Haight Street, San Francisco, 1967. Hunderttausend Menschen folgen der Hymne des Sängers Scott McKenzie, stecken sich Blumen is Haar und strömen in die Hochburg der Hippies. «If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair.» Es ist der Summer of Love, der Höhepunkt der Blumenkinder-Bewegung. Der Stadtteil Haight-Ashbury hat sich zum Treffpunkt der rebellischen Jugend, der Musiker und der Kiffer entwickelt. Am Ende der Haight Street, dort wo der Golden Gate Park beginnt, spielen Rockstars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin oder The Grateful Dead gratis Konzerte. Vor der Bühne tanzt Allen Ginsberg, der bekannte amerikanische Poet und intellektuelle Kopf der Beat-Generation, mit Tausenden anderen jungen Menschen auf LSD.

Mitten unter ihnen war damals Pam Brennan. Die heute 61-Jährige ist eine der letzten Original-Hippies, die immer noch am Ort des Geschehens wohnt, in einem Haus gleich unter der Haight Street. Brennan trägt ein schwarz verwaschenes Beatles-Fan-Shirt. Von den Ohren baumeln kleine Anhänger in der Form einer Schwalbe. Mit einer raschen Handbewegung streicht sie sich die dunklen Fransen aus dem Gesicht. Während des Summer of Love war sie 12 Jahre alt. Mit ihrer Familie war sie nach San Francisco gereist. «Vor Staunen blieb mir der Mund offen stehen», sagt sie. «Die Haight Street war so voller Leute, dass wir in unserem Auto weder vor noch zurück kamen.» Überall habe es nach Gras gerochen, Musik lief an jeder Ecke, und die Menschen hätten sie angelächelt. «Es war magisch. Ohne dass ich Gras geraucht hätte, war ich high von dieser Atmosphäre.»

Kommerz und Zerfall
Sie wusste, dass sie sobald wie möglich hierhinziehen wollte. Wenige Jahre später lebte sie in Haight-Ashbury in ihrer ersten Kommune. Freie Liebe, Nacktheit, Drogen, politische Diskussionen seien an der Tagesordnung gewesen. «Ich fühlte mich einer Bewegung zugehörig, die sich anfühlte, als könne sie wirklich etwas verändern», sagt sie.

Der Zerfall der Hippie-Bewegung begann nach dem Woodstock-Festival. Im August 1969 feierte eine halbe Million Blumenkinder ihre Rockstars. Aus der rebellischen Jugendbewegung war eine kommerzielle Populärkultur geworden. Die politische Botschaft hinter den langen Haaren und den farbigen Gewändern verschwand allmählich. Überschattet von der Mordserie des Kommunen-Führers Charles Manson und dem Tod eines Zuschauers während eines Rolling-Stones-Konzerts verlor die Bewegung an Glanz. Als dann mehrere Hippie-Vorbilder, darunter Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix, an einer Überdosis Heroin starben und 1975 der Vietnam-Krieg endete, war die Flower-Power vorbei.

Die Faszination durch die Hippies bleibt jedoch bis heute bestehen. Noch immer pilgern täglich Hunderte Touristen in das Viertel Haight-Ashbury. Doch von den alten Idealen der Hippies ist hier heute nurmehr wenig zu spüren. Das Hippie-Sein wird als Touristenattraktion vermarktet. Die Häuserfassaden sind im psychedelischen LSD-Look bemalt, im «Day Dreamer Smoke Shop» stehen Hanfpfeifen im Schaufenster, in den sich aneinanderreihenden Second-Hand-Läden werden muffig riechende Batikgewänder anprobiert und Jesus-Latschen verkauft. Touristen bleiben an der Ecke Haight und Ashbury Street stehen, um ein Foto vom Strassenschild zu machen.

Nur wenige Meter von hier bildet sich eine Menschentraube vor einem rosa viktorianischen Haus. Eine Zeit lang bewohnte Janis Joplin den ersten Stock. Schräg gegenüber lebte die Band The Grateful Dead. Nach dem Summer of Love verschwanden sie aus der Stadt, wie auch die meisten anderen der 100 000 Hippies. Übrig blieben die Jugendlichen, die von zu Hause ausgerissen waren, um der Bewegung beizuwohnen. Viele landeten als Obdachlose auf der Strasse.

Suche nach dem letzten Spirit
In Haight-Ashbury scheint von dem Hippie-Spirit nicht viel übrig geblieben zu sein. Doch noch immer gibt es vor allem jüngere Menschen, die es hierhinzieht, auf der Suche nach dem bisschen Magie von 1967. Im Golden Gate Park liegen sie in der Sonne auf dem Hippie-Hügel. Zu dessen Fuss befindet sich der Baum, unter dem Janis Joplin gern sass. Manchmal kommen sie hier zusammen und klopfen rhythmisch auf ihren Trommeln.

In der Vergangenheit gab es regelmässig Versuche, das Quartier von den jungen Hippies und den Obdachlosen zu säubern. Wie überall in San Francisco sind auch in Haight-Ashbury die Immobilienpreise derart in die Höhe gestiegen, dass sich hier Normalverdienende ein Haus nicht mehr leisten können. Immer mehr Ketten eröffnen an der Haight Street ihre Filialen. Pam Brennan engagiert sich in einem Nachbarschaftsrat, der gegen diese Aufwertungskampagnen ankämpft. «Selbstverständlich bezeichne ich mich immer noch als Hippie», sagt Brennan. Nie habe sie aufgehört, für ein besseres Leben und gegen den Status quo zu kämpfen. Noch immer stellt sie sich gegen den Mainstream mit seinen bürgerlichen Wohlstandsidealen. In ihrem Haus lebt sie in einer Gemeinschaft mit zehn anderen Personen und führt einen ökologischen Lebensstil. Drogen nehme sie schon lange nicht mehr. Selten ziehe sie noch an einem Joint. Lieber sei ihr heute ein gutes Glas Wein.

Hippies wirken nach
Näher betrachtet, hat die Hippie-Bewegung in San Francisco deutlichere Spuren hinterlassen, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. So ist beispielsweise die Schwulen- und Lesbenbewegung fester Bestandteil der Stadt. Auch dass in unmittelbarer Nähe von San Francisco die weltweit grösste Dichte an technologischer Innovation entsteht, ist ein Stück weit den Hippies zu verdanken. Denn zur gleichen Zeit, als die Hippies in der Stadt rebellierten, entstand im Silicon Valley die Computerindustrie. Wer tagsüber programmierte, ging abends mit den Hippies an Konzerte.

Die zwei Szenen überlappten sich und waren keinesfalls getrennte soziale Welten. Über den Gründer von Apple, Steve Jobs, ist bekannt, dass er eine Zeit lang in einer Kommune lebte und LSD ausprobierte. Die Hippies träumten von einer befreiten, individualisierten Gesellschaft ohne Hierarchien, Bürokratien und staatliche Ordnung. Im Kommunenleben sollten Körper und Geist eine Einheit bilden, ob beim Familienleben oder bei der Arbeit. Dass in Grosskonzernen wie Facebook, Google oder Uber die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit immer mehr ineinanderfliesst und genau dies zum Erfolg der Unternehmen beiträgt, ist ein Erbe der Träume der Hippies.

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