Von Sina Fassi, 16 Jahre

Die Möglichkeiten, sich in einer Sportwoche in der Natur und drinnen in der Halle auszutoben, sind nahezu grenzenlos. So geschehen auch in unserem Fiescher Lager in der letzten Schulwoche, in der wir eine Gletschertour unternahmen.

Vor dem Portal des einen Kilometer langen, beleuchteten Tunnels durch den Tälligrat machten wir Halt und hörten uns aus dem Munde unserer Lehrer die Entstehungsgeschichte dieses Bauwerkes an. Früher, als der Grosse Aletschgletscher noch viel mächtiger und der hinter dem Tunnel, am Gletscherrand gelegene Märjelensee unberechenbar war und häufig ausbrach, richteten die riesigen Wassermassen zwischen 1813 und 1915 vor allem in Naters verheerende Schäden an. Wenn der Gletscher hoch stand, schwappte das Wasser während der Schneeschmelze oder nach starken Regenfällen auch ins nahe Fieschertal über. Deswegen erstellte man zur Entschärfung der Situation zwischen 1889 und 1894 einen Stollen. Aber nur einmal, 1896, floss Wasser durch das Bauwerk. Seither hat der Seespiegel die Sohle des Tunneleingangs nämlich nie mehr erreicht. So dient der Tunnel heute als beliebte Attraktion für wanderfreudige Touristen.

Interessant ist auch die Sache mit dem Gletschergelübde. Als der Grosse Aletschgletscher vor Jahrhunderten noch den Märjelensee über seine Ufer treten liess und die Gemeinde Fiesch überschwemmte, legten die Katholiken 1678 ein Gelübde ab, um sich vor Katastrophen zu schützen. Papst Innozenz XI. genehmigte dieses. Heute, da der Gletscher stark schmilzt, die Menschen aber auf das Trink- und Wässerwasser des Gletschers angewiesen sind, wurden die Fiescher bei Papst Benedikt XVI. vorstellig mit der Bitte, «das Katastrophen-Gelübde umzukehren und in der Prozession um göttlichen Beistand gegen den Klimawandel beten zu dürfen».

Bei der Durchquerung des Tunnels wurden wir durch das Vorbeibrausen von zwei grösseren Vehikeln jäh aus unsern Gedanken über die Klimaveränderung gerissen und in die heutige Wirklichkeit versetzt. Am anderen Ende angekommen, präsentierte sich uns eine einzigartige Aussicht. Bis zum Gletscher mussten wir nun nur noch etwa 20 Minuten abwärts wandern. Die zweite Wandergruppe zweigte zur Berghütte Gletscherstube ab. Bis hierher war der Aletschgletscher also einmal gekommen. Bei der Berghütte befinden sich auch die Orientierungstafeln über die Wasserversorgung und Näheres über die Landschaft, die als Unesco-Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch geschützt ist.

Dann kamen wir am Gletscher an. Hautnah am Eispanzer montierten wir uns die Steigeisen und die Kletter-Gurte. Wir teilten uns in drei Gruppen auf. Jede Gruppe bekam ein Seil. Damit banden wir uns gegenseitig an. Nach einem langen und anstrengenden Aufstieg über den Gletscher gab es eine grosse Mittagspause. Nachher gingen wir ein kleines Stückchen ohne Rucksack, um eine Abseilübung zu machen. Die Übung war spannend und lustig. Es war sehr aufregend, an einem Seil in einer Gletscherspalte zu «hängen» und zu wissen, dass das eigene Leben sozusagen in der Hand der Kollegen liegt. Nach dieser Übung machten wir uns auf den Rückweg zur Mittelstation auf der Fiescheralp. Die Jungs mussten dann noch den ganzen Weg zurück ins Tal wandern. Ich durfte zum Glück mit der Eggishornbahn nach unten fahren, um in der Unterkunft diesen Artikel zu verfassen.

Hier, auf der Sonnenseite der Walliser Alpen, hoch über dem Tal der jungen Rhone oder Rotte, wie die Gommer den Fluss nennen, umgeben von einer eindrücklichen Bergkulisse, lässt es sich sehr gut wandern. Am liebsten würde ich am 31. Juli 2014, wenn die nächste Gletscher-Prozession stattfindet, mit dabei sein.

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