Man nennt es in der Politik den Merkel-Effekt. Wenn eine Person derart mächtig wird, dass sie dominiert. Alles in den Schatten stellt und keinen Raum für Neues neben sich frei lässt. Beim SRF waren es gleich zwei Personen, die in der Satire in den letzten neun Jahren alles überstrahlt haben. Viktor Giacobbo und Mike Müller. Die billige Pointe mit der beträchtlichen physischen Wasserverdrängung, die die beiden dank Mike Müller ... lassen wir sie. Fakt ist: Giacobbo/Müller war ein immenser Publikumserfolg. Daran ändert die Tatsache nichts, dass es gerade unter Journalisten zum guten Ton gehörte, die österreichischen Late-Night-Kämpen Stermann und Grissemann («Willkommen Österreich») viel besser zu finden oder Jan Böhmermann für unglaublich viel frecher zu halten. Fakt ist: Kaum eine Late-Night-Show in Europa erreichte ähnliche Zahlen wie Late-Night Service Public. Aber anders als die Ära Merkel, ist das Ende der Ära Giacobbo/Müller absehbar. Ende Jahr wird die Sendung zum letzten Mal ausgestrahlt. Und das Vakuum, das die beiden hinterlassen, wird immer offensichtlicher.

Klar, es gibt die Neuen. Fast zeitgleich mit dem Abgang von Giacobbo/Müller hatte SRF Ende Januar angekündigt, drei frische Comedy-Formate zu testen. Freitag nachts. Also in einer fernsehtechnisch geschützten Werkstatt. Ein nachvollziehbares Unterfangen. Und mit «Müslüm Television» und «Deville» haben auch zwei Formate überlebt. Dazu kam ab Sommer mit «Querdenker» noch ein neues.

Keine direkten Nachfolger
Doch die Rücktrittsankündigung der beiden TV-Dinosaurier hatte die hehre Absicht, die neuen Humoristen vor allzu grossen Erwartungen zu schützen, zunichtegemacht. Denn wie sehr die Fernsehmacher vom Leutschenbach auch beteuerten, es gehe bei den neuen Formaten nicht darum, in der Öffentlichkeit ging es genau darum: einen direkten Nachfolger für die Comedy-Überväter zu finden. Nimmt man diesen unfairen Massstab, fallen die Sendungen durch.

Der Platz von Giacobbo/Müller bleibt humoristisch vorderhand unbesetzt. Die Programmverantwortlichen entschieden, den Grossmeister des Berührer-Interviews, Kurt Aeschbacher, auf den Sendeplatz am Sonntag zu verschieben. Das kann man wie Viktor Giacobbo und Mike Müller für mutlos halten. Fakt ist aber auch: Keine der neuen Sendungen schafft, was Giacobbo/Müller schaffte. Die breite Masse von jung bis alt zum Lachen zu bringen und gleichzeitig gesellschaftlich und politisch relevant zu bleiben.

«Deville» galt als grösste Hoffnung unter den neuen Formaten. Ein anarchischer Punk-Talker (Dominic Deville), ein junges, organisch zusammengesetztes Team um das Regie-Wunderkind Patrick Karpiczenko. Ein kleinkunstig-skurriler Sidekick (Manuel Stahlberger). Das liess hoffen. Die Hoffnungen erfüllten sich bisher nur teilweise. Die ersten vier Folgen funktionierten im Studio wunderbar, am TV allerdings nur bedingt. Die Quoten sanken von der Premiere mit 87 000 Zuschauern auf 29 000 in der letzten Folge der ersten Staffel. Zwar sind diese Zahlen laut SRF nicht entscheidend, aber halt eben auch nicht ganz irrelevant.

Klingt alles ernüchternd. Ist aber nicht so dramatisch. Denn erstens stieg Deville in der neuen Staffel am Freitag vor einer Woche wieder mit 49 000 Zuschauern ein, und zweitens zeigte die Sendung auch inhaltlich eine Steigerung: politischer, schneller, wilder. Wie die Deville-Leute den unvermeidlichen Baschi mit verbundenen Augen und einem Baseball-Schläger prügeln liessen: Das hatte diese erhoffte Punk-Attitüde und kreierte auch gleich mediale Aufmerksamkeit.

Begrenzte Konzepte für Müslüm
Beim SRF sagt der Comedy-Verantwortliche Rolf Tschäpätt: «Das Late-Night-Potenzial von Dominic Deville und seinem Team ist aber zweifellos vorhanden.» Nur: Deville zu einem massentauglichen Quotenhit am Sonntagabend formen zu wollen, würde der Sendung alles nehmen, was sie an Potenzial mitbringt.

Der ehemalige Zauberer Michel Gammenthaler bringt mit «Querdenker» mehr Konformität mit. Die Sendung, als Smart Late-Night betitelt, zeigt bei der Quote denn auch steigende Tendenz. Zuletzt schauten 68 000 Zuschauer zu. Aber sie ist eben auch reichlich konform. Und Müslüm wollen die SRF-Verantwortlichen zu Recht innovative, zeitlich begrenzte Konzepte auf den Leib schneidern, statt ihn in eine unbefristete Serie zu pressen. Diese Attitüde ist löblich. Den Jungen Zeit lassen. Oder wie es Tschäppätt formuliert: «Comedy-Formate müssen sich entwickeln können, das zeigen die Erfahrungen, nicht nur in der Schweiz.» Blöderweise hören Giacobbo/Müller aber jetzt auf.

Was man den Verantwortlichen im Leutschenbach tatsächlich vorwerfen kann, ist, dass sie sich etwas gar spät um die Nachfolge zu sorgen begannen. Aber so geht das, wenn Figuren wie Giacobbo/Müller alles absorbieren. Dann merkt man manchmal auch gar nicht, welche Talente eigentlich da wären. Selbst wenn sie über den eigenen Sender flimmern. Und so ist Hazel Brugger, das grösste Talent der Schweizer Satire- und Comedy-Szene, jetzt halt freie Mitarbeiterin bei der «heute-show» im deutschen ZDF.

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