Frau Zanoni, in gut sieben Jahren haben Sie rund 380 Fragen unserer jungen Leserinnen und Leser beantwortet. Wo drückt sie der Schuh am meisten?
Sarah Zanoni: Der Schuh drückt je nach Alter, Entwicklungsstand, Geschlecht und Umfeld immer woanders: vom unerfüllten Spielzeugwunsch über Konflikte in der Familie und mit Freunden bis zu Problemen in der Schule; von Ängsten aller Art bis zu den grossen Fragen über Gott und die Welt . . .

Sind neue Themen dazugekommen?
Kinder machen sich vermehrt Gedanken über die Entwicklung der Welt – also Umweltverschmutzung, Krieg, Armut. Ein anderer Fragenkomplex, der zugenommen hat, ist das Sozialverhalten in der Schule. Die Kinder wollen besser verstehen, warum sich jemand problematisch verhält und wie man ihm oder ihr helfen kann.

Beim Start der Seite waren Smartphones noch nicht so verbreitet unter Primarschülern wie heute. Wie wirken sie sich auf den Alltag der Kinder aus?
Konflikte deswegen sind im Familienalltag sehr häufig – dabei sind es fast immer die Eltern, die ihren Kindern die Geräte kaufen. Leider befassen sich viele Eltern zu wenig mit deren Risiken, zum Beispiel Cybermobbing: In meiner Arbeit habe ich allzu oft mit Betroffenen zu tun. Die Folgen sind gravierend: Noten sinken ins Bodenlose, das Selbstvertrauen sowieso, es entstehen grosse Ängste. Das klare Handeln aller Bezugspersonen ist ein Muss, um Kinder und Jugendliche vor diesen – oft völlig gedankenlos angefangenen – Plagereien zu schützen.

Finden Sie es sinnvoll, einer 12-Jährigen ein Handy zu Weihnachten zu schenken?
Das Kind befindet sich mit 12 Jahren auf der Schwelle zur Pubertät und steht kurz vor oder nach dem Übertritt in die Oberstufe – ein guter Moment für ein solches Geschenk, früher nicht. Dazu gehört aber auch, Abmachungen für die Nutzung zu treffen.

Oft hört man, der Leistungsdruck an den Schulen werde immer grösser. Stimmt das aufgrund Ihrer Erfahrungen?
Ja und nein. Einerseits wird von den Schülern mehr gefordert als früher. Andererseits haben sie oft schon viel Wissen angehäuft – nicht zuletzt dank der neuen Medien.

Was stresst denn Kinder wirklich?
Kinder stresst es, wenn sie nicht wissen, wie sie das Geforderte in der Schule meistern sollen. Dann brauchen sie die Hilfe einer Bezugsperson, zum Beispiel um die Vorbereitung auf einen Test sinnvoll über die Woche zu verteilen. Kinder stresst es zudem, wenn ihnen die erholsamen und wichtigen Momente des Rumhängens, Nichtstuns und freien Spielens fehlen, weil sie ein zu volles Freizeitprogramm haben.

Finden Sie, die Schule entwickelt sich in die richtige Richtung, Stichwort Lehrplan 21?
Ich finde es richtig, die Kompetenzen gezielt zu fördern. Ebenso wichtig ist es, auf das Methodische zu achten.

Was meinen Sie damit?
Kinder werden dazu angehalten, konzentriert, strukturiert und regelmässig Wissen zu speichern und komplexe Zusammenhänge zu verstehen und wiederzugeben. Was ihnen jedoch kaum beigebracht wird: Welches ist die optimale Lernmethode für den Einzelnen? Wie können sie ihre Motivation steigern? Wie können sie das Lernen gut organisieren? Das ist ein schwerwiegendes Versäumnis.

Alles in allem: Sind Kinder in der Schweiz glückliche Kinder?
Die «glückliche Kindheit» ist ein Mythos. Jedes Kind erlebt unglückliche Momente, auch wenn es gut behütet aufwächst. Konflikte zwischen den Eltern zum Beispiel belasten Kinder sehr stark. Auch von der Klasse abgelehnt zu werden, kann ein Kind deprimieren. In solchen Situationen ist es entscheidend, dass ein Kind von Eltern und Lehrpersonen ernst genommen und sein Wohl vorangestellt wird. Dazu kann auch gehören, externe Hilfe zu beanspruchen.

Wie können Eltern ihr Kind bestmöglich begleiten?
Sie sollen niemals aufgeben, ihrem Kind zu vertrauen und ihm Halt zu geben. Ganz konkret: Eltern sollen – einzeln oder gemeinsam – mindestens eine Viertelstunde pro Tag alles beiseitelassen und sich ausschliesslich ihrem Kind widmen. Und sie sollen es mindestens drei Mal pro Tag aufrichtig loben.

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