Wie verbringt eine Ärztin, ein Lehrer, eine Krankenpflegerin oder ein Kinderbetreuer in einer Krippe den Arbeitsalltag? Das Ideal wäre: Sie wenden ihre Zeit vorwiegend für die Menschen auf. Für die Patienten, Schülerinnen, Kinder. Schliesslich handelt es sich um soziale Berufe, die man – hoffentlich – ergreift, weil man gern mit Menschen arbeitet.

Dass diese Vorstellung mehr und mehr zur Illusion wird, zeigte diese Woche eine Studie am Beispiel der Assistenzärzte, die am Kantonsspital Baden durchgeführt wurde. Nur gerade 94 Minuten kann sich ein Assistenzarzt der Inneren Medizin pro Tag Zeit nehmen, um sich am Bett um die Patienten zu kümmern. Magere eineinhalb Stunden also, bei einem Arbeitstag von oft zehn oder gar zwölf Stunden. Deutlich mehr Zeit erfordern hingegen administrative Aufgaben, wie die Beschaffung von Berichten und Material (zum Beispiel Röntgenbilder), Dokumentationen für den nachbehandelnden Arzt, das Nachführen von Patientenakten, aber auch die Kommunikation mit den Angehörigen des Patienten. Natürlich sind all das auch wichtige Aufgaben, die ebenfalls dem Patienten zugutekommen. Aber das Verhältnis ist eklatant: Der direkte Kontakt mit den Kranken macht nur etwa ein Sechstel eines Arbeitstages aus.

Die Studie wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das auch andere soziale Berufe betrifft. Endlich! In der Privatwirtschaft wird seit Jahren geklagt über die überbordende Bürokratie. Gewerbebetriebe leiden unter der Mehrwertsteuer-Administration, Restaurantbetreiber unter der Lebensmittelverordnung, Grossbanken ächzen unter der nationalen und internationalen Regulierung. In Bundesbern wird dies oft als Gejammer abgetan und unbeirrt weiter legiferiert. In den letzten zehn Jahren ist die Rechtssammlung des Bundes um fast einen Viertel auf nunmehr fast 70 000 Seiten angewachsen, wie am Swiss Economic Forum vorgerechnet wurde. Die Klagen der Unternehmer kommen also nicht von ungefähr.

Verwaltung als Job-Maschine

Immerhin wird diese Last der Privatwirtschaft in der Politik inzwischen zum Thema gemacht. Ganz anders bei den sozialen Berufen. Dabei wären bei ihnen eine Vereinfachung und Verwesentlichung besonders wichtig. In der Regel geht es um Staatsangestellte. Durch den Trend, jeden Arbeitsschritt zu dokumentieren, fehlt ihnen einerseits – und das ist das Hauptproblem – die Zeit für die Patienten oder die Schüler. Und andererseits schafft der Staat dadurch laufend neue Stellen, welche den Zusatzaufwand bewältigen sollen, damit die Mitarbeiter an der Front zumindest ein bisschen entlastet werden. Diese neuen Stellen zahlen wir mit den Krankenkassenprämien oder Steuern.

Das Ausmass ist statistisch belegt. Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger bezeichnete das Gesundheits- und Sozialwesen in der NZZ als «absolut wichtigste Job-Maschine». Dort erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten von 2008 bis 2016 um mehr als 100 000 Personen. Nach diesem Sektor wächst ebenfalls eine staatliche Branche am schnellsten: Im Bereich Erziehung und Unterricht entstanden im selben Zeitraum 60 000 Stellen. Diese Zunahme liegt nicht bloss im Bevölkerungswachstum begründet – das zum Grossteil eine Folge der Einwanderung ist –, sondern eben auch darin, dass die sozialen Berufe immer mehr Vorschriften erfüllen und dokumentieren müssen, weshalb in ihren übergeordneten Bereichen, also in der Verwaltung, besonders viele Stellen entstehen.

Es ist eine Entwicklung, die alle unglücklich macht: Die Patienten und Schüler, die Prämien- und Steuerzahler und nicht zuletzt diejenigen, die den Beruf ausüben. Altenpflegerin wird nicht, wer gern Formulare ausfüllt (heute muss in den Heimen jede Handreichung dokumentiert werden), sondern wer den Umgang mit Senioren mag. Analoges gilt für Krankenschwestern und Kinderbetreuer. Am Ende fehlt ihnen die Zeit für die Menschen, um die es doch geht – und das macht unzufrieden.

Das Kantonsspital Baden will die Assistenzärzte nun entlasten, indem diese mehr Aufgaben delegieren sollen. Das ist nötig, aber letztlich Symptombekämpfung. Dann braucht es einfach mehr administratives Personal. Man sollte bei der Wurzel ansetzen: Die Aufgaben und Abläufe müssten vereinfacht werden. Doch das liegt zu einem grossen Teil nicht in der Macht der Spitäler (oder Schulen oder Krippen), sondern beim Gesetzgeber oder den von diesen beauftragten Behörden.

Dass alles komplizierter wird, liegt auch nicht an den Behörden per se, sondern an einer Grundeigenschaft von Menschen in entwickelten Gesellschaften: der Risikoaversion. Wir wollen alles absichern. Banken dürfen nicht mehr Konkurs gehen können. Krankenpfleger müssten jedes Aspirin, das sie verabreichen, protokollieren. In der Kinderkrippe muss für jedes Bobo ein Bericht erstellt werden. Dieses Sicherheitsstreben soll zu Fehlerfreiheit führen, die es nicht gibt, und mündet stattdessen in Regulierung. Eine unheilvolle Entwicklung, die im Einzelfall verständlich ist, unserer Gesellschaft aber schadet.

patrik.mueller@schweizamwochenende.ch