«Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.» Das Bonmot stammt von Benjamin Disraeli, der im 19. Jahrhundert zweimal britischer Premierminister und ein erfolgreicher Schriftsteller war. Nach dem Erfolg der EU-Gegner in Grossbritannien und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten schien es, als würde ein Land nach dem anderen von den sogenannten Rechtspopulisten erobert. Linksliberale Leitartikler fürchteten das «Ende Europas» («Süddeutsche Zeitung»), sollte in Österreich der FPÖ-Politiker Hofer zum Bundespräsidenten gewählt werden, in Holland der Islam-Kritiker Geert Wilders die Wahlen gewinnen und schliesslich Marine Le Pen französische Präsidentin werden. Protestpolitiker aller Länder schienen auf einer unaufhaltsamen Erfolgswelle zu surfen.

Es mag sein, dass die Menschen gern dort sind, wo der Erfolg ist. Sie stehen lieber auf der Seite der Gewinner. Als die SP zu Beginn der 2000er-Jahre im Aufwind war, erklärte sie der damalige Parteipräsident zur «Sieger-Partei»; dieses Etikett sollte anziehend wirken. Politologen haben herausgefunden, dass Abstimmungs-Umfragen die Bürger dahingehend beeinflussen können, dass sie im Zweifelsfall so abstimmen, wie es die erwartete Mehrheit tut.

Doch es gibt in der Gesellschaft nicht nur das Phänomen «Erfolg zieht Erfolg an», sondern auch einen gegenteiligen Reflex. Wenn ein Politiker, eine Partei oder eine Bewegung zu erfolgreich wird, weckt das Widerstandskräfte. In der Schweiz ist dieser Effekt ausgeprägt: Zu viel Erfolg macht misstrauisch. Hier soll nichts und niemand zu stark werden. Selbst der erfolgsverwöhnten SVP ist es misslungen, die 30-Prozent-Marke zu knacken. An der Urne brachte sie zwar die Ausschaffungs- und die Masseneinwanderungsinitiative durch, doch dann wollte sie zu viel – und scheiterte mit ihrer Durchsetzungsinitiative spektakulär. Genug ist genug, sagte das Volk.

«Trump-Methoden führen in Europa nicht zum Sieg»

Nordwestschweiz-Chefredaktor Patrik Müller im Videokommentar über die Wahlen in Holland. (16. März 2017)

Widerspruch in sich selbst

Möglicherweise erleben wir zurzeit auf europäischer Ebene eine grössere Gegenbewegung zur Trump- und Brexit-Welle. Der Narzisst und Anti-Politiker Trump ist in den USA mehrheitsfähig, doch sein Erfolg wirkt auf Europäer nicht anziehend, sondern abstossend. Ist es Zufall, dass seit seiner Wahl in Amerika die europäischen Trumps – rechte Nationalisten mit linkem Einschlag in der Wirtschaftspolitik – nur noch verloren haben? In Österreich scheiterte der FPÖ-Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl letztlich deutlich, in Holland blieb der Durchmarsch von Geert Wilders aus, und die «Alternative für Deutschland» (AfD) ist in den Umfragen zurückgefallen.

Europa ist nicht Amerika. Le Pen und die AfD-Spitze haben Trumps Wahl im November 2016 bejubelt, in der irrigen Annahme, sie könnten davon profitieren und sein Erfolg wirke über die Landesgrenzen hinweg ansteckend. Ein Denkfehler, der auch vielen Kommentatoren in den Medien unterlief, die unentwegt vor der «rechtspopulistischen» Gefahr warnten und schon die Demokratie am Ende sahen.

Dass nationalistische Bewegungen sich international vernetzen und mit ihren Erfolgen gegenseitig befeuern, ist ein Widerspruch in sich selbst: Sie stellen ja ihr eigenes Land und den Nationalstaat ins Zentrum, sind gegen EU und Globalisierung. Wie sollten sie da glaubwürdig Internationalismus in eigener Sache betreiben? Eine der wenigen Rechts-Parteien in Europa, deren Chefs diesen Denkfehler vermieden haben, ist die SVP. Christoph Blocher warnte seine Leute stets davor, die Nähe zur FPÖ oder zum Front National zu suchen; die Devise «Mischt euch nicht in fremde Händel» gilt für ihn auch für das Verhalten seiner Parteigenossen. Nur wenige hielten sich nicht daran. Der Bekannteste davon ist Oskar Freysinger, der die Nähe etwa zu Geert Wilders suchte. Das Walliser Stimmvolk hat ihn vor wenigen Wochen aus dem Staatsrat abgewählt.

Trump als Wahlhelfer der Linken

Trump erweist sich mehr und mehr als Pyrrhussieg für Europas Rechte. Er mobilisiert nicht das rechte Elektorat, sondern linke und liberale Gegenkräfte. Im Kleinen sehen wir das auch in der Schweiz: Nebst dem Fall Freysinger fällt auf, dass die Grünen bei den jüngsten Kantonswahlen ihren langjährigen Abwärtstrend gestoppt und wieder zugelegt haben. «Wir profitieren vom wachsenden Antitrumpismus», erklärte der ehemalige grüne Nationalrat Jo Lang.

Ob sich die linksliberale Gegenbewegung am Sonntag auch an den französischen Präsidentschaftswahlen offenbart, bleibt abzuwarten. Doch im ersten Wahlgang landete Marine Le Pen, anders als von ihr selbst und vielen Beobachtern erwartet, nicht auf Platz eins, sondern hinter Emmanuel Macron, dem jungen, liberalen EU-Freund. Eben noch hat Le Pen den Zeitgeist verkörpert, nun ist es Macron, der keine traditionelle Partei hinter sich weiss, sondern die eigene Organisation «En Marche», die wohl nur als Gegen-Bewegung zum Front National überhaupt entstehen konnte. Alles deutet darauf, dass er Frankreichs neuer Präsident wird. Es wäre der Beweis, dass zumindest in Europa die Protest-Politiker an ihre Grenzen gestossen sind.

Abgeschrieben sind sie deswegen noch lange nicht. In Frankreich wird entscheidend sein, ob ein Präsident Macron die riesigen Probleme, die das Land hat, angeht und wirklich lösen kann. Scheitert er – vielleicht auch, weil ihm eine echte Partei im Rücken fehlt –, wird sich der Zeitgeist sehr schnell wieder wenden. Marine Le Pen ist erst 48, sie könnte auch in fünf Jahren noch Präsidentin werden.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch