Echt? Ehrlich? Authentisch? Bah! Mit dem Selbstfindungs-wahn der Blumenkinder konnte David Robert Jones nichts anfangen. Just auf dem Höhepunkt des Hippie-Kults, im heissen Sommer 1969, wählte er den Künstlernamen David Bowie, erfand die Kunstfigur Major Tom und mit ihm das Spiel mit den verschiedenen Identitäten.

Bowie brachte das Theater auf die Popbühne, verwirrte und provozierte. Er fiel vom Himmel und war ausserirdisch schön und androgyn. Artifiziell, makellos wie eine Menschmaschine. Dann war er feminin, schminkte sich, kleidete sich mit glitzernden Kostümen und behauptete, schwul zu sein. Er färbte sich die Haare und wurde zum Fabelwesen. Kaum hatte die Welt die neue Häutung verarbeitet, erschien er im eleganten Zweireiher und mimte den Gigolo und Dandy. Er kokettierte mit Nazi-sthetik und distanzierte sich wieder. Zuletzt reifte er zum abgeklärten Geschäftsmann, locker, souverän, abgeklärt. David Bowie war das Chamäleon, der Schauspieler des Pop, ein Kunstprodukt, das sich um die eigene Persönlichkeit scherte.

Doch wer war Bowie? Nicht einmal seine sexuelle Orientierung war wirklich klar. Als seine geschiedene Frau Angela «Angie» Barnett 1990 behauptete, ihn und Mick Jagger Anfang der 1970erJahre zusammen im Bett erwischt zu haben, liess er dies über seinen Anwalt dementieren.

Angie? Ja, genau. Das war jene Angie, die Mick Jagger, der Legende nach, so sehr begehrte, dass er ihr 1973 die wohl berührendste Stones-Ballade widmete. Sie war allerdings schon damals mit Bowie verheiratet. Es waren die wilden Jahre der Drogenexzesse. Bowie soll es so bunt getrieben haben, dass ihm sein Manager riet, in die ruhige Schweiz zu ziehen. Dort, wo Drogen damals weniger gut verfügbar waren. Angie war es dann, die 1976 das Haus «Clos de Mesanges» am Genfersee, ein Chalet in Blonay bei Vevey, aussuchte. Das amerikanisch-zypriotische Supermodel aus gutem Hause kannte sich in der Gegend aus, weil es in Lausanne zur Schule gegangen war.

David Bowie wohnte von 1976 bis 1998 in der Schweiz, lebte hier sehr zurückgezogen und pflegte kaum soziale Kontakte mit den Einheimischen. Bobby Leiser (70), der legendäre Schweizer Ur-Roadie und Stage-Manager, war einer der wenigen Schweizer, die ihn persönlich kennen lernen durften.

Bowie probte 1976 rund eine Woche mit seiner Band im Hallenstadion Zürich für die «White Light Tour». «Ich wurde vom Konzertveranstalter Good News angeheuert, um einige Dinge vom Genfersee nach Zürich und wieder zurück zu transportieren», erzählt Leiser. «Eines Abends bedankte er sich in seinem Chalet höflich für meine Dienste und fragte mich, ob ich schon gegessen hätte. Als ich verneinte, lud er mich mit Angie in ein italienisches Restaurant in Vevey ein. Wir assen vorzüglich, unterhielten uns glänzend und erzählten Geschichten über Musiker. Wir lachten viel. Bowie war ein höflicher Gastgeber, kein Selbstdarsteller, sondern ein guter und charmanter Zuhörer, der sehr gut auf Leute eingehen kann. Danach brachte er mich ins Hotel ‹Les Trois Couronnes› in Vevey, wo ich auf seine Kosten die Nacht verbringen konnte. Bowie war ein wirklicher Gentleman. Diesen wundervollen Abend werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen.»

Eine besondere Begegnung mit Bowie erlebte auch Rolf Schlup. Der heutige Promo-Mann bei «Das Office» hatte 1980 bei einem Konzert von Bowie in Zürich Backstage ausgeholfen: «Plötzlich öffnete sich die Tür, Superstar David Bowie betrat den Backstageraum, schüttelte jedem Helfer die Hand und stellte sich den verdutzten Helfern vor: «Hello! I’m David Bowie.» Er war damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität, und Fans, und Groupies lauerten überall. Schlup erzählt: «Am Schluss des Konzerts, die letzten Töne der zweiten Zugabe waren kaum verklungen, stürmte Bowie von der Bühne und rannte mit den Bühnenklamotten direkt zum wartenden Auto, um den Fans zu entkommen. Doch plötzlich stoppte er, kam wieder zurück zu uns Helfern. Er schüttelte wieder jedem die Hand und sagte: «Sorry, ich hatte vergessen, mich bei euch zu bedanken.» «Das ist für einen Superstar schon sehr ungewöhnlich. Das ist mir echt eingefahren», sagt Schlup.

Bowie war sich sehr wohl bewusst, dass Ruhm und Geld, überhaupt das Leben als Superstar, die Menschen verändert. «Er versuchte, ein ganz normales Leben zu führen», sagte sein langjähriger Freund Geoff MacCormack dem britischen «The Guardian». «Wenn er ins Museum wollte, stand er Schlange wie jeder andere auch», sagt er. David Bowie hatte keine Starallüren, war alles andere als überheblich oder arrogant, doch er hatte nur wenige Freunde. Er konnte nicht verhindern, dass er, wie viele andere Superstars, isoliert war. Als Superstar ist es fast unmöglich, ein normales Leben zu leben.

Wer war David Bowie? Bowie blieb geheimnisvoll. Aber viele beschreiben ihn als angenehmen, netten und höflichen Zeitgenossen, der versuchte, nicht ganz so abgehoben und extravagant zu leben, wie man es von einem Star seines Kalibers eigentlich vermuten könnte.

Vielleicht diente die Maskerade ja auch dem Selbstschutz. «Nein, ich bin nicht David Bowie», soll der Superstar gemäss «24 Heures» geantwortet haben, wenn Fans und Passanten ihn auf der Strasse in Lausanne um ein Autogramm baten. Irgendwie war es nicht mal gelogen. David Bowie, das war der andere, der schillernde Typ dort auf der Bühne.

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