Von Daniela Andreoli (15 Jahre)

Vor zwei Jahren habe ich von dem Bauern, der einen Teil unseres Landes bewirtschaftet, zum Geburtstag eine kleine Ziege bekommen. Sie lebt nun in einer Gruppe mit zirka fünfzehn Tieren. Im Sommer kommt sie und etwa die Hälfte der anderen Ziegen zu uns, um auf den Wiesen zu grasen. Wir schauen dann zu ihnen und geben ihnen neue Teile der Wiese, wenn sie nichts mehr zu fressen haben. Im Winter werden sie alle eingestallt.

Letzten Herbst, als es schon unerwartet früh schneite, war die Ziegenherde noch bei uns. An jenem Abend fingen wir um neun Uhr an, unseren Stall, der eigentlich nicht mehr für Tiere gedacht ist, umzurüsten. Eine Stunde später durften sie ins Trockene. Es schneite die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen waren wir froh, dass wir die Ziegen in den Stall gebracht hatten. Denn der ganze Zaun war eingeknickt, sodass sie sicher abgehauen wären. Auch war das improvisierte Zelt, das wir ihnen gemacht hatten, in sich zusammengefallen. Ich will mir gar nicht denken, was passiert wäre, wenn sie daruntergestanden wären . . .

Meine Ziege Orka gehört zu der Art der Strahlenziegen. Diesen Namen haben sie daher, weil ihr sonst ganz schwarzes Fell mit zwei weissen Streifen (Strahlen) im Gesicht vom Horn bis zur Nase versehen ist. Ausserdem haben sie weisse Fesseln. Sie gehört zu einer alten Rasse, die in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts fast ausgestorben war. Weil es sehr anhängliche Tiere sind, züchten heute wieder mehr Halter diese Rasse. Eine Ziege trägt fünf Monate, bevor sie das Baby zur Welt bringt. Im Herbst kommt der Bock zu unseren Ziegen. Er bleibt etwa einen Monat bei ihnen.

Nach der Geburt, ich durfte auch schon eine miterleben, bleiben die Kleinen ein paar Tage mit der Mutter in einem separaten, kleinen Bereich. Nachher stossen sie zu den anderen. Die erwachsenen Ziegen werden im Stall angebunden, die Zicklein dürfen sich frei bewegen. Meistens liegen sie bei der Mutter. Am Tag dürfen alle nach draussen. Dort können sie bei schönem Wetter die Sonne und bei schlechtem Wetter in Unterschlüpfen die frische Luft geniessen.

Ich bin begeistert von den Eigenschaften der Ziegen. Sie sind sehr gesellige Tiere. Sie fangen sofort an zu meckern, wenn sie von der Gruppe getrennt werden. Sobald sie ein neues Stückchen Land zum Grasen bekommen, schlagen sie sich zuerst den Bauch so richtig voll. Denn Ziegen sind Wiederkäuer. Sie legen sich nach dem Festmahl meist hin, um das Gras noch einmal gründlich durchzukauen, bevor es in den Magen Nummer zwei kommt. Zu dieser Zeit bin ich am liebsten bei ihnen.

Sobald ich mich an einem bequemen Platz niedergelassen habe, kommen die anhänglichen Tiere und machen es sich um mich herum auch bequem. Das monotone Kauen der Tiere wirkt sehr beruhigend und man kann so stundenlang einfach die Welt um einen herum vergessen. Den Rest des Tages sind die Ziegen hauptsächlich damit beschäftigt, herauszufinden, wie man am besten ausbrechen kann. Ziegen sind nämlich regelrechte Ausbrechkünstler: Die eine springt über den Zaun drüber, die andere kriecht untendurch.

Und die faulen Ziegen, zu denen meine Orka gehört, warten, bis es eine schafft, einen Ausgang zu finden oder den Zaun zu beschädigen, damit sie schön gemütlich durchlaufen können. So geht das doch am einfachsten.

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