Quincy Jones ist eine Wundertüte. «Man muss auf alles gefasst sein. Bei Quincy weiss man nie», sagt Bandleader Pepe Lienhard zwei Tage vor der grossen Geburtstags-Gala 50 Jahre Jazzfestival Montreux. Seine 21-köpfige Big Band trifft sich noch ohne die Gaststars im ersten Stock des Casinos von Montreux zur ersten Probe. Gross vorbereiten konnten sich die erfahrenen Orchestermusiker nicht, denn die letzten vier Arrangements sind erst an diesem Morgen eingetroffen.

Zum Beispiel «I Wish» von Stevie Wonder und der Ellington-Klassiker «I’m Beginning To See The Light» mit den Arrangements von Vince Mendoza. Lienhard verteilt die Noten und spielt die Version ab Labtop vor, während die Musiker konzentriert auf die Notenblätter schauen. «Alles klar? Wir probierens mal. Spielt dynamisch!», sagt der Bandleader. Schlagzeuger Peter Lübke, seit Jahren ein treuer Begleiter der Band, zählt zwei Takte vor. Dann geht’s ab. Es klappt ganz ordentlich. «Wir gehen mal weiter. Wir haben ja noch zwei Tage Zeit», sagt Pepe.

Dann «I Wish». Saxofonist Adrian Pflugshaupt schüttelt den Kopf. Irgendetwas stimmt nicht. Die Buchstaben, die die Teile des Songs benennen, sind offenbar vertauscht worden. Verwirrung.

Pepes Notfall-Koffer
«So geht das immer», sagt Pepe lachend und ist die Ruhe selbst. Der 70-jährige Schweizer Bandleader spricht aus Erfahrung. Schon zweimal hat er inzwischen mit seinem Idol, dem legendären Bandleader, Arrangeur und Produzenten zusammengearbeitet. Für alle Fälle hat er deshalb einen grossen Koffer dabei, vollgepackt mit Noten von Arrangements von Quincy Jones.

Ein schwarzer Musiker schlurft in den Proberaum. «Hi, I’m Jon Batiste», sagt er und macht einen etwas, naja, verpeilten Eindruck. «Ich soll hier spielen», meint er. Pepe kennt ihn. Batiste ist Pianist und Sänger aus New Orleans. Ein Shooting-Star, der die Hausband von «The Late Show», der Nachfolge-Talkshow von David Letterman leitet.
«Was willst du spielen?»
«Hm ... wie wärs mit Moanin? Ich habe aber keine Noten.»
«Kein Problem. Ich schon».
Pepe greift in seinen Notfall-Koffer und verteilt das Quincy-Jones-Arrangement des Jazz-Klassikers. Christoph Stahel, Pepes langjähriger Stagemanager, ist begeistert. «Das ist das Pepe-Regime. Er ist auf alles vorbereitet. Da klappt einfach alles.»

Was macht eigentlich Quincy?
Welche Rolle spielt eigentlich Quincy Jones bei der Gala? «Das weiss man im Voraus nie so genau», sagt Pepe, der bisher nur mit seiner Managerin per Mail kommuniziert hat. Er präsentiert sicher die Show. Dazu hat er die Gäste ausgewählt: neben den Sängern Mick Hucknall, Al Jarreau und Patti Austin die Jungstars Jacob Collier, Alfredo Rodriguez und Jon Batiste. Dazu seine Tochter Rashida Jones, eine Schauspielerin und Sängerin, Enkel Sunny Levine, ein Produzent und Sänger, sowie ein australisches Sternchen namens Grace. Ein bezaubernd schönes blondes Mädchen, das der Meister unter seine Fittiche genommen hat. Die Gäste wiederum haben die gewünschten Stücke ausgewählt und Pepe die dazugehörigen Arrangements besorgt. Wo sie nicht vorhanden waren, hat sie Saxofonist Carlo Schoeb geschrieben oder ergänzt.

Am zweiten Probetag hat sich Al Jarreau angemeldet. Plötzlich war er da. Früher als geplant ist er durch einen Hintereingang zur Probe gekommen. Im Rollstuhl. Der inzwischen 76-jährige Sänger ist dünn geworden und sitzt ganz in Schwarz gekleidet mit Schirmmütze vor der Band. Doch die Stimme klingt noch erstaunlich jugendlich und wird nur noch von seiner Herzlichkeit überstrahlt. «Great job, that was wonderful», sagt er, «ich möchte jeden Tag mit euch spielen. I am so lucky.»

Quincy kommt
Die Proben laufen wie geschmiert. «I Wish» mit Jacob Collier ist heute kein Problem mehr. Der gestern noch verpeilte Jon Batiste ist heute eine Stimmungskanone. Auf einmal macht sich Aufregung breit. «Quincy kommt, Quincy kommt.» Dann erscheint er tatsächlich. «Hey Dad», erklingt es durch den Raum. Vater und Tochter Rashida umarmen sich innig. Die 83-jährige Legende hat rund 30 Kilo abgespeckt und bewegt sich wieder etwas besser als auch schon. Seine Gegenwart im Proberaum ändert einiges: Alles dreht sich sofort um ihn. Er ist der unbestrittene Boss und Bandleader, Pepe Lienhard wird zum Fan.

«You Don’t Own Me», ein eigenartiger Song von 1963, wird geprobt. In der Version für Grace. Quincy, mit den Noten auf den Knien, schaut kritisch drein. «Bitte die letzten acht Takte noch einmal», sagt er. «Und wieso hat es da kein Schlagzeug?» «Das ist das Arrangement, das wir erhalten haben», wehrt sich Pepe. Quincy brummt.

Dann «Manteca» mit dem Pianisten Alfredo Rodriguez. Es ist Quincys Arrangement. «Das muss schneller sein», sagt er. «Moanin» mit dem grandiosen Jon Batiste wird ein Höhepunkt. Quincy Jones sitzt hinter Pepe Lienhard und dirigiert jeden Break mit – wie ein zweiter Dirigent. Der Meister ist zufrieden, Hauptprobe geglückt.

Quincy setzt sich durch
Und das Konzert? Alfredo Rodriguez, Jon Batiste und Jacob Collier brillieren mit fulminanten Soli. «Unbelievable, this is the future of Jazz», verspricht Quincy Jones. Doch den grössten Applaus erhält die Vergangenheit. Die 66-jährige Patti Austin mit ihrer Hommage an Ella Fitzgerald und vor allem der gebrechliche Al Jarreau, der sich nur mit Hilfe auf die Bühne kämpfen kann und stimmlich doch noch voll präsent ist. «Unbelievable», sagt Quincy Jones immer wieder. Geschätzte hundert Mal. Dabei hätte es die Musik gar nicht nötig gehabt. Oder höchstens der Teil mit seiner Tochter und seinem Enkel. Der Klassenunterschied ist frappant.

Doch Quincy bleibt bis zuletzt für eine Überraschung gut. Das eigenartige, schlagzeuglose Stück fehlt ebenso wie die bezaubernde Grace. Dafür erklingt unverhofft Quincys Version von «Killer Joe» sowie sein Hit «Soul Bossa Nova» aus dem Jahre 1962 im Programm, er dirigiert hier gleich selbst, Pepe wechselt mit seiner Flöte in die Bandreihe. Quincy hat noch einmal allen den Meister gezeigt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper