Der aktuelle Grund war dummerweise Anna Netrebko, jener russische Opernstar, den ich noch vor zwei Monaten an dieser Stelle voller Verachtung Putin-Rakete genannt hatte. Die Putin-Verehrerin hatte sich damals mit einem ukrainischen Separatistenführer, die Fahne Neurusslands in der Hand, der Welt gezeigt.

Und da sass ich, der Opern-Idiot, nun am Freitagabend, Tränen vor Opernglück verdrückend, im Parkett des Opernhauses Zürich, lauschte hingerissen, wie Netrebko als Anna Bolena dem Tod entgegensang und den Satz hauchte: «Verrate mich nicht, mein Herz!»

Oper – das ist Droge. Netrebkos Stimme verheisst die Liebe in Tönen. Und den Hass. Und zu schön sind die Erinnerungen an einst, vor allem an den 27. Juli 2002. Verflucht sei die aktuelle Politik.

Das Epizentrum der Lust lag in Salzburg. Ein neuer «Don Giovanni» stand an, die Oper der Opern. Schnell wurden die Gesichter lang: eine verstörende Regie, ein blasser Titelheld. Doch im gelben Kleidchen sauste ein Wunder mit langen Beinen über die Bühne: Es sang wie eine Heroine aus alten Festspieltagen.

Meine Begeisterung musste herausgebrüllt werden, ganz egal, ob links und rechts die Kollegen Reflektiertes in ihre Notizhefte kritzelten. So hatte ich die Auftrittsarie der Donna Anna in all den zwanzig vergangenen Opernjahren nicht gehört.

Als Netrebko danach in einem Kleid leicht und stoffarm wie drei meiner weissen Operntaschentücher und auf Absätzen lang und dünn wie meine Zahnbürste in die Festspiellounge schwebte, war klar: Das ist die Primadonna des 21. Jahrhunderts. Meine damalige Freundin hatte einen Eifersuchtsanfall. Völlig zu Recht.

Netrebko erfüllte alle Erwartungen. So gut, dass Stimmpapst Jürgen Kesting (*1940) 2008 trotzig schrieb, Netrebko habe einen Platz in der Psyche derer besetzt, deren Gedanken um Glamour, Rum, Sex und gesellschaftliche Erwähltheit kreisten. Das war Schwachsinn. Auch die Diva der Diven, Maria Callas, posierte so, dass Vorne und Hinte(r)n bestens ausgeleuchtet waren. Auf der Bühne paart sich noch heute Netrebkos Schönheit mit einer Stimme voller dunklem Leid und süsser Eleganz.

P. S. Noch dreimal singt sie dieser Tage in Zürich. Alles ausverkauft, klar, aber glauben Sie mir: «Ausverkauft» gibt es nicht. Davon nächste Woche.

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