Ists 30 Grad im Sommer, spielt man «Bohème», wo es schneit. Kommt aber der Winter, steht ein in der Wüste endendes Drama wie «Manon Lescaut» an. Und je feierlicher, umso blutiger: Am 2. Weihnachtstag gerne «Tosca», wo Scarpia erdolcht und Cavaradossi nach der Folterung erschossen wird, Tosca aber nach dem Sprung von der Engelsburg auf Stein zerschmettert.

Die einzige Ausnahme neben der mehr oder weniger lustigen Silvestergala macht Ostern, dann nämlich spielt alles Richard Wagners «Parsifal»: dieses Jahr Wien, Berlin, Budapest, Frankfurt, Mannheim, Chemnitz, Leipzig, Oslo, Wuppertal und Buenos Aires. Nicht nur spielt dieses Werk am Karfreitag und kennt die Lanze, mit der Jesus am Kreuz in die Seite gestochen wurde, und den Kelch mit seinem Blut als Requisiten. Nein, es kommt hinzu, dass man nach dem 1. Akt – wegen der Enthüllung des Grals und des folgenden Abendmahls – nicht applaudieren darf. Diese einzigartige Anweisung verleiht dem Bühnenweihfestspiel (sic!) einen geradezu sakralen Charakter.

Das ist grossartig. Aber jedes Jahr? Warum nicht mal «Faust»? Stammelt da der Held bei Goethe, zum Selbstmord bereit, nicht: «Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon/ Des Osterfestes erste Feierstunde»? In Charles Gounods (1818–1893) Vertonung spielt die Szene zwar nur mehr im Frühling, doch zum Schluss, wenn Margarethes Seele gerettet ist, erklingt das Glockengeläut des Ostermorgens mitsamt Osterhymne «Christ ist erstanden» sehr wohl. Und bei Ferruccio Busoni (1866– 1924) unterzeichnet Faust kurz vor dem österlichen Glockenklang den Vertrag mit Mephisto.

Auch Mascagnis (1863–1945) «Cavalleria Rusticana» habe ich noch nie an Ostern gehört, dabei spielt das Drama doch just am Ostermorgen! Alles schreitet zur Kirche, und im Hintergrund brodelt ein Eifersuchtsdrama, das in blutig roten Ostern endet.

Doch siehe da! Die Salzburger Osterfestspiele, früher jeweils ganz auf der erhabenen Wagner-Schiene, spielen 2015 tatsächlich meine geliebte «Cavalleria». Im ZDF können Sie das Spektakel morgen Nacht sehen – oder besser gleich live um 18 Uhr im Grossen Festspielhaus! Dumm nur, habe ich, Asche auf mein unoriginelles Haupt, bereits eine Karte für Berlin, für …«Parsifal».

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