Von Anna Kardos

Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiss, du verzeihst mir’s.

Das ist einer der berühmtesten Romane der Welt: Goethes «Werther». Aber das ist auch – ein Brief. Tja, Goethe, der alte Fuchs, wusste eben, wie man die Leser packt. Darum liess er in «Werther» keine allwissende Instanz erzählen, sondern einen jungen Mann im Liebesstrudel: Werther selbst. Dieser schreibt sich in Briefen seine Verliebtheit, Verzweiflung und zum Schluss Verwirrtheit von der Seele. Und unversehens wird der Leser zum Adressaten, zum «du», das mitfiebert, miterlebt und sogar mitstirbt – löste doch Goethes unmittelbarstes Buch bei seinem Erscheinen eine weltweite Nachahmer-Selbstmordwelle aus. Sozial betrachtet ein Schreckensszenario, war es literarisch gesehen das Gütesiegel für Authentizität. Und Johann Wolfgang von Goethe lag total im Trend. Schliesslich sassen auch seine Leser Abend für Abend im Schein der Kerze an ihren Sekretären und schrieben sich Briefe. Das war 1771.

Seither sind 244 Jahre vergangen, und Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal jemandem auf Papier mit der Füllfeder von Ihren Gefühlen und Erlebnissen erzählt? Eben. Ähnliches ging vor zehn Jahren wohl auch dem Wiener Autor Daniel Glattauer durch den Kopf, als er in seinen Laptop den Wortlaut tippte:

«Betreff: Abbestellung
Ich will mein Abonnement kündigen. Ist das per Mail möglich? Ich bitte um kurze Antwort. Freundliche Grüsse, E. Rothner
Acht Minuten später.
AW: Sie sind bei mir falsch. Ich habe woerter@leike.com. Sie wollen zu woerter@like.com. Sie sind schon der Dritte, der bei mir abbestellen will. Das Heft muss wirklich schlecht geworden sein.
Neun Monate später.
Kein Betreff: Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Emmi Rothner.
Zwei Minuten später.
AW: Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als überhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch für Ihre herzliche und überaus originelle Massenmail! Sie müssen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehöre. Mfg, Leo Leike».

Herzblut statt Vogelperspektive hiess wie seinerzeit Goethes nun auch Glattauers Motto. Und «Gut gegen Nordwind», ein Liebesroman in E-Mail-Form, schlug ein wie eine Bombe.

Denn welcher Leser schreibt schon an einem Roman? Aber mit E-Mails, da kennen wir uns aus! Da wird man als Leserin nicht nur zum «du», sondern zur Co-Autorin, die jeden Satz, jedes Wort im Kopf mitschreibt. Kein Wunder, hat Glattauer mit seinem Mailroman den Nerv der Zeit getroffen. Nur dass sich heute Trends und Technologien immer schneller ablösen – und mit ihnen die Romanformen. Nach einem Zwischenstopp mit «Jemand wie du», getippt von Xisela Lopez in SMS-Form, ist seit wenigen Tagen der erste Chatroman Europas auf dem Markt! Made in Switzerland.

Und eines vorweg: Hinsichtlich der Authentizität steht das Buch Goethes «Werther» in nichts nach. Denn bei «Der Chat» ist der Titel Programm: Eine Schulklasse von 16-Jährigen chattet darin von morgens bis abends – wie das auch 89 Prozent ihrer realen Altersgenossen tun. Nur dass es in der Kommunikation in Echtzeit um die Banalitäten des Alltags geht – auch das ist total authentisch: von Pickel bis Pizza, von Aufgaben bis Ausgang, von Beschimpfungen bis Beziehungsknatsch wird verbal ausgebreitet, was den Alltag der Jugendlichen bestimmt. Das mag soziologisch aufschlussreich sein, literarisch nicht. Also blubbert der Text, den das Autorenduo und Vater-Tochter-Gespann Gregor Klaus und Mirjam Klaus fundiert ohne viel Dramaturgie über die Seiten schreibt. Für Abwechslung sorgen Emoticons sowie Abkürzungen. Als «Greisin» oder «Greis» über 25 lernt man immerhin eine neue Sprache: LOL (laughing out loud), sry (sorry) oder bb.

Letzteres bedeutet bye bye. Es könnte genauso gut Big Brother is reading you heissen, denn wie damals bei der Reality-Show fühlt man sich an die Banalitäten des Lebens erinnert. Bis ein Mord geschieht, der richtig einfährt, wohl gerade, weil das Umfeld rundherum so alltäglich war.

Gregor Klaus, Mirjam Klaus: Der Chat. Cosmos, 215 S., Fr. 29.–.

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