Von Gilles Jenni (13 Jahre)

Ausläufer des Hurrikans Gonzalo fegten in der Nacht auf den letzten Mittwoch mit Windböen von bis zu 185 Stundenkilometern durch die ganze Schweiz. Nur unsere Katze Lucy zeigte am Morgen darauf Freude am Schnee, den der Sturm uns gebracht hatte. Ich zu Beginn ja auch, aber nur genau so lange, bis ich das Postauto, das mich hätte pünktlich zum Schulbeginn um 7.15 Uhr in die Schule fahren sollen, verpasste.

Also rannte ich die Strecke vom Postplatz nach Hause zurück, um mein Velo zu holen. Denn was blieb mir anders übrig, als mit dem Drahtesel den sieben Kilometer langen Schulweg den Berg hinunter «in die Pedale» zu nehmen? Meine Mutter zu fragen, ob sie mich mit dem Auto in die Schule bringen würde, kam für mich nämlich absolut nicht infrage. Denn: Selbst ist ja der Mann!

Bei uns oben, im Dorf Sarn, auf 1300 Meter über Meer, lag zu dieser Zeit etwa vier bis sechs Zentimeter Neuschnee. In Tartar, auf 1200 Meter Höhe, hatte es zwei bis drei Zentimeter Pflotsch, durch den ich mich mit dem Mountainbike kämpfen musste. Bei der gefährlichen glitschigen Fahrt dachte ich: «Nur nicht zu spät kommen! Bitte nicht!» Bei uns in der Schule haben wir nämlich so ein blaues Büchlein, in dem alle unsere Missetaten wie Hefte und Bücher vergessen – oder das Erledigen von Hausaufgaben –, und eben das zu spät in die Schule kommen, fein säuberlich aufgeführt und nach dreimaligem Vorkommen von den Eltern unterschrieben werden müssen und es erst noch als Strafe eine Arbeit gibt.

In hohem Tempo ging es den Berg hinunter. Vom Downhillen her bin ich es mir ja gewohnt, rassig und aggressiv zu fahren. Unter der Siedlung Valeina, auf etwa 800 Metern, ging das Schneetreiben gar noch in Regen über. Und das Postauto war nirgends mehr zu sehen. Also musste ich noch mehr Tempo geben, trotz der sehr rutschigen Strasse.

Bei der Haltestelle «Hotel Reich» in Summaprada, unten im Tal, etwa einen Kilometer vom Schulhaus entfernt, das auf 660 m über Meer liegt, sah ich das Postauto warten. Also hatte ich doch noch eine Chance, rechtzeitig die Schule zu erreichen.

Bei der Schule angekommen, war ich von oben bis unten nass. Ich stellte mein Velo in den Veloständer, kettete es an und löschte hinten und vorne das Licht. Beim Schulhaus-Eingang standen schon die älteren Schüler. «Was ist denn mit dir geschehen?», wollte Pedro wissen. Ich achtete nicht auf ihn, weil ich zu dieser Zeit immer noch dachte, ich sei zu spät. Denn niemand aus meiner Klasse war mehr da.

An meinem Garderoben-Platz tropfte meine Jacke. Da läutete es zum ersten Mal ein. So erreichte ich das Klassenzimmer noch vor dem zweiten Gong. Geschafft! Natürlich wollte der Lehrer wissen, wieso ich so nass sei. Ich erzählte ihm und der Klasse kurz mein Erlebnis vom frühen Morgen. Begeistert meinte er: «Das gibt doch eine prima Geschichte, die du gerade in dieser Stunde schreiben kannst, einfach so, wie dir die Gedanken einfallen.»

Während des Schreibens ist mir dann wirklich eingefallen, dass wir zum Glück am Vorabend, kurz bevor der Sturm zu wüten begann, die Mutterkühe mit ihren noch kleinen Kälbern von der Weide in den Stall geholt hatten.

Jetzt sitze ich im Schulzimmer und schaue auf den Heinzenberg hinauf, der oberhalb Valeina schön weiss mit frischem Schnee bedeckt ist. Man sieht nicht bis nach oben auf die Präzer Höhe, weil es neblig ist. Und weil meine Kleider noch nicht trocken sind, fröstle ich leicht.

In der Zwischenzeit ist es wieder hell geworden und man sieht die grünen, immer noch saftigen Wiesen neben dem Schulhaus. Ein Trost bleibt mir: Wenigstens kam ich rechtzeitig in die Schule, das haben nicht einmal die Ausläufer des Hurrikans Gonzalo verhindern können!

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper