Von Benno Tuchschmid

AC/DC sitzen an einer Festbank in Utzenstorf BE und essen Bratwürste. «Das hier ist Angus Young», sagt Cliff Williams, der eigentlich Andreas «Res» Leuenberger heisst und im Abfallentsorgungs-Geschäft arbeitet. «Nur jünger und ärmer», antwortet Angus alias Gascha Mitrovic. Res und Gasha spielen nicht beim Original, doch sie sind Teil des Mythos AC/DC. Sie rocken in einer Coverband mit dem Namen DC/AC. Über 250 Konzerte kamen in den letzten Jahren zusammen. Das verlangt Opfer. Eine Ehe ging in Brüche. Die Band überlebte. Die originalen australischen Hardrockpioniere sind, wer sie sind, weil es auf der ganzen Welt Männer wie Res und Gasha gibt, die den eingängigen AC/DC-Sound leben. Und deshalb sind Res und Gasha eben wirklich AC/DC. Zumindest ein bisschen.

Doch heute geht es zum Original. Es ist Freitagmittag, vor dem Rock-Pub Mischu’s in Utzenstorf BE: Die Sonne brennt. Das Bier fliest. Der Car Richtung Letzigrund wartet bereits auf dem Parkplatz. Rund dreissig Fans stimmen sich auf das Konzert ein. Res zündet sich eine Zigarette an. «25», antwortet Res auf die Frage, wie viele AC/DC-Shows er schon besucht habe. Allein auf der aktuellen «Rock or bust»-Tour geht Res auf vier Konzerte. Auf der Schulter trägt er ein Tattoo von Angus Young. «Zum ersten Mal sah ich sie 1984 in Winterthur – und verpasste dann prompt den letzten Zug». Dafür seither kaum mehr eine Tour. 31 Jahre später spielen die Australier dieses Wochenende zweimal vor 48 000 Menschen, und den Zug wird Res nicht mehr verpassen: Er fährt dieses Mal mit dem regionalen Car-Unternehmen, das mit 11 Extrafahrten 550 Menschen aus dem ganzen Kanton Bern vors Stadion karrt.

96 000 Schweizer pilgern an diesem Wochenende an zwei Abenden ins Letzigrund zu AC/DC. Es ist die Show des Jahres. Das Publikum ist ein Querschnitt durch die Schweizer Gesellschaft. Volksfestatmosphäre. Man sieht Rocker in Biker-Kutten, Pensionäre in Tour-T-Shirts, Stadt-Jugendliche mit asymmetrischen Frisuren und Millionäre in Segelschuhen und apricotfarbenen Hosen. AC/DC sind längst Allgemeingut – Mainstream. Hits wie «Highway to Hell» gehören zum Kanon der Rock-Musik. Doch es gibt einen harten Kern, für die AC/DC mehr als ein paar eingängige Refrains, mehr als ein Programmpunkt in der Wochenend-Freizeitplanung sind. Es sind Typen wie Res und Gascha.

«Ehrlicher Rock ’n’ Roll, unangepasst und hart gespielt», das ist für ihn AC/DC. Musikkritiker schnödeten lange über deren «simple» Musik. André stösst dazu. Er ist Rhythmus-Gitarrist der Coverband: «Wenn du Gitarren-Stunden nimmst, kannst du die Akkorde in einem Jahr. Und nach 30 Jahren merkst du, dass du sie nicht beherrschst.» AC/DC spielt demokratischen Rock. Nachspielen können ihn fast alle, das gleiche Gefühl hervorrufen: niemand. Und wenn ein paar Stunden später Angus Young die unverkennbare Tonfolge von «Thunderstruck» anspielt und Brian Johnson mit seiner Kreissägen-Stimme die Worte «Thunder» (Donner) in den Zürcher-Abendhimmel schneidet, dann wird klar, was Res mit «ehrlich, «hart» und «unangepasst» gemeint hat. Die Welt hat sich AC/DC angepasst. Nicht umgekehrt.

Ehrlich und direkt sind auch Res, Gasha und ihre beiden Bandkollegen Rüedu, der Sänger (von Beruf «voll hane Büezer») und Gitarrist André. Sie kommen aus einer ähnlichen Gegend wie ihre Vorbilder. Arbeiter-Milieu. Der Proberaum steht in Kirchberg BE. Gerlafingen mit dem Stahlwerk ist nah. In Utzenstorf steht die Papierfabrik. Wie lange noch, fragen sich die Leute. Die guten Zeiten sind vorbei. «Reich wirst du hier nicht mehr», sagt Res. Der Bus-Chauffeur nebenan nickt.

Die guten Zeiten waren auch in Schottland um, als die Brüder Young 1963 mit ihren Eltern aus Glasgow, Schottland, nach Australien auswanderten. AC/DC kommen aus einfachen Verhältnissen und unterstreichen ihre Herkunft bis heute. Weniger mit Worten. Die Australier sind keine politische Band. Mehr optisch. Sänger Brian Johnson trägt auf der Bühne eine Schirmmütze, die er einst als Autofabrik-Arbeiter zum Schutz vor Schmutz anzog. Und im Verhalten merke man es, wie Res erzählt: Mit ihnen könne man ein Bier trinken. «Die sind wie wir.» Im Jahr 2000 traf er die Band nach einem Konzert in Boston hinter der Bühne, weil er vor dem Konzert genug lang am richtigen Ort herumlungerte («Richtige Fans wissen, wie sie an AC/DC rankommen»). Das Treffen hat die Band für Res noch grösser gemacht: «Sie schüttelten allen die Hände und haben gefragt, woher wir kommen.»

Dass nicht alle mit dem Erfolg umgehen können, weiss auch Res. Der langjährige Schlagzeuger Phil Rudd wartet in Neuseeland auf eine Anklage. Er soll versucht haben, einen seiner Mitarbeiter töten zu lassen. Auch der Chef der Band, Malcolm Young, steht nicht mehr auf der Bühne. Er ist an Demenz erkrankt. Sie würden die Unterschiede zur Original-Besetzung hören, sagt Gasha. «97 Prozent hören es nicht.»

So lange Lead-Gitarrist Angus Young und Sänger Brian Johnson sich noch auf den Bühnen der Welt halten können, leben AC/DC für Res, seine Kumpels und den Rest der Welt weiter. Jedes Mal, wenn man im Letzigrund glaubt, den kleinen, alten Männern ihr Alter langsam anzusehen, dann packen sie ein Brett aus, und Angus Young jagt wie ein Derwisch über die Bühne.

«Ich denke, das könnte das letzte Konzert sein, das wir sehen», sagt DC/AC-Sänger Rüedu. Res dreht sich um und sagt: «Wenn ich das noch einmal höre, dann läufst du nach Hause.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper