Von Paul Liversedge

Der Jahrgang 2013 stellte höchste Anforderungen an die Weinbauern im Bordeaux. Der Winter und der Frühling fielen überaus feucht aus – mit 20 Prozent mehr Niederschlägen als im Durchschnitt der letzten 30 Jahre.

Der Mai und der Juni blieben kühl und nass, was einen späten und langsamen Reifeprozess der Trauben bewirkte. Diese Bedingungen beeinflussten insbesondere die Merlot-Trauben negativ – ein hoher Prozentsatz davon verrieselte: Während der Blust fielen die Blüten zu Boden. «Die Blütezeit fand unter den schlechtesten Konditionen seit 1984 statt», sagt Jean Michel Comme von Pontet Canet, das wie die meisten Châteaux eine massiv reduzierte Ernte verzeichnete. Im Vieux Château Certan im Pomerol gingdie Hälfte des üblichen Ertrags schon in der Blütezeit verloren.

Dazu sagt Winzer Guillaume Thienpont: «Wenn die Trauben in der Blüte nicht verrieselt wären, hätte mit der normalen Quantität eine weitaus schlechtere Qualität resultiert. Aber so konnte die kleinere Menge heranreifen, so gut dies unter den gegebenen Bedingungen möglich war – mehr Trauben hätten nicht zur Reife kommen können, bevor sie im September von der Botrytis, einer Edelfäule durch Schimmelpilz, befallen worden wären.»

Ein heisser Juli und ein warmer August sorgten schliesslich für eine befriedigende Reifung der Trauben, grüne Fruchtaromen entwickelten sich jedoch bei dem Jahrgang nicht. Der September war warm, nass und feucht, und Ende September zwangen heftige Regen und Gewitter die Winzer, die Lese schlagartig und so rasch wie möglich zu erledigen. Mit grossen Teams von Pflückern gelang es, die Trauben einzubringen, bevor sie von der Botrytis befallen wurden. Die grossen Châteaux waren dabei im Vorteil, weil sie aufgrund ihrer finanziellen Stärke in kürzester Zeit zahlreiche Pflücker anheuern konnten – im Château Margaux beispielsweise brachten 300 in Rekordzeit die Ernte ein. Für manche kleineren Weinhäuser geriet der Ertrag wegen fehlender Mittel jedoch zur Katastrophe.

Sorgfältige Aussortierung
Die Ernte fand eine bis zwei Wochen früher statt, als es die Châteaux gern gehabt hätten. Obwohl die Früchte reif waren, liessen die Tannine zu wünschen übrig. Der Anteil der Säure ist höher als in vergangenen Jahren, jener des Alkohols tiefer – zurück bei den mehr klassischen Werten zwischen 12½ und 13 Prozent. Ein sorgfältiges Aussortieren der gesündesten Trauben war in diesem Jahr äusserst wichtig, keine unreifen oder faulenden Früchte sollten Einfluss auf die Qualität des Endprodukts haben. Die Kellereien, die dies mit einer «leichten Hand» bei der Weinherstellung kombinierten – behutsamer Auszug der Tannine während der Fermentation und sorgfältige Nutzung von neuen Eichenfässern während der Reifung –, produzierten die besten Weine des Jahrgangs. Wie haben sich die einzelnen Gebiete des Bordeaux entwickelt?
Die Weine des Médoc sind generell von leichtem Körper mit frischer Säure. Eine ihrer positiven Seiten sind ihre delikaten, annähernd burgundisch reinen saftigen Rotfruchtaromen in hoher Klarheit und Präzision. Doch oft fehlen ihnen mittlere Dichte und Gewicht im Gaumen. Das lässt sie eher leicht und wässrig erscheinen.
Gleichzeitig ist das aber Bordeaux und nicht Burgunder, und so sind die zugrunde liegenden Tannine kräftig, manchmal zu kräftig und im schlechtesten Fall bitter. Der Alkoholgehalt beträgt zwischen 12½ und 13 Prozent – «klassisch» für die in kühleren Gegenden gelegenen Weingüter des Bordeaux.

2013 – das Jahr des Cabernet Sauvignon im Médoc
Manche Châteaux verwendeten den höchsten Anteil an Cabernet Sauvignon in ihren Verschnitten des Jahrgangs 2013: Ducru Beaucaillou 90 Prozent, Margaux 94 Prozent, Latour 95 Prozent, Lafite 98 Prozent und Pichon Lalande 100 Prozent. Warum? Weil die besten Weinberge im Médoc mit Cabernet bepflanzt sind. Diese Terroirs reifen eine bis zwei Wochen früher als die anderen. Das war wichtig im Jahr 2013, da der Befall mit der Botrytis schon Ende September stattfand.
Merlot in Weinbergen von geringerer Bedeutung enttäuschten rundum: zu hoher Gehalt an Tannin und Säure, wenig Fruchtaromen. Die Traube litt unter Krankheiten in der Blust und vor der Ernte und war wegen ihrer frühen Reife und dünnen Haut anfällig auf Botrytis.

Pauillac produziert die besten Qualitätsweine des Médoc
Generell stammen die besten Produkte des Jahrgangs 2013 aus den eher nördlich situierten Anbaugebieten des Médoc, speziell Pauillac und St-Estèphe. In St-Estèphe absorbierten die Tonböden die Niederschläge besser als die Terroirs im Süden. Das bedeutete, dass die Châteaux mit der Ernte länger zuwarten konnten. Und Paulliac hat schlicht den grössten Anteil im Médoc an qualitativ hochstehenden Erzeugnissen mit Cabernet Sauvignon.
In St-Julien war man oft enttäuscht. Die Tannine waren zu stark und die Weine zu leicht im Gaumen. Bemerkenswerte Ausnahmen waren Ducru Beaucaillou und Clos de Marquis. Margaux litt im September unter mehr Nässe als die Gebiete weiter im Norden und stellte sehr unterschiedliche Qualitäten her. Die grössten Ausnahmen sind Chateau Margaux und Rauzan Segla, die beide hochklassige Weine kelterten. Thibault Pontallier vom Chateau Margaux fasst den Stil seiner Produkte beredt so zusammen: «Was du bei der Dichte verlierst, gewinnst du bei der Frische, dem Charme, der Fruchtreinheit und der Spannung.»
Die Rotweine von Pessac Leognan scheinen mehr Gewicht, Struktur und Fruchtdichte zu haben, obwohl ihr Fruchtcharakter oft dunkel, ein bisschen kühl, streng ist im Vergleich zu den reiferen Rotfruchtaromen in den Produkten des nördlichen Médoc

Pomerol schlug sich besser als St-Emilion
Auch am rechten Ufer des Bordeaux war es reichlich schwierig, die Trauben zu ernten. Pomerol schlug sich besser als St-Emilion, es produzierte einige liebliche Weine mit Frische, Balance, delikaten Rotfruchtaromen und sanfter, cremiger Fülle. Etwas höhere Temperaturen und mehr Wind hielten hier die Tonböden ziemlich trocken, so litten die Merlot-Gewächse auf dem Pomerol-Plateau nicht so stark wie weiter unten in St-Emilion. Tatsächlich war 2013 für das Vieux Château Certan ein Merlot-Jahr; es verwendete für seine Erzeugnisse mit 92 Prozent den höchsten Anteil Merlot-Traube seit seinem Bestehen.
St-Emilion andererseits produzierte ein generell enttäuschendes Spektrum von Weinen. Die Frucht mutet oft gedämpft und überreif an, die Tannine sind äusserst stark und trocken am Schluss.

Sehr guter Jahrgang für trockene Weissweine
Für die weissen Weine von Graves und Pessac Léognan war 2013 ein weiteres gutes Jahr, leicht unter der Qualität von 2011 und 2012. Die Sauvignon-Blanc-Trauben reifen früher als Semillon, sie konnten sauber und gesund vor dem Botrytis-Befall geerntet werden. Bis die Semillon-Trauben reif waren, litten die meisten unter der Edelfäuleu und wurden hauptsächlich zur Herstellung von Süssweinen verwendet.
Der Anteil vom Semillon ist kleiner als sonst in trockenen Weissweinen, jener von Sauvignon Blanc höher. Letztere gibt dem Produkt Frische und knackige Säure, angenehme Fruchtaromen und ein ausgeprägtes Gewicht im Gaumen das herrührt von seiner Reifung im Eichenfass. Die Weine sind nicht so komplex und reich wie jene von 2012, eher frischer, aromatischer und lebhafter.

Exzellentes Jahr für Süssweine
Es ist der Normalfall im Bordeaux, dass aus Weinernten, die für die Produktion von Rotweinen zu dürftig ausgefallen sind, famose Süssweine hergestellt werden. 2011, 2007 und 1997 sind dafür beste Beispiele. 2013 bildet da keine Ausnahme.
Da gab es etwa eine sehr gute bis exzellente Lese in Sauternes. Das warme, dunstige und feuchte Klima im September sorgte dort perfekt für die Entwicklung von Edelfäule bei den später reifenden Semillon-Trauben. Voraussetzung, um das komplexe Gebilde von Botrytis-Aromen ideal zu verpacken, sind frische Säure, reine Frucht und Intensität. Der Jahrgang ist hinsichtlich der Qualität etwas besser als 2011 und ähnlich wie 2007, erreicht aber den Höhepunkt von 2001 nicht ganz.

Kleine Volumen
Wegen des geringen Fruchtansatzes, dem frühen Befall durch Botrytis Ende September und der drastischen Aussortierung der gesündesten Trauben durch die grösseren Châteaux fielen Volumen und Ausbeute 2013 deutlich geringer aus als in jedem Jahr seit 1991, dem «frostigen Jahrgang».
Gegenüber 2012, das selbst eine kleine Ernte hervorbrachte, sanken die Volumen um 20 bis 50 Prozent. Die magere Ausbeute von beispielsweise 15 Hektoliter pro Hektar in Pontet Canet, 13 Hektoliter in Pichon Lalande und nur 9 Liter in Gruaud Larose betraf alle Weingüter im Bordeaux – und liegt weit unter dem üblichen Betrag von 35 Liter pro Hektar.

Wann trinken?
Die Weine des Jahrgangs 2013 sollten jung getrunken werden, jederzeit im Alter von 5 bis 10 Jahren. Einige Erzeugnisse von den Top-Châteaux lassen sich bis zum Alter von 20 Jahren geniessen. Aber der 2013er-Jahrgang eignet sich nicht für eine lange Lagerung. Die Produkte verfügen schlicht nicht über genug Fruchtkonzentration, Gewicht und Dichte, um die starken Tannine und die Säure auszubalancieren.

2013 verglichen mit anderen Jahrgängen
Es ist sehr schwierig, 2013 mit verflossenen Jahrgängen zu vergleichen. Verschiedene Erntevergleiche wurden von den Winzern vorgenommen – so 2008, 2007, 1988, 1984, 1969 –, die aber stets vom Vorbehalt begleitet waren, dass ein ähnlicher Qualitätslevel vor 20 Jahren nicht möglich gewesen wäre, verglichen mit den Wachstumsbedingungen in den jeweiligen Jahren.
Der verbindlichste Vergleich der Vergangenheit ist für mich das Jahr 2007, obwohl die Früchte 2013 reifer und süsser schmeckten, mit mehr lebendiger Säure und Leichtigkeit und ohne Andeutung von Unreife im Gaumen.

Bordeaux 2013 jetzt kaufen?
Zusammengefasst ist der Jahrgang 2013 ein Wein von mittlerer Qualität – ein «klassischer» roter Bordeaux, der einige vergnügliche Trinkerfahrungen in kurzer bis mittlerer Frist vermittelt. Er ist kein Erzeugnis, das als Investition gekauft werden sollte, da er kein Entwicklungspotenzial über 20 Jahre hinaus aufweist.
Eine Handvoll wirklich schöner Rotweine wurde produziert – trotz den schwierigen Bedingungen der Ernte –, und sie werden sich gewiss für den Sofortkauf eignen. 2013 war ebenso ein gutes Jahr für trockene und süsse weisse Weine. Wenn Sie sicher sind, dass Sie sich einen Lagerbestand von einem dieser Weine anschaffen möchten, oder falls 2013 für Sie ein spezielles Jahr war, an das Sie sich erinnern möchten, indem Sie grossformatige Flaschen ordern, dann empfehle ich Ihnen den Kauf en primeur.

Fallen jetzt die Preise für den Jahrgang 2013 deutlich?
Andererseits ist der Preis – wie immer – der entscheidende Faktor. Die Verkaufspreise en primeur fielen 2011 und 2012 nach den überaus teuren Jahrgängen 2009 und 2010 zu wenig. Diese beiden Jahrgänge wurden nicht so gut verkauft wie erwartet und lagern in grossen Mengen im Bordeaux.
Deshalb müssen die Preise für den Jahrgang 2013 signifikant fallen, um Anlass für einen Sofortkauf zu sein. Sollte dies nicht geschehen, schlage ich Ihnen vor, das Geld für die Jahrgänge 2012 oder 2008 auszugeben, die noch zu Genüge auf dem Markt sind und interessante Weine bieten, die ein wenig älter sind.

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