Der grosse Steven Spielberg sprach einst aus der Seele jedes Filmemachers, als er sagte: «Ins Kino zu gehen ist ein Erlebnis, das sich durch nichts ersetzen lässt.» Ein Wort, das bald in der Mottenkiste landen könnte. Denn laut der Nachrichtenseite Bloomberg will Apple unseren Filmkonsum revolutionieren.

Das kalifornische Unternehmen führt derzeit ernsthafte Gespräche mit mehreren grossen Hollywoodstudios. Ziel: Neue Kinofilme sollen bereits nach rund zwei Wochen online in Apples iTunes-Shop gemietet werden können. Apple möchte damit zu Anbietern wie Netflix und Amazon aufschliessen und mit seinem lange vernachlässigten Videoangebot eine ähnlich starke Stellung erreichen, wie es sie mit iTunes bereits im Musikmarkt innehat.

Die Hollywoodstudios 20th Century Fox, Warner Bros. und Universal bestätigten Anfang Dezember, dass sie nach Möglichkeiten suchen, um ihre neuen Filme nach möglichst kurzer Zeit für den Heimkonsum anzubieten. Laut Bloomberg sollen dabei für die einmalige Miete eines Films Premium-Preise von 25 bis 50 Dollar anfallen. Das ist zwei bis drei Mal so viel wie der Preis eines durchschnittlichen Kinotickets.

Üblicherweise liegen zwischen der Kinopremiere eines Films und seiner Veröffentlichung für den Heimmarkt 90 bis 120 Tage. Diese Dauer ist ein geschütztes Zeitfenster, in dem die Studios den Kinobetreibern das exklusive Vorführrecht an ihren neuen Filmen zugestehen.

Warner ist interessiert
Bestreben, dieses Zeitfenster drastisch zu schmälern, gibt es schon seit Jahren. Die Filmstudios suchen nach neuen Wachstumsmöglichkeiten, weil sie Mehreinnahmen im Kino zuletzt mit teureren Tickets, aber kaum noch mit zusätzlichen Zuschauern erzielten. Bislang konnten sich die Betreiber grosser amerikanischer Kinoketten wie Regal oder Cinemark, die im Fall eines schmaleren Zeitfensters schmerzhafte Einbussen befürchteten, noch erfolgreich gegen solche Bestreben wehren.

Alexandra Sterk, Geschäftsführerin der Sterk Cine AG, bangt bei einer solchen Veränderung ums Geschäft: «Das würden wir ganz sicher spüren.» Die Familie Sterk ist seit 1912 im Kinogeschäft tätig und betreibt heute in der Region Baden/Wettingen insgesamt zehn Kinosäle. Alexandra Sterk sagt, sie habe von den Gerüchten um schnellere Heimveröffentlichungen gehört – und könne sie durchaus verstehen: «Für die Studios spielt es keine Rolle, woher am Schluss die Einnahmen kommen.»

Die Abschaffung des geschützten Zeitfensters für die Kinobetreiber wird nun konkret. Kevin Tsujihara, der CEO von Warner Bros., liess Ende November gegenüber Investoren verlauten, dass sein Studio derzeit zum ersten Mal «konstruktive Gespräche» mit Kinobetreibern führe, um gemeinsam an einem neuen, kürzeren Zeitfenster zu arbeiten. Laut Tsujihara würde ein solches Modell zwei Vorteile mit sich bringen. Erstens würde dem wachsenden Appetit der Konsumenten Rechnung getragen. Und zweitens würden Raubkopien praktisch überflüssig.

Beim zweiten Punkt widerspricht Sterk: «Raubkopien existieren oft schon, bevor ein Film überhaupt in die Schweizer Kinos kommt. In der Verwertungskette entstehen sie wohl schon zwischen Studio und Verleih, vielleicht direkt beim Studio.» Laut Bloomberg bestehen in Hollywood durchaus Bedenken, dass Apple seine Inhalte auf iTunes nicht hinreichend schützen kann. Das Tor steht deshalb auch noch für andere Anbieter offen.

Napster-Gründer wittert Chance
Für Sean Parker beispielsweise, den Gründer der ehemaligen Musiktauschbörse Napster. Parker hat bereits vergangenen März sein Projekt Screening Room angekündigt, ein Video-on-demand-Dienst, der neue Kinofilme nach zwei Wochen oder sogar schon am Tag der Premiere online anbieten würde. Parker brüstet sich damit, dass Screening Room im Gegensatz zu iTunes mit digitalen Wasserzeichen arbeitet, anhand derer sich Raubkopien bis zum Verursacher zurückverfolgen liessen.

Sicher ist: Wenn sich solche Modelle in den USA durchsetzen – Bloomberg beziffert das Aufkommen eines derartigen Diensts in den kommenden 18 Monaten als wahrscheinlich –, werden sie dereinst auch in die Schweiz überschwappen. Doch ist man wirklich dazu bereit, bis zu 50 Franken zu zahlen, nur um einen Film auf dem eigenen Sofa zu schauen? Kinobetreiberin Alexandra Sterk muss zugeben: «Bei Familienfilmen, bei denen der ganze Haushalt vor dem Fernseher sitzt, könnte das rentieren.»

Sterk sagt, es gebe Filme, die man nur im Kino schaue: «‹Star Wars› zum Beispiel. Die Hardcore-Fans wollen den Film am ersten Tag im Kino sehen.» Aber kann ein Kinobetreiber von den Afficionados und Hardcore-Fans allein leben? «Das ist die Frage», reflektiert Sterk. «Hat Apple überhaupt alle Filme? Im Arthouse-Bereich» – der von den Sterk-Kinos ebenso bedient wird wie die Blockbusterfilme – «wären die Einnahmen wohl zu gering.»

Nun, auch «Star Wars»-Fans werden weiterhin ins Kino strömen. Laut dem wöchentlich erscheinenden, gut informierten Branchenblatt «The Hollywood Reporter» ist Disney das einzige der grossen Hollywoodstudios, dass derzeit kein Interesse an einer Verkürzung des Zeitfensters zwischen Kinopremiere und Heimveröffentlichung hat. Kein Wunder: Disney hat gerade ein Rekordjahr hinter sich und mit Filmen wie «Captain America: Civil War» und «Rogue One: A Star Wars Story» über sieben Milliarden Dollar an den Kinokassen eingespielt. In den USA wurde dieses Jahr jedes vierte Kinoticket für einen Disneyfilm gelöst.

Soziales Erlebnis und Technik
Ganz totzukriegen sind die Filmpaläste also (noch) nicht. Und ausserdem: Wer nur vor dem Fernseher Filme schaut, verpasst etwas. «Das soziale Erlebnis fällt weg», sagt Alexandra Sterk. Und: «Die Technik. Nicht nur das grosse Bild, sondern auch der Ton. Zuhause hat man vielleicht eine Surround-Sound-Anlage, aber bestimmt kein Dolby Atmos. Dagegen kommt das beste Heimkino nicht an.» Das ist es wohl, was Steven Spielberg beschwor, als er das Kino einst zu einem unersetzlichen Erlebnis erklärte.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.