Hart oder weich? Wacklig oder nicht? Kalt oder angenehm? Man will endlich wissen, wie es ist. Wie es ist, übers Wasser zu wandeln – ob das, was Jesus laut Bibel schaffte, Christo uns Normalsterblichen mit seinen «Floating Piers» auf dem Iseosee irgendwie auch bescheren kann. Wann darf man drauf? Eine Uhrzeit war nicht zu erfahren, nur der Tag: 18. Juni. Und der Hinweis: je nach Wetter.

Am Freitag: Nervosität unter den Medienleuten – und Gerüchte. Um sechs Uhr früh werde eröffnet. «Könnte stimmen, der 81-jährige Christo ist Frühaufsteher», meint einer. Also früh aufstehen. Meine Wirte im B&B warnen: «Die Uferstrasse ist gesperrt. Selbst für Fussgänger und Velos.» Aber der Patron hat ein Permisso und fährt mich um 5.40 Uhr nach Sulzano. Aufregung auf der Piazza, die Polizei sperrt die Gässchen zum See, die Schlange wird immer länger. Nach zwei Stunden: Die Kamerateams dürfen durch – dann alle. «Langsam, langsam», warnt ein Polizist.

Mit der Masse geht man hinaus auf den orangefarbenen Steg, ein Helikopter kreist, Polizei- und Helferboote patrouillieren. Trägt der «Floating Pier»? Es schaukelt, aber dank der Breite des Stegs fühlt man sich sicher. Alle fotografieren, einige jubeln, Kinder hüpfen. Die ersten ziehen die Schuhe aus, obwohl die orangen Tücher vom nächtlichen Gewitter noch nass sind. Am schönsten ist es, wenn man ruhig steht. So spürt man nicht nur ein Schaukeln, sondern die Wellen, wie sie quer und längs das Gebilde aus 220 000 Würfeln in Bewegung versetzen.

Über drei Kilometer lang
Nun hat man Zeit. Schaut über den See, zur Umgebung. Das warme Gelb-Orange der Stege bildet einen satten Kontrast zum Wasser, zu den steinernen Gebäuden und den dunkel bewaldeten Bergen. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken und bringen den Stoff zum Glänzen. Trocken wirkt er hellgelb, Wasser lässt ihn matt-orange abdunkeln, und die vielen Falten sorgen für eine ständig wechselnde Wirkung. Welch ein Gegensatz zu den Fotos und Videos vom Aufbau, als die Schwimmkörper grell-weiss blendeten. Für das beeindruckende, einheitliche Bild brauchte es 100 000 Quadratmeter Polyamidgewebe; noch am Freitag wurden die letzten Stoffbahnen von 600 Helfern befestigt und vernäht. Die Würfel liess der in New York lebende Künstler in seiner ehemaligen Heimat Bulgarien herstellen und von bulgarischen Arbeitern montieren.

Der Spaziergang über die «Floating Piers» braucht Zeit. Die schwimmenden Wege alleine sind drei Kilometer lang. Sie führen von Sulzano zur Insel Monte Isola, dann wieder hinaus, rund um die Mini-Insel San Paolo und nochmals zur Monte Isola. Zusätzlich verbinden am Ufer gelb ausgelegte Wege die Endpunkte der Piers. Auf diesen Uferwegen lustwandelten schon am Freitag Hundertschaften mit Fotoapparaten. Als man Christo in einem der vielen roten Schlauchboote erblickte, wurde geklatscht. «Bravo Christo!» – «Grazie!» – «Thank you!», schallte es übers Wasser.

Auf den Piers und in den Bars tauschen die Leute ihre Begeisterung und ihr Wissen aus: Dass die «Floating Piers» im See von 200 Ankern positioniert sind, dass sie 12 000 Menschen aufs Mal tragen und dass es nur zwei Jahre von der Idee bis zur Eröffnung gedauert hat. Auch über Geld wird geredet. Begeistert sagt einer: «Christo zahlt die ganzen 15 Millionen Dollar selber. Keine Subventionen, keine Sponsoren.» Christo and Jeanne-Claude finanzierten ihre Projekte durch Verkäufe von Zeichnungen und Grafiken. Daran und auch am gemeinsamen Firmennamen hält Christo fest, trotz dem Tod seiner langjährigen Lebens- und Kunstpartnerin 2009.

Im Einklang mit der Natur
Christo arbeitet stets mit den gleichen Ingenieuren und Handwerkern, nutzt neueste Technik, aber die Werke sollen Poesie werden. Das schafft er hier, das schafften Jeanne-Claude und er bei den rosa umsäumten Inseln in Florida, der Reichtagsverhüllung in Berlin wie bei den Baumumhüllungen in der Fondation Beyeler in Basel.

Ihre Kunst müsse im Einklang mit der Natur sein, ist ein weiteres Motto von Christo und Jeanne-Claude. «Die Floating Piers stören die Fische nicht, und das Material ist recyclebar», diktierte der Künstler den Journalisten.

Für die Gegend ist Christos Projekt ein touristischer Glücksfall. Die Leute sind stolz, die Verkehrs- und Übernachtungskapazitäten bei erwarteten 500 000 Besuchern in 19 Tagen aber überlastet. Bars und Restaurants haben aufgerüstet, entlang der Uferwege werden Zelte mit Verpflegungsmöglichkeiten und hinter Blachen mobile WCs installiert.

Aber es wird eng, denkt man sich an diesem Samstagmorgen, als man gegen Strom auf der orangen Lustmeile nach Sulzano zurückwandert. Was einem vor allem auffällt: Die «Floating Piers» stimmen die Menschen glücklich. Man lässt sich noch ein paar letzte Schritte lang leise schaukeln – und stimmt in das Lob auf Christo ein. Gerade auch, weil er diesmal nicht nur Kunst zum Anschauen, sondern Kunst zum Begehen, zum Teilhaben, geschaffen hat.

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