Die Szene aus der SRF-Sendung «Literaturclub» hätte fast schon komödiantisches Potenzial, sofern sie für Moderator Stefan Zweifel anders ausginge. Diskutiert werden am 22. April die «Schwarzen Hefte» von Martin Heidegger. Dann sagt Kritikerin Elke Heidenreich diesen Satz: «Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.» Der Satz stehe nicht in dem besprochenen Band, entgegnet Zweifel sogleich. Nun folgt ein verbaler Schlagabtausch zwischen Heidenreich und Zweifel: «Doch.» – «Nein.» – «Doch.» – «Nein.» Bis sich Heidenreich vorbeugt und das Buch mit einem Knall auf den Tisch wirft. «Doch», sagt sie abermals, dieses Mal laut und resolut.

Inzwischen ist klar: Das Zitat ist erfunden, das sagt Heidenreich auch selber. Zweifel hingegen wurde vom SRF vom Moderator zurück zum Kritiker degradiert. Was bis heute fehlt, ist die Richtigstellung durch das SRF. Diese forderte Zweifel bei der Redaktion vergebens ein, daraufhin machte er die Sache publik. In seinem Schreiben verlangte Zweifel von der Redaktion die Richtigstellung, dass das Zitat falsch war. Und er will, dass Redaktionsleiterin Esther Schneider ausserdem die Verantwortung für den «Literaturclub» abgebe. Da SRF auf die zweite Forderung wenig überraschend nicht eingegangen ist, ist Zweifels Zeit beim Club nun vorbei.

Jetzt kommt SRF unter Druck. Bekannte Exponenten der Literaturszene stellen sich hinter Zweifel: Adolf Muschg will den Moderator zurück. Wie Muschg der «Schweiz am Sonntag» sagt, sähe er Zweifel, «wenn schon nicht mehr als Moderator, so zumindest als Kritiker» gerne in der SRF-Sendung zurück. «Zweifels Doppelrolle als Moderator und Kritiker ist eine Chance und nicht ein Nachteil für die Sendung.» Und Güzin Kar twitterte: «Ich möchte, dass Doris Knecht den Literaturclub moderiert, mit Sibylle Berg und mir als ständige Gäste in der Kritikerrunde.»

Die Geschichte schlägt bereits ennet der Landesgrenze Wellen: Für die «Süddeutsche» bleiben die Gründe des SRF für die Degradierung Stefan Zweifels unergründlich. Auch die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» spricht von einer «völlig überforderten Redaktion».

Und was macht das SRF? Es hüllt sich in Schweigen. SRF-Kulturchefin Nathalie Wappler ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar, Redaktionsleiterin Esther Schneider nimmt zwar den Anruf entgegen, will sich zum Fall aber nicht äussern und verweist für weitere Auskünfte an die SRF-Kommunikationsabteilung. Dort gibt die Projektleiterin Kultur, Nadine Gliesche, via Handy bereitwillig Auskunft. Später zieht sie das Gesagte aber zurück. Lediglich zwei Aussagen dürfen zitiert werden. «Wer die Juni-Sendung moderiert, entscheidet sich in den nächsten Tagen», ist die Antwort auf die Frage, wer die Sendung neu moderieren wird. Mitgeschickt wird die offizielle SRF-Stellungnahme. Damit sei alles gesagt.

Laut diesem SRF-Schreiben besteht zwischen der Diskussion um Elke Heidenreichs Heidegger-Zitat und der Absetzung von Stefan Zweifel kein Zusammenhang. Zweifel sei seiner Funktion als Moderator enthoben worden, weil «seine Leistung als Moderator nicht den Erwartungen von SRF entsprach». Darüber sei die Redaktion mit ihm «bereits seit dem 9. April 2013 im Gespräch». Da Zweifel seinen Verbleib im «Literaturclub» von der Forderung, Esther Schneider die Zuständigkeit für den «Literaturclub» zu entziehen, abhängig gemacht habe, «ergibt sich die Trennung als notwendige Konsequenz».

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