis an die Themse hinunter, die breit und träge dem Tohuwabohu von London entgegen fliesst.

Für den gewöhnlich Sterblichen gibt es nur eine viel befahrene Hauptstrasse mit hohen Mauern, links und rechts. Der Privilegierte findet dagegen rechts in der Mauer eine diskrete Tür. Er tritt ein und findet sich in einem kleinen Park wieder, wo nur noch das Hupen von Gänsen und das Tuckern von Booten zu hören ist, dazu das Wasser, das gelassen am grasigen Ufer leckt. Das Grün im Park ist üppig, die Bäume sind dick, darunter verstecken sich allerhand Sommerhäuschen und Pavillons.

David Gilmour selber betritt sein Reich nicht von der gewöhnlichen Strasse her. Für ihn gibt es einen Geheimtunnel, welcher vom Parkplatz her unter der Strasse hindurch führt. Ein Kleinod der britischen Gartenbaugeschichte: Der Tunnel wurde vom Gartenbau-Genie Capability Brown im Stil einer Grotte gebaut und steht unter Denkmalschutz. Gilmour liess ihn säuberlich renovieren und mit bunter Beleuchtung versehen.

Beim Anblick des Hausbootes, der Astoria, fühlt man sich indes mit einem Schlag ins French Quarter von New Orleans versetzt. Es wurde 1911 von einem Londoner Theater-Impressario erbaut. Das Täfer ist aus Mahagoni, das Badezimmer aus italienischem Marmor, den Fussboden bedeckt ein blutroter Teppich so tief, dass sich darin eine Schafherde verstecken könnte. Die Dachterrasse mit dem schwarzen Gusseisengeländer und dem Glasdach ist so gross, dass hier früher ganze Orchester sassen, die die Partygäste mit Wiener Walzer erfreuten. Nach der Kabüse, wo Charlie Chaplin übernachtete, zeigt uns Andy Jackson das Musikzimmer. Es liegt im Heck des Schiffes und wäre ziemlich eng und düster, wenn da nicht die Fenster wären, hinter denen sich die Themse erstreckt. «David liebt diesen Raum», erklärt Jackson. «Zu viert gleichzeitig im gleichen Zimmer, jeder in seiner Ecke – es ist die schönste Art, Musik zu machen.»

Der Kontrollraum samt massivem Mischpult liegt am anderen Ende des Schiffes. Derweil draussen vor dem Fenster die Jachtpiloten und Rennruderer vorbeigleiten, bekommen wir hier als erste Journalisten «The Endless River», das vermutlich allerletzte Album von Pink Floyd zu hören.

Basis sind Aufnahmen mit dem im September 2008 verstorbenen Keyboarder und Multi-Instrumentalisten Rick Wright. Sie stammen vom Album «The Division Bell». Damals, 1994, waren noch viele Stunden Material übrig geblieben, weil zunächst ein Doppelalbum einerseits mit gesungenen Liedern, andererseits mit Instrumentalstücken geplant war. Gilmour überliess es seinem langjährigen musikalischen Partner und Produzenten Phil Manzanera (Roxy Music), diese Aufnahmen zu sichten. Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason haben das Album schliesslich zusammen mit Manzanera und dem langjährigen Floyd-Ingenieur Andy Jackson fertigstellt.

«The Endless River» besteht aus vier langen Instrumentalstücken von Wright. Die 20-jährigen Aufnahmen wurden teilweise neu aufgebaut und oft durch neu eingespielte Passagen ergänzt. Zuletzt folgt noch ein neues Lied zu Ehren von Wright. «Wir hatten alle das Gefühl, dass die Beiträge von Rick weithin unterschätzt wurden», sagt Jackson. Roger Waters hatte den Keyboarder nach dem Album «Animals» (1977) zwischenzeitlich sogar aus der Band gedrängt. Diese Entwicklung missfiel Gilmour. Er vermisst Wright sehr. Vor allem die alten Instrumentalduelle, wie sie etwa in der Live-Fassung von «Echoes» in der Konzertaufnahme von Gdansk besonders gut zur Geltung kämen.

Der Sound von Pink Floyd hätte nie aus den USA kommen können. Die Kombination von psychedelischer Verträumtheit und herbstlicher Melancholie führt wie ein roter Faden durch die britische Kultur. Lang, bevor es das Wort «Psychedelik» gab. Verblüffend, wie nahe der Palast von Hampden und das Hausboot von David Gilmour beisammen liegen.

Pink Floyd, The Endless River, Parlophone/Warner. Erscheint am 7. 11.
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