Es liest sich wie ein Krimi – und hat wohl auch kriminelle Energie. In einem Tessiner Tresor – wo denn sonst? – findet die Polizei ein Gemälde von Leonardo da Vinci. Eines, das seit sage und schreibe 500 Jahren verschollen war. Und von dem man zudem gar nicht wusste, dass Leonardo es tatsächlich gemalt hat. Wäre es so, es wäre die Sensation des Jahrhunderts. Denn so berühmt Leonardo da Vinci ist, so wenige Gemälde von ihm gibt es. Je nach Zählweise sind es 12 oder 15, maximal 20. Also wenige, sehr wenige. Und seit 1909, seit der Entdeckung der «Madonna Benois», ist kein angeblicher da Vinci ein echter da Vinci geworden. Trotz zahlreicher Versuche. Die letzten: Ab 2009 gab es einen jahrelangen Expertenstreit um das Bildnis von «La Bella Principessa», einem Kreidebild auf Pergament. Gestritten wird seit 2011 auch, ob ein Christusbild, ein «Salvator Mundi» nur aus der Werkstatt Leonardos stamme oder doch ein eigenhändiges Gemälde des Meisters sei.

Wenn also das Bildnis der «Isabelle d’Este» aus dem Tessiner Tresor echt wäre, wäre es nicht nur der Sensationsfund, sondern auch der Verkaufsschlager des Jahrhunderts. Doch die Besitzerin, die 70-jährige Witwe Emilia Cecchini aus Pesaro, die in Lugano lebt, und ihr Anwalt suchten unter der Hand einen Käufer. Ein Interessent aus dem arabischen Raum soll nicht nur die geforderten mindestens 95, sondern 120 Millionen Dollar geboten haben, wie Staatsanwalt Manfredi Palumbo diese Woche den Medien erzählte. Viel Geld. Aber wenig für einen echten Leonardo da Vinci. Vor allem in einer Zeit, in der sich die Kunsthandelspreise überschlagen. Erst vor zehn Tagen geisterte die Nachricht von einem 300-Millionen-Dollar-Deal für Paul Gauguins «Nafea» zwischen dem Basler Staechelin Trust und einem Abnehmer in Katar durch die Weltpresse.

Welch andere Dimension müsste ein einmaliger Verkauf eines echten da Vinci bringen! Die «Schweiz am Sonntag» fragte bei renommierten Auktionshäusern nach, wie hoch sie den Schätzpreis ansetzen würden, wenn das Gemälde denn echt wäre und zum Verkauf stünde. Trotz wäre und würde mochte sich keiner der Auktions-Experten aus dem Fenster lehnen. Ein echter da Vinci «könnte in der Tat einen ‹Gauguin-Preis› erreichen», liess sich einer entlocken. Oder man könnte für eine Schätzung «beim Weltrekord für Alte Meister ansetzen». Den hält Peter Paul Rubens’ «Kindermord von Betlehem» mit 76,7 Millionen Dollar, erzielt am 10. Juli 2002. Vor dreizehn Jahren also. Und Rubens war der viel fleissigere Maler als Leonardo da Vinci.

Sind die Besitzer dumm? Oder wollten sie nicht, dass der Handel publik wird, weil tatsächlich Steuerdelikte oder eine illegale Ausfuhr aus Italien vorliegt oder ein krimineller Kunsthändlerring dahintersteckt, wie die Fahnder aus Pesaro klagen? Wie auch immer, der Preis macht stutzig. Und nicht nur er.

Experten führen – seit dieses Bild 2013 das erste Mal in den Schlagzeilen aufgetaucht und dann wieder in einen Tresor abgetaucht ist – auch zahlreiche andere unstimmige Details an (Malgrund Leinwand statt Holz, Attribute einer heiligen Katharina im Bildnis einer Adeligen …).

Wie der Krimi über die «Isabelle» oder «Katharina» auch enden wird, die Spekulationen über Leonardo da Vinci werden nicht abbrechen. Wir warten nicht nur auf den nächsten angeblich echten da Vinci, sondern zum Beispiel auch auf die nächste These, wer nun wirklich und wahrhaftig das Modell der Mona Lisa war. War es eine Fürstin oder eine Medici-Geliebte, oder doch die Florentinerin Lisa del Giocondo? Oder gar das Bildnis seines Schülers und angeblichen Liebhabers «il Salai»? Schliesslich sei der Maler Leonardo 1476 wegen Sodomie (zu der damals auch Homosexualität gezählt wurde) angeklagt worden. Mona Lisa wäre demnach ein Buchstabenspiel aus «mon salai». Der Louvre hat sich 2011 dagegen verwahrt. Mit Freuden gezeigt hat er 2012 dagegen das im Prado Madrid hinter dunklen Schichten aufgetauchte Schwesterbild, das ein Schüler gleichzeitig mit dem Meister gemalt haben muss. Nicht akzeptiert hat die Fachwelt dagegen das 2012 in Genf präsentierte Bildnis einer jungen Mona Lisa von da Vinci.

Die exklusivste These über die «Heitere» servierte im Dezember die «South China Morning Post». Sie sei eine chinesische Sklavin und die Mutter Leonardos gewesen. Selbstverständlich wissenschaftlich abgestützt auf ein bald erscheinendes Buch des Kunsthistorikers Angelo Paratico.

Tatsächlich ist Leonardos eigene Herkunft fast so geheimnisvoll wie Mona Lisas Lächeln. Klar ist ausnahmsweise der Vater, der reiche Notar Ser Piero d’Antonio aus Florenz. Die Mutter aber soll eine Magd oder eine arabische Sklavin oder vielleicht doch eine einflussreiche (unverheiratete) Dame gewesen sein. Leonardo wurde jedenfalls am 15. April 1452 geboren, wuchs im Dorf Vinci auf und kam dann in den Haushalt seines Vaters und in die Malschule von Andrea del Verrocchio in Florenz – wo er sein Talent entwickelte und den Meister bald überflügelte.

Leonardo war von den Mächtigen als Maler umschwärmt: in Florenz, Mantua, Rom, am Hof von Mailand und zuletzt im französischen Amboise, wohin er 1516 auf Einladung des französischen Königs Franz I. übersiedelt war und 1519 starb. Sein eigener Ehrgeiz galt aber je länger, je mehr seiner Arbeit als Ingenieur. Bewässerungsanlagen, die Erfindung von Maschinen und Robotern – und vor allem der Traum von einem Fluggerät – beschäftigten ihn weit intensiver als die Malerei.

Über seine Forschungen und Tüfteleien wissen wir viel, Leonardo notierte sich Gedanken, Skizzen und Pläne in seinen Tagebüchern, den Codices. Die gingen aus Unachtsamkeit der Erben als Gesamtwerk zwar verloren, existieren aber in nachträglich wieder gebundenen zehn Ausgaben (Codex) bis heute. Wer bei «Codices» nicht an Notizbücher denkt, sondern an Dan Browns Bestseller «The Da Vinci Code», weiss, wo er weitere wilde Spekulationen um das Renaissance-Genie findet.

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