Und plötzlich wurde der harte Kerl ganz soft. «Du faszinierst und inspirierst mich immer noch. Du beeinflusst mich zum Besseren. Du bist das Objekt meiner Begierde, der wichtigste Grund, warum ich existiere.» Der Liebesbrief, den Country-Legende Johnny Cash seiner Frau June Carter zum 65. Geburtstag schrieb, gehört zu den berühmtesten und schönsten, die je verfasst wurden. June Carter soll in Tränen ausgebrochen sein, als sie die Zeilen las, Tränen des Glücks.

Trotz oder gerade wegen der heutigen Fülle an Kommunikationsmöglichkeiten und der schnelllebigen Textmitteilungen, die wir täglich zu Dutzenden versenden und erhalten, erlebte der handgeschriebene Liebesbrief in den letzten Jahren eine Renaissance – gerade zum Valentinstag. Weil er im Kommunikationschaos heraussticht, weil er nicht flüchtig ist oder vergänglich, höchstens irgendwann ein wenig vergilbt. Zudem braucht das Verfassen eines Liebesbriefs viel mehr Zeit als das Tippen einer SMS oder der Gang zum Blumenhändler nebenan. Die individuellen Zeilen zeugen von tiefer Verbundenheit und Wertschätzung gegenüber dem Partner.

Insofern erstaunt die Schweizer Schriftstellerin Monique Schwitter das Comeback des lange als altmodisch geltenden Liebesbriefes nicht: «Der digitalen Nachricht fehlt die Physis, man kann sie nicht anfassen,» sagt sie auf Anfrage. Liebe aber werde durch Anfassen gleichzeitig gereizt und genährt. Die Gewinnerin des Schweizer Buchpreises 2015 weiss, wovon sie spricht: Ihre Lust am Schreiben hat mit Liebesbriefen begonnen. «Worte sind, im Gegensatz zu Blumen, immer genau. Treffsicher.» Ausserdem, so Schwitter weiter, würden Liebesbriefe nicht wie Blumen welken.

Doch nicht alle sind so wortgewandt wie Schwitter oder der «Man in Black», Johnny Cash, und können ihre Gefühle aufs Blatt bringen. Ghostwriter profitieren von seiner zunehmenden Beliebtheit, etwa jene von der Hamburger Redewerft: Hier werden persönliche Liebesbriefe und -botschaften 24 Stunden nach Bestellung versandt. Kostenpunkt: zirka fünfzig Euro. «In den letzten drei Jahren haben sich die Liebesbrief-Aufträge jährlich vervielfacht», sagt Marion Hackl von der Redewerft. Achtzig Prozent der Auftraggeber seien Männer. «Darunter befinden sich mittlerweile auch zahlreiche Mehrfachtäter.» Hackl glaubt, dass es Männern eher schwerfällt, ihre Gefühle in passende Worte zu fassen. «Sie gehen auf Nummer sicher. Das ist aber okay, denn just diese Männer delegieren nicht nur, sondern machen sich tatsächlich sehr viel Gedanken.»

Wer es trotzdem auf eigene Faust versuchen möchte, für den hat Hackl ein paar gute Tipps: «Seien Sie sparsam mit Kosenamen, und machen Sie einen grossen Bogen um allzu blumige Verklausulierungen à la ‹mein Augenstern›.» Ein Liebesbrief dürfe aber auch nicht zu dramatisch werden. Ein suizidal anmutendes «ohne Dich an meiner Seite wäre ich dem Tode nah» oder gar ein drohendes «wenn Du mich je verlässt, dann ...» hätten in einem Liebesbrief nichts zu suchen. «Erinnern Sie sich vielmehr an schöne gemeinsame Momente, und danken Sie ihm oder ihr ruhig einmal für vermeintliche Selbstverständlichkeiten.» Auch ein Blick in die Zukunft sei schön: «Schreiben Sie darüber, was Sie mit Ihrem Partner noch erleben möchten, welche Ziele Sie haben.» Und das Wichtigste zum Schluss: Ein Liebesbrief soll immer handgeschrieben sein, auf schönem Briefpapier. «Ein Liebesbrief in Word getippt und fix ausgedruckt geht gar nicht», sagt Hackl.

So gut die Tipps auch sein mögen – Monique Schwitter hält nicht viel von dem Angebot der Ghostwriter: «Liebesbriefe sind keine Dienstleistung und daher nicht käuflich.» Es sei ihr aber bewusst, dass kaum etwas schwieriger sei, als einen Liebesbrief zu verfassen. «Wer es nicht wagt, einen zu schreiben, oder daran scheitert, sollte sich dann doch lieber für die ungenaue, aber schöne Geste des Blumenstrausses entscheiden.»

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