Von Andreas Wirthensohn

Nun ist sie also angekommen im Herzen des klassischen Verlagsgewerbes: die von vielen gefürchtete, von manchen verklärte Zukunft. In der Buchbranche hört sie bekanntermassen auf den Namen E-Book, das seit einiger Zeit zur Standardausstattung fast aller Verlage gehört. Gedrucktes gibt es nach wie vor in Papierform, daneben aber auch elektronisch für das Lesegerät.

Nun beschreitet der Münchner Hanser Verlag, eines der literarischen Flaggschiffe im deutschsprachigen Raum, neue Wege: Seit dem 1. Oktober gibt es Hanser Box, einen eigenen Verlag im Rahmen der Verlagsgruppe, dessen Produkte ausschliesslich in digitaler Form vorliegen. Zum Auftakt sind zehn Titel auf einen Schlag erschienen, das am wenigsten Überraschende daran sind die Autorennamen. T. C. Boyle, A. L. Kennedy, Roberto Saviano, Henning Mankell, Philipp Blom, Janne Teller, Thomas Glavinic, Nora Bossong, Ilija Trojanow – die Crème de la Crème von Mutter- und Töchterverlagen ist versammelt, und dass man gleich zu Beginn ordentlich mit diesem Pfund wuchert, ist dem Verlag nun nicht zu verdenken.

Interessanter ist da schon, um was für Texte es sich handelt. Vom Umfang her reichen sie nicht für ein klassisches Buch, während sie andererseits für Zeitungen zu lang sind. Im Angebot sind Erzählungen, Essays, Reportagen, Streitschriften, ein «Wallander-Kompendium» – also Texte für den kleinen Lesehunger zwischendurch, die natürlich auch Appetit auf mehr von den jeweiligen Autoren machen sollen. Zudem kann man schneller auf tagesaktuelle Fragen reagieren, wie das E-Book von Christian Felber über das geplante Freihandelsabkommen TTIP zeigt. Und auch der Preis ist dazu angetan, es einfach mal probeweise zu versuchen: Zwischen €,1.99 und € 4,99 sollen die Titel kosten.

Für den Verlag bleibt dabei zwar nicht allzu viel Gewinn, aber der Aufwand dürfte sich in Grenzen halten. Neu ist das Konzept nicht: Der Berliner Verlag Matthes & Seitz, der seit Jahren herausragende Bücher und Reihen publiziert, bietet seit mehr als einem Jahr eine ganz ähnliche, rein elektronische Reihe an, Suhrkamp versucht sich schon länger an einer edition suhrkamp digital (gedruckt und elektronisch), und in den Nischen haben sich inzwischen einige reine E-Book-Verlage eingerichtet.

«Das Beben» will der Novelle im digitalen Zeitalter zu neuen Höhenflügen verhelfen, «mikrotext» hat sich dem «short digital reading» verschrieben, und «CulturBooks» orientiert sich umfangstechnisch an der Musikbranche: Man hat Singles, Maxis, Longplayer und Alben im Angebot. Bemerkenswert ist allerdings die Schlagzahl, die Hanser vorlegen will: Jede Woche soll fortan ein neues E-Book erscheinen, und das dürfte die Aufmerksamkeit für diese Publikationsform gehörig steigern.

Genau darin liegt bislang das Hauptproblem des rein digital Publizierten: Es wird in der Öffentlichkeit schlicht wenig bis überhaupt nicht wahrgenommen. Die klassischen Rezensionsorgane besprechen so gut wie keine E-Books, und selbst im Internet beschäftigt man sich vorwiegend mit dem, was auch gedruckt vorliegt. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass das elektronische Selfpublishing – also das Publizieren eigener Texte ohne einen Verlag – durchaus erfolgreiche Titel hervorbringt.

Vor allem der Versandhändler Amazon nutzt seine Marktmacht, um sich als Plattform für solche Texte zu profilieren. Er lockt mit einem hohen Honoraranteil für den Autor (bis 70 Prozent vom Ladenpreis) und der – dank dem Lesegerät Kindle – wuchtigen Position auf diesem noch recht neuen Geschäftsfeld, das sich jenseits des klassischen Buchhandels herausgebildet hat. Das Problem dabei ist: Erfolgreich ist auf diesem Gebiet bislang nur Genreliteratur in der Nachfolge von «Shades of Grey», die eher den Groschenheften und der literarisch wertlosen Massenliteratur als den seriösen Verlagen Konkurrenz macht.

Jo Lendle, seit Jahresbeginn verlegerischer Geschäftsführer des Hanser Literaturverlags und Initiator der Hanser Box, hat im letzten Jahr mit provokant zugespitzten Thesen aufhorchen lassen. Auf einer Tagung zu künftigen Formen der Literaturvermittlung hat er skizziert, wie er sich in Zeiten von E-Book und digitaler Distribution das «digitale Schlaraffenland» vorstellt. Sein Fazit: «Verlage sind schon heute definitiv nicht mehr nötig.» Jeder Autor könne seine Texte heute im Internet selbst verlegen, die Verlage hätten deshalb als elitäre Klubs ihr «Türhütermonopol» verloren und könnten allenfalls als «Edel-Dienstleister» überleben.

Immer deutlicher zeigt sich: Die zentrale Funktion der Verlage besteht genau in dem, was Lendle ihnen als negative Eigenschaft zurechnet: nämlich auszuwählen aus der Unmenge an Texten, die tagtäglich produziert und an die Lektorate geschickt werden, und eine Gemeinschaft zu bilden, die sich auf Qualitätsstandards für das eigene Tun verständigt hat – im Branchenjargon nennt man das Verlagsprofil.

Es sind zudem oft die Verlage, die Buchprojekte überhaupt erst entwickeln, Autoren zum Schreiben ermuntern und das Universum des geschriebenen Wortes aktiv mitgestalten. Dass Verlage eine Auswahl treffen und viele Manuskripte höflich, aber entschieden ablehnen, macht sie angesichts der digitalen Informationsflut wichtiger denn je. Eine Welt, in der alles, was geschrieben wird, auch publiziert würde, wäre zumindest für den Leser wahrlich kein Schlaraffenland mehr.

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