Helmut Schmidt, rauchend. Diese Fotos begleiteten uns durch die Woche. Mit einem Gefühl der Trauer über den Tod des grossen Politikers. Aber auch mit Wehmut über das Ende einer Ära. Das Ende des öffentlichen Rauchens. Helmut Schmidt war der Letzte, der noch vor laufenden Fernseh-Kameras rauchen durfte. Der dies gar zur Bedingung machte, wollte man ihn in einer Talkshow dabei haben.

Die Ausnahme wurde für ihn gemacht. Nur für ihn. Wir anderen Raucherinnen und Raucher aber fristen schon längst ein Aussenseiterdasein. Wir bewunderten Helmut Schmidt, dass er sich das Rauchen nicht verbieten liess, dass er gar lieber auf Menthol- oder E-Zigaretten wechselte, als aufzuhören. Und wir liebten ihn für die Selbstverständlichkeit in typischer Schmidtscher Ideologieferne, mit der er – wie auch seine Frau Loki – rauchten.

Denn sein Rauchen war Résistance. Wenn er genüsslich an seiner Zigarette zog und den Rauch ausblies, war dies ein leiser, aber wirkungsvoller Protest gegen die grassierende Bevormundung und Reglementierung. Gegen den Wahn, man müsse jeden Bürger, jede Bürgerin vor Fehlern bewahren. Denn selber entscheiden, was er oder sie macht oder nicht, jesses, das kann man nicht mehr den Einzelnen überlassen. Man muss die Menschen doch vor sich und ihrer Dummheit schützen.

Mit Wehmut – und etwas Nostalgie – erinnere ich mich an andere Zeiten. Als Rauchen nicht nur salonfähig war, sondern als Genuss galt. Man rauchte gemeinsam und genüsslich. Liess sich an Sitzungen oder bei Diskussionen vom Nikotin beflügeln, man liebte die kleinen Rituale. Eine Zigarette anzubieten, gehörte zu jedem Flirt und jedem ernsthaften Gespräch, und selbst bei der Arbeit blieb die Kippe locker auf der Lippe. Schauen Sie sich alte Hollywoodfilme an. Eine schicke Zigarettenbox stand auf jedem besseren Salontisch. Man nahm sich eine, der Herr gab Feuer, man machte einen ersten – den besten – Zug. Erst dann, langsam, kam man zur Sache.

Doch nicht nur die Traumfabrik Hollywood oder das mondäne Vorkriegs-Berlin frönten dem Rauchen. Nein, auch im seriösen Deutschland und in der gschaffigen Schweiz des 20. Jahrhunderts gehörte ein Zigarettchen oder ein Pfeifchen zu den Freuden des Alltags.

Es gab da einmal eine Fernsehsendung, die hiess «Der internationale Frühschoppen». Und wie der Name sagt, wurde bei dieser Polit-Diskussion ein Schöppchen Wein getrunken – und ein Pfeifchen geschmaucht oder ein paar Zigaretten gepafft. Und oft bevor einer das Wort ergriff, stopfte er schnell nach, zündete sich eine neue Zigarette an oder streifte die Asche ab. Kürzestpausen. Aber gerade genug lang, um mit Bedacht zu seinem Votum anzusetzen. Nicht der Schnellste gewann, sondern wer überlegte. Und wenn sich die Rauchschwaden langsam gegen die Decke hoben, hatten sich auch die Gedanken geklärt.

Es war kein Zufall, dass grosse Denker und Schriftsteller so oft mit einer Pfeife oder einer Zigarette zu sehen waren. Max Frisch, Günter Grass, Jean-Paul Sartre, Virginia Woolf, Bertolt Brecht, Siegfried Lenz, Erika Mann oder Erich Kästner. Ihre Rauchzeichen wirken heute wie Signale aus einer vergangenen Zeit, als nicht die schnelle Nachricht das Online-Leben prägte, sondern analoge Wirklichkeit, Bedachtsamkeit sowie das Gefühl, Teil einer Gesellschaft zu sein, indem der Einzelne auf seine individuelle Freiheit pochte, ohne seine Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit zu vergessen. Wunderbar formulierte das die Schriftstellerin Cristina Peri Rossi: «Rauchen ist kein Laster, es ist eine Art zu leben, zu denken und zu fühlen.» Wer wissen will, wie sich Zigarrenrauchen anfühlte, der lese Hermann Burger.

Doch nun ist ausgeraucht. Keine Ausnahme, kein Helmut Schmidt mehr, der beweist, dass man rauchen und alt werden kann, dass der blaue Dunst den Geist nicht vernebelt. Wer heute raucht, gilt im besten Fall als Schwächling: «Schaffst du es nicht aufzuhören?» Im Normalfall aber als gemeingefährlich. Also raus mit dir! Vor die Türe. Und selbst da – schauen Sie sich die Schildchen vor Geschäftseingängen an – gilt je länger, je mehr: Rauchverbot. Selbst in Parks, an Bushaltestellen, auf den Bahnhof-Perrons. Als letzthin jemand gar auf der Strasse über die Raucherin – über mich – schimpfte, da wurde ich grantig.

Ich weiss, rauchen ist schädlich. Ich kenne die Risiken, aber ich lasse mich nicht bevormunden! Denn die Hetze gegen uns Raucher, die Kulturfreund Alain Berset gerade wieder anfeuert, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Spitze einer grassierenden Über-Reglementierung. Eines ideologisierten Gesundheitswahns. Das beginnt beim Essen und endet bei der Menschenwürde und der Selbstbestimmung. Mit dem Argument wissenschaftlicher Stichhaltigkeit und zum vermeintlichen volkswirtschaftlichen Nutzen werden wir dummen Sünder zu smarten Funktionseinheiten umfunktioniert. Und wie brave Schafe folgen wir den Leithammeln und respektieren die Zäune und Verbote.

Wir leben, um nützlich zu sein. Also weg mit allem, was schädlich sein könnte, was aufliegt, ein paar Gramm Fett auf die Rippen bringt oder was in 0,0003 Prozent der Fälle Juckreiz verursachen könnte. Würste sind ungesund. Zucker ist ungesund. Zu wenig schlafen ist ungesund, Fett ist ungesund, und neuerdings empfehlen Zahnhygienikerinnen Kindergärtlern, keine Äpfel, sondern nur getrocknete Apfelringli zu verzehren, weil frische Früchte zu viel Fruchtzucker enthalten. Aber am schlimmsten ist Rauchen. Das ist Teufelszeug. Werbeverbote und Präventionskampagnen sollen Jugendliche vor dem Einstieg in die Droge retten; dämliche Nikotin-Kaugummis, einschneidende Preiserhöhungen, drastische Bildchen und Warnungen auf den Zigaretten-Packungen sollen Rauchern ihr schändliches, gefährliches und gefährdendes Tun dauernd vor Augen führen. Weil aber die Empfehlungen wenig nützen, werden wir mit Verboten auf den «richtigen» Weg gezwungen. An eine gemütliche Friedenspfeife über die Sucht-Schützengräben hinweg ist leider nicht zu denken.

Die englischen Pubs präsentieren sich nun in ihrer unverschleierten Schäbigkeit und die Pariser Cafés sind diskussionsfreie Touristenzonen geworden. Doch noch ist nicht ganz Europa im Anti-Raucher-Imperium. Es gibt Oasen. Welch ein schönes Gefühl, in Prag (oder Wien) sich in einer Gaststätte ein Bier und einen Popelnik zu bestellen, sich zurückzulehnen, einen Schluck zu nehmen und dem Rauch zuzuschauen. Ein Gefühl aus einer anderen Zeit und Welt.

Aber vielleicht müssen wir Raucher bald weiter reisen. Wer in Asien unterwegs ist, kann sich mit einer Zigarette bei den alten Damen und Herren in Kathmandu, auf dem Markt in Hanoi oder in einem der «wilden» Busse in China leicht Kontakt verschaffen. Und im blauen Dunst stören die fehlenden Worte kaum.

Wörter wie Lebensfreude, Geselligkeit und Genuss sind mit den letzten Rauchschwaden aus unserem Blickfeld verbannt worden. Aber nein doch! Man versucht uns, neue Freuden schmackhaft zu machen: Genuss dank Verzicht. Lebensfreude dank veganer Askese. Und weils so spassig ist, lassen wir uns dazu animieren, uns mit lustigen Armbändern oder Uhren dauernd selber zu überwachen. Ob wir so viele Schritte, Trainingseinheiten oder Tiefschlafphasen geleistet haben wie vom Bundesamt für Gesundheit verordnet.

Die Gesundheitsfanatiker können nun also aufatmen. Ihre Luft ist rein. Rauchfrei zumindest. Der letzte resistente, öffentliche Raucher ist gestorben. Wie sie es vorausgesagt haben. Dumm nur für die Antiraucher-Lobby, dass Helmut Schmidt ihnen die Genugtuung nicht gegönnt hat, lungenkrank und jung zu sterben. Sondern in bester Verfassung und Klarheit 96 Jahre alt wurde. Und trotz Weisheit und gesundem Pragmatismus – oder gerade deswegen – nicht vom Rauchen liess.

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