Essay

Alles ist Poesie, auch die Lyrics von modernen Songs! Warum der deutschsprachige Raum eine Lyrik-Revolution braucht

Inspirationsquelle für Gedichte:  Der Bahnhof, Ort des Abschieds und der Ankunft.

Inspirationsquelle für Gedichte: Der Bahnhof, Ort des Abschieds und der Ankunft.

Für ihre Gedichte hat Louise Glück den Nobelpreis erhalten. Doch Dichtung muss nicht elitär sein. Auch Lyrics sind Lyrik, schreibt Jürg Halter*.

Es war kurz nach einem wortlosen Abschied an einem kleinen, indiefilmreif verkommenen Bahnhof irgendwo in Frankreich, als ich, auf einer Bank sitzend, mein Notizbuch aufschlug und darin mit einem Billigkugelschreiber ein paar Verszeilen hinschrieb. Später im fahrenden Zug fügte ich noch weitere Zeilen hinzu, während in meinem Herzen Nina Simone sang.

Ein paar Wochen später schlug ich das Notizbuch an der Stelle wieder auf, kombinierte die Verse anders, strich einiges, stellte Worte um, neue kamen hinzu, und der erste Entwurf für ein Gedicht war fertig. Später wurde es unter dem Titel «Der Bahnhof» in meinem Gedichtband «Nichts, das mich hält» veröffentlicht:

Ich bin der Bahnhof,
in dem ich einst anzukommen gedenke.

Doch kippt mich
diese Vorstellung nicht mehr aus den Gleisen.

Ich bin die Landschaft,
ebenso wie ich der Zug bin, der an ihr vorüberzieht.

Sprunghaft wie ich bin,
weiss mein Herz morgens nie, in welcher
Brust es abends
zur Ruhe kommt.

Wie das Gedicht genau entstanden ist, könnte ich aber nicht erklären. Denn Gedichte schreiben sich im besten Fall von selbst. Man kann sie nicht erzwingen – hab ich soeben die Frage gehört, was mich denn inspiriere? Nun, ich könnte jetzt hochnäsig antworten: jedenfalls nicht diese Frage.

Einfach und freundlich gesagt: Alles kann mich inspirieren. Deshalb müsste der Titel dieses Essays richtigerweise lauten: Alles kann Poesie sein. Der Alltag ist voll von ihr, wenn man nur ein Auge, eine Nase, ein Ohr dafür hat. So war es schon immer. Im Anfang war also nicht Goethe, der Gedichte schrieb, die zahllose Schülerinnen und Schüler nach seinem Tod auswendig lernen mussten, bis sie mit Lyrik nichts mehr am Hut haben wollten. Nein, im Anfang war die Poesie selbst.

Telefonanbieter-Werbung kann zu Gedichten animieren

Doch was heisst Poesie? Wo liegt zum Beispiel die Grenze zwischen in Leinen gebundener Lyrik, die man in einem Ohrensessel still für sich liest, und Lyrics, die einem ungefragt, begleitet von einer eingängigen Melodie, in einem Laden zum Kauf einer Duftkerze oder eines Stücks Emmentaler animieren sollen?

In unserer schubladisierungsbesessenen Gesellschaft ist es nicht meine Aufgabe, darauf eine abschliessende Antwort zu geben. Im Gegenteil. Für mich ist diese Grenze fliessend oder sich manchmal gänzlich auf­lösend: Ein Song von Leonard Cohen ist ein sprechgesungenes Gedicht, eine schlecht getextete Telefonanbieter-Werbung kann zu einem Gedicht animieren, ein Stück von Polly Jean Harvey kann einem die Verzweiflung, die ein Krieg auslöst, näherbringen als ein erfahrener Kriegskorrespondent, der sich in toten Metaphern ausdrückt.

Auch die Grenze zwischen Kitsch und Lyrik ist durchlässig. Der Kontext macht die Poesie. Aus dem Spiel mit Klischees kann ein originelles Gedicht resultieren, aus dem unbewussten Verwenden derselben schlagertaugliche Liebeslyrik.

Aber das ist wiederum eine Frage der Perspektive sowie der Tiefe der Leseerfahrung: Wer sonst keine Gedichte kennt und Klassiker in der Schule nur mit Desinteresse hinnahm, ist etwa von der gegenwärtig erfolgreichsten deutschsprachigen Lyrikerin, Julia Engelmann, berührt, jemand, der viel und aufmerksam liest, erkennt in Engelmanns Gedichten nur eine Konzentration von lebensberatungsbestsellerseligen Binsenweisheiten und würde Engelmann, die bei ihren Anhänge­rinnen mit Zeilen wie «Du gewinnst schon, indem du versuchst» punktet, gar nicht erst als Lyrikerin bezeichnen. Schon weil sie aus der Poetry-Slam-Szene stammt.

Da wir schon beim Slam sind: Mit «Poetry» hat Slam kaum mehr etwas zu tun: Denn es wird meist bloss auf die nächst­liegende Pointe hin geschrieben. Böse gesagt: Poetry Slam ist mittlerweile Stand-up-Comedy für pubertäre Humoristen, die zu faul sind, ihre Texte auswendig zu lernen und unbewusst auf formal höchst konservative Ausdrucksmöglichkeiten setzen.

Doch gerade da liegt ein Problem der deutschsprachigen Lyrik: Einerseits Poetry-Slam-Texte, die nur am Rande etwas mit Poesie zu tun haben und für den schnellen Applaus geschrieben werden und andererseits die sogenannt ernsthafte Lyrik, weitgehend humorbefreit und selbst­referenziell, die kaum mit Publikum zu tun hat und vorab von anderen Lyrikschreibenden, Lyrikrezensenten und Lyrikpreisjurymitgliedern gelesen wird; die in nicht wenigen Fällen, einkommenstechnisch schlau, gleich alle drei Rollen in Personalunion bekleiden.

Das war nicht immer so. Früher gab es: Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Hilde Domin, um nur einige Lyrikerinnen und Lyriker zu nennen, die ein grosses Publikum fanden. Woran liegt dieses kleine Interesse an Gegenwartslyrik im engsten Sinne? An der Vermittlung oder an den Gedichten selbst? An beidem? Ist die Konkurrenz durch Slam, Comedy, Rap, Blogs, Netflix einfach zu stark geworden?

Auch Tweets können poetische Qualität haben

Im angelsächsischen Raum ist es anders: Da gibt es die Trennung zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur spätestens seit der Beat Generation nicht mehr in dieser Penetranz wie sie hier noch gelebt wird. Kae (vormals Kate) Tempest ist eine preisgekrönte eng­lische Lyrikerin, die ebenso als Rapperin erfolgreich ist, Pete Doherty wird als Sänger und als Dichter gefeiert, in Jim Jarmuschs schönem Film «Paterson» spielt ein Busfahrer die Hauptrolle, dessen Leidenschaft das Gedichteschreiben ist.

In den USA werden an Universitäten Rap- und Spoken-Word-Lyrics, etwa von Kendrick Lamar, Ursula Rucker oder Eminem, selbstverständlich als Lyrik besprochen. Die säuberliche Trennung von Lyrik und Lyrics sollte spätestens seit dem Nobelpreis an Bob Dylan obsolet sein. Hingegen ist die ­aktuelle Preisträgerin, Louise Glück, wiederum der konventionellen Hoch­kulturlyrik zuzurechnen. Wiederum andererseits: Einer der bedeutendsten Schweizer Lyriker ist Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda. Wäre die Schweiz die Welt, Endo hätte den Literaturnobelpreis längst erhalten.

Louise Glück Frischgebackene Nobelpreisträgerin für Literatur

Louise Glück Frischgebackene Nobelpreisträgerin für Literatur

Zur Erinnerung: Die alten Griechen begleiteten den Vortrag ihrer Verse für gewöhnlich mit einer Lyra (Ah! Daher der Begriff Lyrik!) oder Kithara – sie würden sich so wohl über die heutige strenge Definition von Lyrik im deutschsprachigen Raum wundern.

Doch Lyrik entsteht noch immer überall, auch wenn sie oft nicht als solche benannt wird. Etwa auf Twitter sind durchaus Alltagsbeobachtungen von hoher poetischer Qualität zu finden.

Überhaupt, wäre es nicht an der Zeit für eine Renaissance des Gedichts? Denn wir bilden die Gesellschaft der Konzentrationsbehinderten – ständig sind wir abgelenkt, unsere Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, also ideal für die Lektüredauer eines Gedichts.

Tragen Sie doch noch heute ein Gedicht an einer Haltestelle, im Zug oder mitten in einem Laden vor – Sie werden mit Fremden ins Gespräch kommen, mit denen Sie sonst kein Wort wechselten, und könnten gemeinsam der Frage nachgehen, inwieweit uns die Sprache der Poesie verbindet.

Schliessen möchte ich mit einem neuen Gedicht, das im Sommer entstand, nachdem ich keinen Schlaf fand und um Mitternacht meine Küche zu reinigen begann. Bei offenem Fenster schrieb ich danach unter dem Titel «Versinken» die Skizze zu folgendem, mittlerweile fertigem Gedicht – ob es Eingang in meinen nächsten Band finden wird?

Der Mond, hinter Wolken ein Fleck,
der beim Putzen übersehen wurde.

Durchs dunkle Wasser gleitet ein Schwan,
in meinem Rücken parkt ein Auto,
das Licht geht aus – ich schliesse die Augen.

Höre die Brandung rauschen,
mehr oder weniger,
weniger bis nichts.

*Jürg Halter , geboren 1980 in Bern, wo er meistens lebt. Halter ist Schriftsteller, Spoken Word Artist und Speaker. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Im Februar erscheint sein neuer Gedichtband «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann).

*Jürg Halter , geboren 1980 in Bern, wo er meistens lebt. Halter ist Schriftsteller, Spoken Word Artist und Speaker. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Im Februar erscheint sein neuer Gedichtband «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann).

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