Darf man Geheimnisse verraten? Seit Edward Snowden ausgeplaudert hat, dass sein Ex-Arbeitgeber, ein amerikanischer Geheimdienst, weltweit Computer anzapft, diskutiert die ganze Welt über diese Frage. Auch in der Schule oder zu Hause ergeben sich Situationen, in denen man sich entscheiden muss: Soll ich reden oder soll ich schweigen? Denn nicht jeder, der ein Geheimnis verrät, wird wie Edward Snowden als «Whistleblower» (Aufdecker, Hinweisgeber) gelobt. Wer Klassenkollegen beim Lehrer oder die Schwester bei den Eltern verrät, wird unter Umständen als «Täderlichatz», «Rätschbäse» oder als «Petze» kritisiert. Warum ist das so? Wann ist es fair, jemanden zu verraten? Peter Schaber ist Professor für angewandte Ethik. Er hat für uns drei Beispiele analysiert:

Herr, Schaber, Urs geht mit Paul und Andreas zur Schule. Paul verprügelt in der Pause immer wieder Andreas. Dieser kann sich nicht wehren und traut sich nicht, es der Lehrerin zu gestehen. Soll Paul es ihr sagen?
Peter Schaber: Urs muss unbedingt zur Lehrerin gehen. Tut er es nicht, macht er sich mitschuldig am Leid, das Andreas widerfährt. Denn Andreas hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Alle müssen sich dafür einsetzen, dass er dieses Recht auch bekommt.

Anna sieht ihre grosse Schwester beim Rauchen hinter dem Schulhaus. Dabei haben es die Eltern strengstens verboten. Soll sie es zu Hause erzählen?
Rauchen ist nicht gut. Und auf die Eltern sollte man hören. Trotzdem sollte Anna nicht petzen. Das wäre unfair gegenüber ihrer Schwester. Denn es handelt sich um eine Abmachung zwischen Annas Schwester und den Eltern. Wenn es Anna stört, dass ihre Schwester sich nicht an das Verbot hält, sollte sie direkt mit ihr sprechen. Bevor man jemanden verrät, sollte man überlegen, ob man dafür auch zuständig ist und ob das Problem nicht anders gelöst werden kann.

Philippe merkt in der Prüfung, dass seine Kollegen spicken. Er findet das ungerecht. Soll er es dem Lehrer sagen?
Hier ist die Sache weniger klar. Philippes Freunde verhalten sich nicht korrekt, auch wenn anderen kein direkter Nachteil entsteht. Philippe könnte sich auch denken: «Die strafen sich selber, wenn sie nichts lernen.» Wenn Philippe zur Lehrerin geht, wäre das allerdings auch in Ordnung.

DIe Beispiele zeigen: Es ist nicht immer eindeutig, ob man zur Lehrerin oder zu den Eltern gehen soll, wenn sich jemand nicht korrekt verhält. Professor Schaber kennt einen Trick: «Stellt euch die Frage, ob es schlimm wäre, wenn die Sache, die ihr wisst, nicht rauskäme. So erkennt ihr, ob es sich um eine Kleinigkeit handelt oder ob die «Täter» nicht ungeschoren davonkommen dürfen. Zudem sollte man nicht andere verraten, nur um selber einen Vorteil zu bekommen.
Denn dort liegt der grosse Unterschied zwischen einem «Whistleblower» und einer Petze: Der «Whistleblower» will eine Ungerechtigkeit verhindern, die Petze will vor allem jemandem schaden oder selber profitieren.

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