Von Raffael Schuppisser aus Schanghai

Wo das Reich der Mitte beginnt, endet Googles Macht. Anfragen, die in die Suchmaske eingetippt werden, bleiben unbeantwortet. Strassen, die man auf der Karte des amerikanischen Internetriesen sucht, findet man nie. Post, die einem Freunde zuschicken, kommt in der Google-Mailbox nicht an.

Auch die Rufe der Facebook-Freunde dringen nicht bis zu einem durch. Twitter bleibt stumm und Instagram verschlossen. Man fühlt sich ziemlich alleingelassen, wenn man in China ankommt.

Dass es für alle amerikanischen Internet-Dienste mindestens ein chinesisches Pendant gibt, hilft uns wenig. Denn unsere Freunde sind eben nicht auf Weixin, Weibo oder einem der anderen chinesischen sozialen Netzwerke. Für eine Internet-Recherche kann man zwar auf eine andere Suchmaschine zurückgreifen. Neben dem chinesischen Service Baidu stehen einem die amerikanischen Dienste Altavista und Bing zur Verfügung. Doch wie gut Google wirklich ist, merkt man erst, wenn man keinen Zugang mehr zur Suchmaschine hat.

Zwei Tage halten wir es aUS ohne das Internet, so wie wir es kennen. Dann geben wir auf und laden uns einen VPN-Dienst aufs Smartphone. Die drei Buchstaben stehen für «virtuelles privates Netzwerk». Ein VPN «gräbt» eine Art Tunnel durch die grosse Firewall, die das chinesische Netz vom Rest des Internets abschirmt, und ermöglicht so den Zugriff auf westliche Server. Wir fühlen uns wieder als Teil der Welt – des World Wide Web. Grosses Aufatmen.

In China sind solche VPNs ziemlich verbreitet. «Ich nutze täglich einen VPN, um die chinesische Internetzensur zu umgehen», sagt Marianne, eine Lifestyle-Bloggerin aus Schanghai. Die meisten Chinesinnen, die Freunde in Amerika oder Europa haben, täten das. Die Regierung toleriert das weitgehend. Denn auch die kommunistische Führung hat erkannt, dass in der globalisierten Welt mindestens gewisse Kreise mit der Aussenwelt kommunizieren müssen.

Doch seit den Terroranschlägen in Paris und seit der Islamische Staat eine chinesische Geisel exekutiert hat, gibt es Bestrebungen, den Zugang zum Netz weiter einzuschränken. In der «New York Times» war kürzlich zu lesen, dass mehreren Bürgern aus der Provinz Xinjiang im Westen von China, der Internetzugang gekappt wurde, weil sie einen VPN-Dienst installiert hatten. Xinjiang gehört zusammen mit Tibet zu den politisch sensibelsten Gebieten Chinas. Ob auch Bürger in Grossstädten wie Peking oder Schanghai bald unter der neuen Zensur-Politik der Führung leiden würden, könne sie nicht beurteilen, sagt Marianne: «Wir werden es merken.»

Doch auch in den Metropolen überwacht die Regierung die Internetaktivitäten seiner Bürger genau. Das wird uns etwa klar während eines Besuchs bei Huawei, einem der weltweit grössten Netzwerkausrüster und Hersteller von Smartphones. Der Konzern hat ein Analyse-Werkzeug entwickelt, mit dem die Regierung die Daten auswerten kann, die sie von ihren Bürgern abgreift. Während über die Entwicklung der neuen Premium-Smartphones nur mit grosser Vorsicht berichtet wird, wird uns das Observierungswerkzeug sehr offen präsentiert.

Auf dem Bildschirm ist eine Karte von Schanghai zu sehen. Eine 23-Millionen-Stadt aus der Vogelperspektive. Mit dem Mausrad zoomt die Dame, die uns das Tool vorführt, ins Bild hinein, sodass einzelne Blocks sichtbar werden. Ein Klick auf ein Quartier reicht aus, und am oberen Bildschirmrand werden Informationen über die Menschen angezeigt, die sich gerade dort befinden: das Durchschnittseinkommen, die Männer-Frauen-Quote oder wie gross die Vorliebe für amerikanische Filme ist.

«Das ist sehr hilfreich für die Regierung», sagt die Dame lakonisch. So liesse sich abschätzen, wo am besten neue Luxusgeschäfte und wo neue Polizeiposten gebaut werden. Was sie nicht sagt: Natürlich lässt sich so auch erkennen, wo sich Opponenten der Regierung versammeln.

In wohl keinem anderen Land werden die Möglichkeiten von Big Data so umfassend genutzt, um die Bürger zu analysieren, zu überwachen – und zu erziehen. Die chinesische Regierung plant einen «Citizen Score», ein Punktesystem, um das Verhalten seiner Bürger zu bewerten. Verwaltet werden soll es von den beiden chinesischen Internet-Riesen Alibaba und Tencent, die bereits jetzt ihre Nutzer aufgrund ihrer Aktivitäten auf sozialen Medien und ihres Kaufverhaltens bewerten.

Wer bei Alibaba, ein Pendant zu Amazon, einkauft und dessen Bezahldienst Alipay nutzt, bekommt Punkte gutgeschrieben. Wer das Regime auf den sozialen Netzwerken lobt, wird mit Punkten belohnt, wer es kritisiert, wird mit einem Punkteabzug bestraft. Bis 2020, so heisst es, will die Regierung dieses System erweitern und für alle Bürger obligatorisch machen. Viele Details sind noch unklar, doch es bestehen kaum Zweifel, dass der Citizen Score kommen wird.

Kürzlich äusserte sich der China-Experte Rogier Creemers von der Universität Oxford gegenüber dem Wissensmagazin «News Scientist» dazu: Das ganze Verhalten werde in das Bewertungssystem eingespeist und bestimme darüber, welche Jobs man ausführen darf und welche sozialen Dienste einem zustünden. Angelehnt an das Bewertungssystem von Alibaba, soll die Bandbreite von 350 bis 900 Punkte reichen. Für 650 Punkte soll man schneller in Hotels einchecken können und einen Mietwagen ohne Kaution ausleihen dürfen. Ab 750 Punkte gibts ein Visum im Schnellverfahren nach Europa. Wer sich linientreu verhält, wird mit Freiheit belohnt.

In China zeigt sich derzeit, was passiert, wenn sich ein autoritäres Regime für Big Data zu interessieren beginnt. Doch auch der Westen sei vor einer solchen sich schrittweise vollziehenden Entwicklung nicht gefeit, meinen Kritiker der Internet-Überwachung. Kürzlich verfassten elf Wissenschafter – darunter die Zürcher ETH-Professoren Dirk Helbing, Ernst Hafen und Michael Hagner sowie Bruno S. Frei – einen gemeinsamen Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie im Digitalzeitalter. Auch da wird vor chinaähnlichen Zuständen gewarnt.

Nach den Anschlägen von Paris wurden auch hierzulande Rufe nach mehr Überwachung laut. So wird etwa infrage gestellt, ob Bürger noch die Möglichkeit haben sollen, verschlüsselt und damit vom Staat ungehört zu kommunizieren. Gleichzeitig gibt es westliche Internetdienste, welche das Prinzip der Bewertung, wie wir es von Services wie Tripadvisor oder Ricardo kennen, auf eine neue Stufe stellen.

Die Schweizer Jungfirma Dacadoo hat einen Healthscore entwickelt, der den Gesundheitszustand eines Menschen in einer exakten Punktzahl angibt und so vergleichbar macht. Und das amerikanische Start-up Peeple hat auf Januar einen Dienst angekündigt, der es ermöglicht, Menschen mit Sternen zu bewerten. Nicht etwa ihre Fähigkeit als guter Gastgeber wie auf Airbnb oder als zuverlässiger Handelspartner wie auf Ebay. Sondern ihre Person als solche.

«Fast alles, was China macht, löst in den Menschen im Westen Panik aus», sagt der China-Experte Creemer. «Und oft erkennen wir nicht, dass wir ebenfalls ähnliche Dinge tun.»

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