Für die Schweizer Kinobranche war 2014 ein Trauerspiel. Um bis zu 10 Prozent liegen die Eintrittszahlen unter dem Vorjahr. Es droht das schlechteste Kinojahr seit Jahrzehnten (die «Schweiz am Sonntag» berichtete). Doch während die Zahlen 2014 mies wie George Clooney als Batman sind, so steht das neue Jahr unter ganz anderen Hollywood-Sternen. Denn die US-Traumfabrik fährt schweres Blockbuster-Geschütz auf. Ein Heer von Publikumsmagneten steht in den Startlöchern.

Dabei stammt der designierte Überflieger 2015 nicht einmal aus den USA, sondern aus England. Am 29. Oktober werden die drei Ziffern 007 wieder für Schlangen an den Kassen sorgen – ein mittlerweile selten gewordenes Bild in den Kinofoyers. James Bond bestreitet in «Spectre» sein 24. Abenteuer. «Skyfall», die Nummer 23 aus dem Jahr 2012, zu toppen, dürfte schwierig werden. Denn «Skyfall» von Regisseur Sam Mendes («American Beauty») war der erfolgreichste Bond aller Zeiten – weltweit und auch in der Schweiz.

Kein Wunder, sagten sich die Produzenten: Never change a winning team. Auf dem Regiestuhl nimmt erneut Mendes Platz, Daniel Craig mimt den smarten Agenten und wird von Ralph Fiennes in der Rolle des M unterstützt. Neu an Bord sind die italienische Femme fatale Monica Bellucci («Malèna»), der französische Shootingstar Léa Seydoux («La Vie d’Adèle») und der zweifache Oscar-Preisträger und geborene Schurke Christoph Waltz («Inglourious Basterds», «Django Unchained»), der seinem Vorgänger Javier Bardem in charmanter Boshaftigkeit in nichts nachstehen wird.

Darüber, dass Bond in der Jahresbilanz 2015 ganz oben stehen wird, besteht kein Zweifel. Denn in der Schweiz kann sich der Superagent auf eine besonders treue Fangemeinschaft verlassen. Seit den 90er-Jahren, als Pierce Brosnan das Zepter übernahm, verzeichnete jeder Bond-Streifen mehr als 700 000 Zuschauer. «Skyfall» ist mit 1,2 Millionen gar der dritterfolgreichste Film aller Zeiten in der Schweiz.

Die Aargauer Kinobetreiberin Alexandra Sterk erklärt sich die Verbundenheit so: «Die Mutter von James Bond stammt aus der Schweiz, viele Dreharbeiten fanden hier statt. Und dann ist da Ursula Andress als erstes Bond-Girl in «Dr. No.» Sterk erwartet ähnliche Besucherzahlen wie 2012, wenn auch nicht ganz so hohe. «‹Skyfall› war ein Jahrhundertphänomen», sagt sie.

Ebenfalls sichere Werte sind das Animations-Spinoff «Minions» (2. 7.) mit den gelben Wichteln aus den beiden «Despicable Me»-Filmen, der finale Teil von «The Hunger Games» (19. 10.), und Ende Jahr die Neuauflage der Star-Wars-Reihe mit «The Force Awakens» (17. 12.). Aus Schweizer Sicht darf man gespannt sein auf «Schellen-Ursli» (15. 10.) von Xavier Koller und Alain Gsponers «Heidi» (3. 12.).

Bei zwei Hoffnungsträgern können die Kinobetreiber die Korken noch nicht knallen lassen. Fragezeichen 1: «Fifty Shades of Grey». Die Erotik-Trilogie, die im Buchhandel wie warme Weggli verkauft wurde, schafft den Weg auf die Grossleinwand. Der erste Teil startet am 12. Februar. Schaut man allein auf die Anzahl verkaufter Bücher (70 Millionen!), müsste der Sadomaso-Film ein Strassenfeger werden. Doch schon beim Bücherverkauf spielte die Scham eine grosse Rolle: Viele Leseratten besorgten sich den Trash-Roman als E-Book im anonymen Onlineshop. Fragt sich, ob sich jeder angetörnte Buchkäufer auch ein Kinoticket kauft – oder sich den Film später im On-demand-Heimkino runterholt. Also downloadet.

Fragezeichen 2: «Jurassic World». Am 11. Juni kehren die Dinosaurier zurück. 22 Jahre ist es her, seit Steven Spielberg den T-Rex auf das Kinopublikum losliess. Der Dino-Hype war enorm. Doch dann folgten zwei Fortsetzungen, von denen vor allem die zweite enttäuschte. Das Publikumsinteresse liess nach. Und der Wow-Faktor bei den Spezialeffekten ist heute nicht mehr so gross wie 1993. Zudem hat Produzent Spielberg den Regiestuhl einem Küken namens Colin Trevorrow überlassen.

Trotzdem: Nach dem Flopjahr 2014 darf die Kinobranche nächstes Jahr aufschnaufen. «Ich rechne mit mindestens 10 bis 15 Prozent mehr Eintritten», sagt Umberto Tedeschi, Programmdirektor vom Branchenprimus Pathé. «Das Line-up ist wirklich einmalig.» Und wenn der Boom wider erwarten ausbleibt? «Dann müsste sich die Schweizer Kinobranche fundamentale Fragen stellen in Bezug auf das Konsumverhalten ihrer Kundschaft.»

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