Seit dieser Woche glaube ich wieder an Wunder: Herr Freimüller hat angerufen und sich doch tatsächlich für all die «umfangreichen und interessanten Informationen zu den Solothurner Wahlen» bedankt. Für einmal ein Leser (Frauen stehen über solchen Sachen), der sich nicht bloss meldet, weil ein Buchstabe fehlt oder die dritte Zahl hinter dem Komma nicht korrekt ist. So weit, so schön, doch Freimüller beschäftigte darüber hinaus etwas: Er wisse halt immer noch nicht, in welcher Zusammensetzung die Solothurner Regierung die kommenden anspruchsvollen Jahre am besten bewältigen werde. Freimüller wird damit nicht alleine sein. Wer weiss das denn schon? Es bleiben Hoffnung und Zuversicht, gepaart mit einigen Fakten.

Wähleranteil nicht entscheidend

Das letzte Mal wählen durfte man im Kanton 2013. Damals schafften es zwei Kandidaten der FDP in die Regierung. Das ist nachvollziehbar, entschieden sich doch 24,8 Prozent aller Wählerinnen und Wähler für diese Partei. 20,2 Prozent setzten auf die SVP – für die Exekutive reichte es trotzdem nicht. Mit 19,1 Prozent Wähleranteil schafften die Sozialdemokraten immerhin einen Sitz. Ganz anders die CVP, die mit lediglich 18,4 Prozent Zuspruch gleich zwei Rolands ins Rathaus schicken konnte. Angesichts dieser Werte erscheint es schon beinahe kühn, wenn nun gar die Grünen mit damals 7,7 Prozent und die Grünliberalen mit 5,3 Prozent den vier grossen Parteien einen Sitz in der fünfköpfigen Regierung abluchsen wollen. Richtig ist es trotzdem. Das sollen sie ruhig versuchen.

Es belebt unsere Demokratie, und schliesslich ist nichts unmöglich. Wir erinnern uns: Vor vier Jahren stand die Grüne Brigit Wyss mit einem Bein in der Regierung. Man(n) schubste sie dann im zweiten Wahlgang zwar noch raus, aber die Differenz zum schlechtesten Gewählten war nicht die Welt. Nun will es die Ex-Nationalrätin und ehemalige Bundesratskandidatin nochmals wissen. Den hungrigsten Eindruck der fünf Neuen macht sie zwar nicht, aber bei ihr wissen die Wählerinnen und Wähler, woran sie sind. Ein gutes Resultat ist zu erwarten – doch die Erfolgsaussichten sind geringer als beim letzten Mal. Obwohl, bei Majorz-Wahlen machen Persönlichkeiten das Rennen. Zudem spielt das Geschlecht mit, ebenso regionale Befindlichkeiten. Letzteres spricht wiederum nicht für sie.

Wichtig: Gewählte sollten ein Departement nicht nur führen lassen können. Dazu gehören ein gut gefüllter Wissensrucksack, aber auch Sozialkompetenz und die Bereitschaft, das Kollegialitätsprinzip zu achten. Ein Mindestmass an Eloquenz und Kommunikationswillen kann helfen, Hürden abzubauen. Das sind hohe Ansprüche, keine Frage, aber es geht schliesslich um ein besonderes Amt. Und deshalb sieht die Zusammensetzung unserer Regierung anders aus, als es die vorgängig erwähnten Wähleranteile suggerieren (kommende Verschiebungen noch nicht berücksichtigt).

Das sind die Aussichtsreichsten

Freimüller erwies sich als hartnäckig: Er fragte nach der Leistungsbilanz der drei Bisherigen, also Remo Ankli, Roland Fürst und Roland Heim. Diese erübrige sich, weil deren Wiederwahl nicht zur Diskussion stehe, so unsere Einschätzung. Er solle sich auf die zwei Vakanzen konzentrieren. Dazu lieferten wir den Hinweis, dass er gute Chancen habe, auf der Seite der Wahlgewinner zu sein, wenn er auf die akkurate FDP-Frau Marianne Meister und die souveräne Sozialdemokratin Susanne Schaffner tippe. Nicole Hirt von den Grünliberalen dagegen sei Teil des Wahlkampfes – Teil der künftigen Regierung werde sie nicht sein.

Somit verbleibt Manfred Küng von der SVP. Dessen Partei wird bei Regierungsratswahlen ab und an gedemütigt. Im Kanton Solothurn bereits mehrfach. Der Kriegstetter Gemeindepräsident will den Bann nun brechen. Verständlich, der SVP ist rein rechnerisch ein Sitz zuzusprechen. Doch die Frage drängt sich auf: Wäre Küng eine Bereicherung oder eher eine Belastung für das Gremium? So hat er unlängst in einem Zeitungsartikel irritierend viel Verständnis für die russische Intervention auf der Krim gezeigt. Eine zumindest sonderbare Haltung. Zudem scheint ihm zu gefallen, wie der amerikanische Präsident unliebsame Medien desavouiert und verbal auf sie einprügelt. Wird also ausgerechnet ein Putin-Versteher und Trump-Nachahmer bei der mehrheitlich liberal gesinnten Solothurner Bevölkerung erstmals für die SVP punkten können?

Freimüller hatte übrigens das Telefongespräch abrupt beendet. Er wollte unbedingt vor Geschäftsschluss seine Wochenendreise vom 12. März nach Lissabon stornieren. Diese Solothurner Wahlen wolle er jetzt unbedingt hautnah miterleben. Verständlich, es liegt mehr Spannung in der Luft, als ursprünglich zu erwarten war.

theodor.eckert@azmedien.ch